Bamberg

Angst und Faszination zugleich

Eine Sonderschau im Bamberger Naturkunde-Museum beschäftigt sich mit dem nach Deutschland zurückgekehrten Wolf.
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Isabell und Benjamin gehörten zu den ersten Besuchern, die in der Sonderausstellung dem Wolf in die Augen blicken konnten. Foto: privat
Isabell und Benjamin gehörten zu den ersten Besuchern, die in der Sonderausstellung dem Wolf in die Augen blicken konnten. Foto: privat

Des einen Leid, des andren Freud. So könnte man die zwiespältige Gefühlslage beschreiben, die sich seit der allmählichen Rückkehr des Wolfs in unseren Landen manifestiert. Naturschützer bejubeln jede neue Wolfssichtung, besorgte Bürger und Weidetierhalter machen sich Gedanken um die Sicherheit. Debatten zu diesem Thema werden nicht selten emotional geführt, eine objektive Beurteilung bleibt oft außen vor. Eine neue Sonderausstellung im Bamberger Naturkunde-Museum möchte hier Abhilfe schaffen.

Nähert man sich von der Fleischstraße oder der Austraße kommend den großen Werbebannern des Naturkunde-Museums, starrt einem zunächst ein stechendes, fellumsäumtes Auge entgegen. Auf die Entfernung erkennt man die Lettern WER und WOLF. Handelt es sich hier etwa um eine Ausstellung zur Sagengestalt des Werwolfs? Mitnichten. Beim Näherkommen offenbart sich der Ausstellungstitel in Gänze: Wer ist der Wolf? Das ist auch der Anspruch der neuen Sonderausstellung des Museums.

Es geht darum, Aufklärung über das Wesen Wolf zu schaffen und gleichzeitig sollen die Herausforderungen verdeutlicht werden, die sich mit der Wiederbesiedelung dieses wilden Vorfahrens unserer Haushunde für die Bevölkerung ergeben.

Das ist durchaus ein schwieriges Thema, das kontrovers diskutiert wird und sowohl Ängsten als auch positiven Erwartungen Raum bietet. Die Spezies Wolf ist hierzulande meist mit einem negativen Image belegt. Man könnte es als das "Rotkäppchen-Syndrom" bezeichnen. Denn schon in der Märchenwelt spielt der Wolf in aller Regel die Rolle des Bösewichts. Doch dient er in den Märchen - folgt man psychologischen Analysen - nicht als das Wildtier selbst, sondern als Metapher für das Böse im Menschen.

Diese Erkenntnis nützt jedoch bei der Beurteilung der aktuellen Wiederbesiedelung dieses ursprünglich bei uns heimischen Wildtiers nichts, denn irgendwoher muss ja dieses negative Image kommen. Kommt es auch: Im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte gab es durchaus Perioden, in denen Wölfe überlieferungsgemäß aus menschlicher Sicht viel Unheil anrichteten. Vor allem in der Zeit während und nach dem 30-jährigen Krieg, als unsagbar schlimme Verhältnisse für die Bevölkerung herrschten, sind tödliche Wolfsangriffe auf Menschen zahlreich dokumentiert.

Doch diese Überlieferungen sind kritisch zu beurteilen, folgt man der Sichtweise mancher Wissenschaftler. Nicht nur die Lebensumstände waren damals völlig anders als heute, auch war seinerzeit die Tollwut, die besonders den Wolf zur "Bestie" machen kann, weit verbreitet. Dazu kommt, dass Wölfe aus politisch motivierten Verdrängungsmechanismen heraus als Sündenböcke für die grauenhaften Zustände infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen herhalten mussten. Fake News vor Jahrhunderten.

Jedenfalls begann in der Folgezeit die unerbittliche Jagd auf den Wolf, die dessen gänzliche Ausrottung zum Ziel hatte. Die Jagdmethoden waren aus heutiger Sicht äußerst grausam, wie ein recht kleines Exponat in der Ausstellung verdeutlicht: eine sogenannte Wolfsangel; diese spitzen Doppelhaken wurden, mit einem Fleischköder kaschiert, an Bäumen aufgehängt. Sprangen Wölfe danach, hingen sie zappelnd am Haken und verendeten ebenso langsam wie qualvoll. Die Bemühungen waren jedenfalls "erfolgreich": Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts war der Wolf in Deutschland gänzlich ausgerottet.

Als in den 1970er Jahren Canis lupus lupus - so der zoologische Name des Eurasischen Wolfs - in vielen europäischen Ländern unter Schutz gestellt wurde, begannen sich dort die Populationen zu erholen. Und er ging allmählich auf Wanderschaft, zurück in seine ehemaligen Lebensräume. Der erste Wolfswelpe wurde dann im Jahr 2000 auf einem Truppenübungsplatz in der sächsischen Oberlausitz geboren. Der erste durchziehende Wolf in Bayern wurde im Mai 2006 bei Pocking am Starnberger See gesichtet.

Neben solchen gelegentlichen Durchzüglern, wie sie kürzlich auch schon im Bamberger Raum gesichtet wurden, gibt es in Bayern inzwischen auch wieder standorttreue Wölfe: im Veldensteiner Forst, im Grenzgebiet Böhmischer-Bayerischer Wald, in der Rhön und auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr.

Es ist also abzusehen, dass sich diese Urform all unserer heutigen Pudel, Terrier, Dackel etc. weiter bei uns etablieren wird. In der Ausstellung kann man diese Ausbreitungsgeschichte nachvollziehen. Ebenso kann man etwas über die Vorbehalte erfahren, die damit einhergehen. Die Kuratoren des Museums haben sich bemüht, das Pro und Kontra objektiv darzustellen.

Die Herausforderungen

Denn schließlich ist es unbestreitbar, dass die Rückkehr des Wolfes neben positiven ökologischen Aspekten auch Herausforderungen an uns stellt. So gilt es, geeignete Maßnahmen zu realisieren, die Nutztierherden auf ihren Weideplätzen schützen. Greifen übliche Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune oder Herdenschutzhunde nicht und kommt es zu Verlusten an Weidetieren, ist die Politik gefordert, finanziellen Ausgleich zu schaffen.

Doch der potenziellen Gefahr für Nutztiere gilt nicht jene Hauptsorge, die Teile der Bevölkerung umtreibt. Mehr noch fürchtet man gemeinhin um Leib und Leben. "Wird Pilzesammeln gefährlich?" lautet denn auch der Untertitel einer der 14 Ausstellungsbanner. Die Antwort auf die Frage lautet "nein". "Das Risiko, in Europa von einem wild lebenden Wolf angegriffen zu werden, ist zwar größer als null, aber es ist so minimal, dass es sich nicht beziffern lässt", so die Studie eines norwegischen Instituts für Naturforschung.

Und den Begriff "Gefahr" sollte man dennoch objektiv betrachten: Neun tödlichen Wolfsangriffen auf Menschen seit 70 Jahren in ganz Europa stehen alleine 3275 Verkehrstote nur in Deutschland und nur im Jahr 2018 entgegen!

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