Stadtsteinach

Ansichtskarte beginnt zu leben

Vor über 100 Jahren verließ eine Todesnachricht Stadtsteinach. Jetzt ist die Karte am Ausgangsort zurück.
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Hier in der Hauptstraße 4 in Stadtsteinach wohnte die Familie des Händlers Friederich Simon und von hier ging die Ansichtskarte zu der Schwester Gunda, um die Todesnachricht und gleichzeitig die Nachricht von der Geburt ihrer Nichte zu überbringen. Repros: Siegfried Sesselmann
Hier in der Hauptstraße 4 in Stadtsteinach wohnte die Familie des Händlers Friederich Simon und von hier ging die Ansichtskarte zu der Schwester Gunda, um die Todesnachricht und gleichzeitig die Nachricht von der Geburt ihrer Nichte zu überbringen. Repros: Siegfried Sesselmann
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Siegfried Sesselmann In der Freizeit nutzt man oft das Internet, um Günstiges oder Seltenes zu betrachten, zu vergleichen und hin und wieder zu kaufen. So fand der Verfasser dieser Zeilen bei einem Online-Händler eine alte Ansichtskarte mit einem Stempel aus dem Jahr 1908, zwar nicht mit Ansichten von Stadtsteinach, sondern mit einem "Gruß vom Steinach-Thal" und vier Ansichten.

So waren abgebildet der Untere Eisenhammer (heute Hochofen), die Papiermühle (heute Papierfabrik), die Steinach-Klamm und der Waffenhammer. Doch die Karte müsste älter sein, denn man erkennt die Papiermühle vor dem Brand am 18. April 1902.

Als die Karte geliefert wurde, war es interessant, auch die Rückseite zu lesen. Es stellte sich die Frage, wer vor über 100 Jahren wem wohl was geschrieben hat. Adressiert war die Karte an Fräulein Gunda Simon, Lehrerin in Lauterecken in der Rheinpfalz. Zu lesen war: "Liebe Schwester! Ich teile dir mit, daß unsere liebe unvergeßliche Schwester heute (Montag) früh 2 Uhr nach Gottes unerforschlichen Ratschluße gestorben ist. Näheres kann ich dir leider nicht mitteilen, weil wir selbst noch nichts Näheres wissen. Sie starb an Typhus. Vater und ich haben sie nicht mehr lebend angetroffen. Wann die Beerdigung ist und ob sie überhaupt nach hier überführt werden darf, ist ungewiß. Es ist doch zu früh. Deine Anna."

Geschäft in der Hauptstraße

Die Tochter von Margareta und Andreas Kremer namens Kunigunda (geboren 1904) war wiederum mit dem Justizbeamten Christoph Karl Kießling verheiratet und kehrte 1937, nach dem Tod ihrer Großmutter Margareta Simon, wieder in das Haus ihrer Großeltern in die Hauptstraße 4 zurück. Sie führte das Geschäft bis 1974, also noch 37 Jahre weiter, bis es schloss. Nur noch schöne Bilder erinnern an diese Zeit und an diese Idylle, als man in Stadtsteinach alles kaufen konnte, was man zum täglichen Leben brauchte.

In Berlin entdeckt

So kam eine Ansichtskarte nach über 100 Jahren wieder zurück zu dem Ort, den sie mit Bildern auf der Vorderseite darstellt und mit einem Text, der in die Hauptstraße 4 in Stadtsteinach führte. Wo die Karte die 100 Jahre verbrachte und wie sie nach Berlin kam, wird ein ungelöstes Rätsel bleiben.

Aus der Vorderseite der Karte steht noch klein in eine Ecke geschrieben: "Mina (gemeint ist die Schwester Wilhelmine) hat noch dazu heute ein kleines Mädchen bekommen." So waren Tod und Leben so nah in der Familie Simon im Jahre 1908 beieinander.

In die Hauptstraße 4 zog um 1865 Friederich Simon (1839 - 1917) aus Vogtendorf bei Kronach ein. Er heiratete eine Anna Lotz aus der Deinhardsmühle und war von Beruf Händler, speziell Mehlhändler und erhielt deswegen den Hausnamen "Melmer". In zweiter Ehe heiratete er 1878 als Witwer eine Margarethe Hübner aus der Knollenstraße. Sie gebar fünf Mädchen - und aus diesem Haus wurde die Karte geschickt.

Die dritte Tochter war tatsächlich eine Kunigunda (Gunda) (1883 - 1971), die später Hauptlehrerin in Lichtenfels war und die vierte Tochter eine Anna Margareta (1891 - 1980), die später den Oberinspektor Karl Christoph Hebentanz heiratete. Die zweite Tochter namens Wilhelmine ehelichte den Wirt und Besitzer der Lorberbräu Heinrich Lorber in der Kronacher Straße 17. Die älteste Schwester Margareta zog in die Kronacher Straße 9 zu ihrem Mann, den Bäckermeister Andreas Kremer.

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