Lichtenfels

An einen Freund

L ieber Frank, eigentlich könnte ich dir ja auch erst in drei Jahren schreiben. Dann hast du deinen 40. Aber wer von uns kann schon sagen, ob er 2023 noch da sein wird, immerhin sind drei Jahre fast 1...
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L ieber Frank,

eigentlich könnte ich dir ja auch erst in drei Jahren schreiben. Dann hast du deinen 40. Aber wer von uns kann schon sagen, ob er 2023 noch da sein wird, immerhin sind drei Jahre fast 1100 Tage, und in 1100 Tagen kann ja nun wirklich viel passieren.

Du wirst es vielleicht nicht vermuten, aber tatsächlich hängt von dir ein Bild aus Kindertagen in meiner Stube. Damals fand ich deine Brille immer ziemlich unmöglich, aber je älter ich wurde, desto mehr ähneltest du für mich einem kindlichen Gerry Rafferty. Der trug auch so ein Ungetüm und auch wenn ich nicht behaupten kann, dass deswegen jemals Neid bei mir aufgekommen wäre, so erkenne ich doch an, dass jede Zeit ihre Moden hatte.

Ob du heute besser siehst als damals? Bei mir geht's noch so einigermaßen, aber ein Freund von mir (kennst du nicht) beginnt schon zu klagen. Aber derselbe Freund erzählt mir auch oft, dass ich für die wesentlichen Dinge eh blind bin.

Hast du jemals mitbekommen, was aus unserer alten Siedlung geworden ist? Na, wahrscheinlich nicht und ehrlich gesagt, ist es schon sehr traurig, wenn man sich heute dort umsieht.

Es gibt tatsächlich keinen Bolzplatz mehr und auch keinen Bäcker. Und wenn man Lust auf Leberkäse bekommt, muss man kilometerweit zum Einkaufen fahren.

Weißt du was lustig ist? Lustig ist, dass ich dir nach all den Jahren, in denen wir uns jetzt nicht gesehen haben, etwas von Leberkäse schreibe, dabei aber mittlerweile in Nachbarschaft zu einer Metzgerei wohne und mit Leberkäse im Grunde durch bin. Ich rühre das Zeug kaum noch an. Als Kinder konnten wir das jeden Tag essen und einmal, das weiß ich noch, aßen wir den am Nachmittag beim Spielen.

Den Ort, an dem wir spielten, weiß ich noch genau. Auf dem Foto in meiner Stube sitzt du ja drauf. Es ist die Umrandung des Sandkastens, in dem du deine heimlich gerauchten Kippen verbuddeltest. Ich habe seit damals nie mehr geraucht und nach dem, was ich von dir weiß, hast du es seit damals auch nicht mehr getan.

Einmal saßen wir ja an diesem Sandkasten, als es zu regnen begann. Du, der Stefan, der Volker und ich. Und Stefan schloss die Augen, öffnete den Mund und hieß den Regen willkommen.

Im nächsten Moment hatte Volker ihm eine Schaufel Sand verabreicht und es dauerte eine Viertelstunde, bis sich Stefan all den Sand aus dem Mund spucken konnte. Mensch, was haben wir gelacht.

Aber dann bist du mit 13 von uns weggezogen und das auch noch freiwillig. Wir haben uns seitdem nicht mehr gesehen, so wie ich Tobias seitdem im Grunde auch nicht mehr gesehen habe. Vermutlich ist er tatsächlich irgendwo Oberarzt geworden. Ansonsten weiß ich nicht mehr allzu viel aus unserer Kindheit. Wir haben uns ja seitdem nicht mehr gesehen, da verblassen Erinnerungen schon mal.

Ich werde dir, wenn ich dazu komme und es nicht vergesse, in drei Jahren einfach wieder schreiben. Dann hast du ja deinen 40. Es wird zwar dein 40. Todestag sein, aber eben auch ein runder.

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