Haßfurt

Anonymität im Netz fördert Judenhass

Ludwig Spaenle, der Beauftragte der Staatsregierung gegen Antisemitismus, beklagte in Haßfurt die wachsende Intoleranz.
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Ludwig Spaenle bei seinem Vortrag im Landratsamt  Foto: Barbara Pittner
Ludwig Spaenle bei seinem Vortrag im Landratsamt Foto: Barbara Pittner

Auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge hatte es einst ein reges jüdisches Leben gegeben. Insbesondere das 17. und 18. Jahrhundert gilt als eine Blütezeit des Landjudentums in Unterfranken. Syna-gogen, Friedhöfe und Ritualbäder legen Zeugnis ab für die lange Tradition jüdischen Lebens in dem Gebiet. Doch heute gibt es keine jüdische Gemeinde mehr im Landkreis Haßberge.

Vor diesem Hintergrund und dem der jüngsten judenfeindlichen Geschehnisse in Deutschland wollte Landrat Wilhelm Schneider ein "deutliches Zeichen gegen menschenfeindliche, intolerante und undemokratische Einstellungen und Verhaltensweisen in unserer heutigen Gesellschaft" setzen und hatte zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Ludwig Spaenle eingeladen. Im Sitzungssaal des Landratsamts in Haßfurt sprach der Beauftragte der bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe über "Jüdisches Leben in unserer Heimat". Rund 60 Gäste waren dieser Einladung gefolgt, unter ihnen Stadt- und Gemeinderäte, Vertreter verschiedener Aktionsbündnisse wie "Demokratie leben!" sowie Schüler des Eberner Friedrich-Rückert-Gymnasiums.

Zuvor hatte Spaenle gemeinsam mit dem Landrat und Vertretern des Träger- und Fördervereins Synagoge Memmelsdorf das Dokumentationszentrum "Jüdische Lebenswege" in Kleinsteinach (Riedbach) sowie die sanierte Synagoge in Memmelsdorf besucht. Der Beauftragte gegen Antisemitismus zeigte sich beeindruckt von dem ehrenamtlichen Engagement, das hier seit vielen Jahren geleistet wird, und bezeichnete die Arbeit als vorbildlich.

In seinem Vortrag sprach Ludwig Spaenle insbesondere die aktuelle Situation jüdischen Lebens in Deutschland und den damit verbundenen Antisemitismus ein. "Das Bild des Antisemitismus hat sich verändert", erklärte Spaenle. "Wenngleich dieses Phänomen so alt wie das Judentum selbst sei, sei der "Antisemitismus früher in einer geschlossenen Blase unterwegs" gewesen. Mit der Entwicklung des Internets und den sozialen Medien, die eine Diskussionsteilnehmerin als "unsoziale Medien" bezeichnete, werde der Judenhass "explosionsartig befördert", stellte der frühere Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst fest. Es würden Tabus gebrochen, klare Signale gesendet. "Die Fratze des Antisemitismus kann sich hier uneingeschränkt und in einer neuen Form zeigen." Das Ziel der Anfeindungen sei immer die jüdische Bevölkerung, auch wenn sie nicht da ist. Neben dem rechtsradikalen Judenhass gibt es laut Aussage von Ludwig Spaenle einen "linksgestützten Antisemitismus", der sich in einer vehementen Kritik am Staat Israel bis hin zur Existenzbezweiflung des Staates äußere: "Der Staat Israel wird dämonisiert."

Zusätzliche Nahrung habe der Antisemitismus in Deutschland durch die Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre erhalten. Der "islamistische Antisemitismus", sagte Spaenle, habe eine "neue Form des Antisemitismus" nach Deutschland gebracht. Auch hier spielten das Internet und die sozialen Medien eine entscheidende Rolle. Die Anonymität, die das Netz gewährt, leiste dem Vorschub, sagte er.

Ein Umstand, der auch Steffen Vogel beunruhigt. Der Landtagsabgeordnete sieht darin eine "Verrohung der Gesellschaft". Denn die "Anonymität im Netz fördert auch den Hass im Netz", erklärte der Fachanwalt für Strafrecht.

"Ich habe die Reichsprogromnacht 1938 erlebt." Albert Meyer meldete sich spät in der Diskussionsrunde zu Wort. Aufmerksam hatte der ehemalige Staatssekretär, Jahrgang 1926, den Vortrag von Ludwig Spaenle und die anschließende Diskussion verfolgt. "Die schrecklichen Ereignisse dieser Nacht haben mich als Zwölfjährigen erschüttert und in mir wuchs eine innere Animosität gegen den Nationalsozialismus."

Für einen Moment herrschte Stille im Raum. Seine Sätze gaben der Forderung von Wilhelm Schneider, die er in seiner Begrüßung ausgesprochen hatte, eine zusätzliche Bedeutung: "Heute sind wir verpflichtet, es zu tun - aufzustehen und unsere Stimme gegen Intoleranz, Rassismus und Hass zu erheben.

Für Spaenle spielen die Erinnerungsarbeit und die Begegnung mit Juden eine entscheidende Rolle, um dem Antisemitismus entgegenzutreten. Beides pflegt der Landkreis. Gemeinsam mit der Partnerschaftsbeauftragten für Israel, Susanne Makowski, informierte der Landrat seinen Gast über die langjährige Partnerschaft des Landkreises mit Kiryat Motzkin in Israel. In Kooperation mit dem Kreisjugendring besteht ein regelmäßiger Austausch an Jugendgruppen zwischen dem Landkreis und der Kommune in Israel, einer Vorstadt von Haifa.

Information und Aufklärung sind der beste Weg, sichtbar zu machen, was geschehen ist und was sich nicht mehr wiederholen darf. Mit Ludwig Spaenle hatte Landrat Wilhelm Schneider einen Vortragsgast eingeladen, der ihn in seinem Ansinnen mit einer klaren These unterstützt. Ludwig Spaenle: "Bildung und Wissensvermittlung sind die besten Waffen gegen Antisemitismus."

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