Kronach

Angeklagter wohl psychisch krank

Am dritten Verhandlungstag zur Brandstiftung im Kronacher Gefängnis eröffnete sich eine neue Sicht auf den Angeklagten. Die Ursachen für seine Tat, sowie sein auffälliges Verhalten während der gesamten Haftzeit, liegen offensichtlich tiefer als bislang angenommen.
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Der Brand in der JVA in Kronach zählte zu den größten Ereignissen im Feuerwehrjahr 2018. Noch immer ist der zweite Stock des Gebäudes nicht nutzbar. Foto: Marco Meißner/Archiv
Der Brand in der JVA in Kronach zählte zu den größten Ereignissen im Feuerwehrjahr 2018. Noch immer ist der zweite Stock des Gebäudes nicht nutzbar. Foto: Marco Meißner/Archiv

Magdalena Kestel Es sei ein Blackout gewesen. Er war nicht er selbst, habe neben sich gestanden. Er sei wie ferngesteuert gewesen. Die Sequenz lief wie im Film ab. Diese Äußerungen zum Brand in der Kronacher JVA (wir berichteten) machte der Angeklagte im Gespräch mit einem Psychologen. Der 28-Jährige muss sich wegen schwerer Brandstiftung und Körperverletzung vor dem Landgericht Coburg verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, am 30. August 2018 in seiner Zelle ein Feuer gelegt zu haben.

Am Montag berichtete ein Beamter der Kriminalpolizei dem Gericht von der Befragung des Angeklagten unmittelbar nach dem Brand. Zwei Vernehmungen hätten stattgefunden, beide Male sei die Tat abgestritten worden. Kurze Zeit nach der zweiten Befragung sei der 28-Jährige allerdings auf den Polizeibeamten zugekommen und habe gestanden. Im Verlauf der Ermittlung behauptet er jedoch, das Geständnis nur auf Drängen der Polizei abgelegt zu haben.

"Er brachte seine Zellengenossen in absolute Lebensgefahr", sagte der Kriminalbeamte. Das Glück der Häftlinge sei der vollständig abgeschirmte Toilettenbereich gewesen. Dieser habe das Eindringen giftiger Rauchgase in die Zelle verhindert. Ohne den dichten Toilettenraum hätten alle vier Häftlinge den Brand nicht überlebt, vermutet der Beamte.

Entzündete Matratze

Zudem vernahm das Gericht am dritten Verhandlungstag mehrere Zeugen zu einen Vorfall, der sich im Juli letzten Jahres ereignete. In der JVA Nürnberg wurde eine Matratze in Brand gesetzt. Die befindliche Zelle war zum damaligen Zeitpunkt vom Angeklagten und zwei weiteren Häftlingen besetzt. Ein Gefangener erlitt durch das leichte Feuer verkohlte Haare und Verletzungen an beiden Händen. "Es war nicht nachvollziehbar, wer die Matratze in Brand gesetzt hat", erzählte ein JVA-Beamter aus Nürnberg. Auch keiner der Zelleninsassen konnte etwas zur Brandursache aussagen. Alle gaben an, geschlafen zu haben und erst durch den Rauch aufgewacht zu sein. Wer für die entzündete Matratze verantwortlich ist, ist bis heute ungeklärt.

Im August letzten Jahres fand eine Anhörung in Kronach statt, in der über eine vorzeitige Haftentlassung des Angeklagten entschieden werden sollte. Der gebürtige Hesse saß zum damaligen Zeitpunkt wegen Diebstahls eine neunmonatige Haftstrafe in Kronach ab. "Er war sehr optimistisch", beschrieb die Kronacher Anstaltspsychologin seinen Gemütszustand. Die Vorsitzende Richterin entschied jedoch nicht zu seinen Gunsten.

"Dies war wahrscheinlich der entscheidende Impuls", vermutet der psychologische Sachverständige. Die Ablehnung auf frühzeitige Haftentlassung war nur wenige Tage vor dem Brand. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie schreibt dem Angeklagten am Ende des Prozesstages eine "Persönlichkeitsstörung schwerer Ausprägung" zu. Der Sachverständige erläuterte detailliert den "instabilen Persönlichkeitskern" des Angeklagten.

Suche nach Aufmerksamkeit

Schon seine Kindheit habe zu dieser Entwicklung beigetragen, in der er massive Gewalt durch seinen Vater erfuhr. Mittlerweile habe er seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm und fühle sich "im Stich gelassen". Auch mit zahlreichen Verlusterlebnissen hatte der Beschuldigte zu kämpfen - verstorbene Verwandte und Freunde, der Verlust des ungeborenen Kindes seiner Freundin.

Aufgrund der Persönlichkeitsstörung suche der 28-Jährige immer wieder nach Aufmerksamkeit. Schnittverletzungen und Hämatome, oft fraglicher Herkunft, führten zu unzähligen Arztbesuchen des Angeklagten. Beschädigung und Beschmutzung von Anstaltseigentum, Schlucken von Rasierklingen und mehrere Fluchtversuche wurden als weitere Verhaltensauffälligkeiten genannt. "Bei Nichtbehandlung der Krankheit und Fortführung der bisherigen Haftstrukturen können mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit weitere ähnliche Strafhandlungen vorkommen", resümiert der psychologische Gutachter. Die Verhandlung wird am Mittwoch fortgesetzt. Dann wird auch das Urteil gesprochen.

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