Bamberg
Lesung 

Am Ende sind sie alle tot

Das Nibelungenlied, ein Urtext deutscher Befindlichkeit, wird am kommenden Wochenende im Theater-Treff komplett vorgetragen. Dafür sorgt ein Bamberger Uni-Dozent mit seinem 40-köpfigen Team.
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Szene aus den "Nibelungen" von Friedrich Hebbel am E.T.A.-Hoffmann-Theater - heute und morgen wieder zu sehen  Foto: Martin Kaufhold
Szene aus den "Nibelungen" von Friedrich Hebbel am E.T.A.-Hoffmann-Theater - heute und morgen wieder zu sehen Foto: Martin Kaufhold
Rudolf Görtler

"Uns ist in alten mæren wunders vil geseit / von helden lobebæren, von grôzer arebeit, von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen" - um das zu verstehen, muss man nicht Germanistik studiert haben oder genauer Mediävistik, Mittelalterforschung.
Einem Teilgebiet der Mediävistik hat sich Stefan Goller (47) mit ganzer Seele gewidmet. Der Akademische Oberrat lehrt an der Bamberger Universität deutsche Philologie des Mittelalters. Was wiederum heißt, er beschäftigt sich mit Sprache und Literatur der Zeit vor etwa 800 Jahren. Das ist die Hoch-Zeit des Mittelhochdeutschen, das sich doch erheblich vom heutigen Deutsch unterscheidet (siehe die Eingangszeilen oben), und exakt zu jener Zeit entstand ein Epos in 2379 Strophen, das jeder kennt. Oder kennen sollte.
Das Nibelungenlied, erst im 18. Jahrhundert wiederentdeckt, ist deutsch im guten und im schlechten Sinn. Die Geschichte von Siegfried, Hagen und Kriemhild, von Gunther und Brünhild, vom Drachenkampf, dem Meuchelmord und schließlich dem Untergang der Burgunden ist nationales Gut. Leider auch missbraucht vom Ersten Weltkrieg bis zu den Nationalsozialisten. Richard Wagner nutzte die Mythen mit nordischen Ergänzungen für seinen "Ring"-Zyklus, sie sind verfilmt worden von Fritz Lang (bahnbrechend) bis Harald Reinl (unsäglich). Friedrich Hebbel transformierte das Epos zu einem Drama, und Sibylle Broll-Pape inszenierte die Hebbel'schen Nibelungen als Einstandsarbeit im Herbst am Bamberger Theater.
Als flankierende Maßnahme (das Stück steht immer noch auf dem Spielplan) zum Monster-Drama, viereinhalb Stunden an zwei Abenden, haben Theater und Universität in Gestalt des Dozenten Goller eine Monster-Lesung anberaumt. Sie soll, firmierend unter dem Titel "Nibelungen durch die Nacht", alle ca. 10 000 Verse dieser Dichtung zu Gehör bringen. Rezitatoren sind in der Treff-Bar des E.T.A.-Hoffmann-Theaters am Freitag Bamberger Studenten mit Verstärkung aus Halle, wo Goller jahrelang lehrte. Das Nibelungenlied - im Mittelalter wurde es in der Tat zu Instrumentenbegleitung von professionellen Erzählern gesungen - ist unterteilt in 39 "âventiuren", was mit dem neuhochdeutschen Wort "Abenteuer" nur unzureichend übersetzt ist; man könnte auch Kapitel sagen. Gelesen werden im mittelhochdeutschen Urtext jeweils fünf âventiuren, dann gibt's eine halbe Stunde Pause. Es eröffnen Schauspieler des E.T.A.-Hoffmann-Theaters, vor jedem Block wird der Inhalt kurz zusammengefasst. Doch die Heldenepik, zu der das Nibelungenlied zählt, ist im Vergleich etwa zu Wolfram von Eschenbachs "Parzival" leicht zu verstehen.
Goller, der auch ein Projekt "MimaSch - Mittelalter an der Schule" ins Leben gerufen hat und Grundschülern mittelalterliches Leben und Dichtung nahebringen will, hat stets einige Determinanten zum Verständnis dieses bedeutenden Werks parat. Ein Verfasser ist namentlich nicht bekannt. Es war jedoch ein Verfasser, der um das Jahr 1200 am Hof des Bischofs von Passau wirkte. Der historische Kern des Epos sind Vorgänge aus der Völkerwanderungszeit um das Jahr 500, ergänzt durch mythische Überlieferungen wie Drachen, Zwerge und Zaubereien. Insbesondere die Erzählung um den (fast) unverwundbaren Siegfried, sein Kampf mit dem Drachen und seine Ermordung durch Hagen sind noch einigermaßen im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert, meint Goller, die Geschichte vom Untergang der Burgunden weniger. Ja, und worum geht es jenseits von Kampf und Abenteuer? Es geht darum, was passieren muss, damit alles zugrunde geht, sagt Goller, um Handlungsalternativen, die nicht eingeschlagen werden.
Letzten Endes handelt das Nibelungenlied von Menschen und Grundkonstanten menschlichen Verhaltens: Neid, Gier, Treue, Verrat. Ob vor 800 Jahren oder heute.


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