Bamberg

Alte Menschen nicht vergessen

Seit 30 Jahren gibt es den BRK-Besuchsdienst Bamberg. Für Gründerin Anne Rudolph ist es nach wie vor ein Herzensanliegen, gegen das Desinteresse an Senioren anzukämpfen.
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Luise Dippold freut sich, dass Anne Rudolph (Mitte) ihre Nachfolgerin als Leiterin des BRK-Besuchsdienstes, Dorothea Kaschta, vorstellt. Foto: Marion Krüger-Hundrup
Luise Dippold freut sich, dass Anne Rudolph (Mitte) ihre Nachfolgerin als Leiterin des BRK-Besuchsdienstes, Dorothea Kaschta, vorstellt. Foto: Marion Krüger-Hundrup

Marion Krüger-Hundrup Seit 14 Jahren lebt Luise Dippold (Name geändert) im Seniorenwohnheim Am Bruderwald: "Ich fühle mich hier wohl", lächelt die 94-Jährige. Ihr großes Zimmer mit Balkon strahlt eine persönliche Atmosphäre aus: eigene Möbel bis auf das Pflegebett, Fotos von ihrem verstorbenen Ehemann, ein Kruzifix an der Wand, der tagesaktuelle "Fränkische Tag" auf dem Tisch. Die betagte Dame ist körperlich eingeschränkt, aber geistig fit. So freut sich Luise Dippold über jeden, der angeregt mit ihr plaudert und sie wohl für einige Zeit vergessen lässt, dass sie inzwischen mutterseelenallein ist: Sie hat keine Angehörigen mehr.

Hochbetagte betroffen

So wie so viele Senioren, die in Bamberger Altenheimen wohnen. Ihnen bringen seit nunmehr 30 Jahren ehrenamtliche Männer und Frauen des BRK-Besuchsdienstes (Bayerisches Rotes Kreuz - Kreisverband Bamberg) ein wenig Licht in den Alltag. Anne Rudolph (74) hat diesen Dienst 1988 ins Leben gerufen und seitdem mit hohem Einsatz geleitet.

"Ich habe in meinem ehrenamtlichen Sanitätsdienst gesehen, wie traurig es oft im Leben von alten Menschen zugeht", begründet sie ihre Motivation. Die Würde des Menschen sei zwar im Grundgesetz verankert, "doch wird oft mit Füßen getreten". Besonders Hochbetagte seien betroffen, klagt Anne Rudolph. Doch am meisten habe sie das "generelle Desinteresse an ihnen in der Gesellschaft" belastet. Gründe also genug, um aktiv zu werden.

Anne Rudolph sammelte Gleichgesinnte um sich, die regelmäßig in verschiedenen Seniorenheimen Bewohner besuchen, zumeist wöchentlich für eine halbe Stunde, eine Stunde. "Wenn man 'neigeschmeckt hat, lässt es nicht mehr los!", sagt Anne Rudolph, zumal zwischenmenschliche Beziehungen aufgebaut werden. Dabei gehe es eigentlich nur darum, einem alten Menschen zuzuhören und ihm zu zeigen, dass er nicht vergessen sei.

Wie Luise Dippold etwa, die heute gleich von zwei Damen des BRK-Besuchsdienstes aufgesucht wird: Anne Rudolph hat Dorothea Kaschta (58) mitgebracht, die sich als neue Leiterin des Dienstes vorstellen möchte. Sie ist schon seit 2011 dabei, hat nun den Führungsstab von Anne Rudolph übernommen "weil in unserer Gesellschaft zwei Gruppen keine Lobby haben, nämlich Jugendliche und Alte". Das treibe sie um, gemäß des Wortes von Papst Franziskus "Liebt nicht mit Worten, sondern mit Taten". Eine der ersten Taten in neuer Funktion besteht darin, weitere Ehrenamtliche für den Besuchsdienst zu gewinnen.

Denn auch die bisherigen Helfer sind in die Jahre gekommen und brauchen Unterstützung von Jüngeren. "Niemand wird ins kalte Wasser geworfen", betont Dorothea Kaschta. Die sorgfältigen Einführungen, Schulungen, Erfahrungsaustausche, die Anne Rudolph organisiert hatte, sollen weitergeführt werden. "Bei uns ist es schön, auch Geselligkeit kommt nicht zu kurz", rühren die beiden Frauen die Werbetrommel.

Emotional fordernd

Sie verhehlen aber auch nicht, dass ein solcher Besuchsdienst emotional fordert. Dann zum Beispiel, wenn ein vertraut gewordener Senior "in die Demenz abrutscht oder stirbt", so Dorothea Kaschta. Man müsse mit der eigenen Endlichkeit klarkommen, ergänzt Anne Rudolph, um gleich etwas Aufbauendes hinzuzufügen: "Der Besuchsdienst übernimmt keine pflegerischen Tätigkeiten!" Und es sei auch nicht üblich, für Mitbringsel zu sorgen oder selbst etwas von den Besuchten anzunehmen.

Dass der Besuchsdienst nicht nur von den Senioren, sondern auch von den Hausleitungen und Pflegekräften gern gesehen wird, unterstreicht etwa Sonja Riedler: "Die Besuche sind sehr wertvoll, weil die Bewohner so Kontakte nach draußen haben", sagt die Leiterin der Sozialen Betreuung im Seniorenwohnen Am Bruderwald. Außerdem sei es im üblichen Arbeitsablauf gar nicht möglich, "dass wir Hauptamtlichen uns zwei Stunden in der Caféteria dazusetzen".

Mit einem kräftigen Händedruck und freundlichen Dankesworten verabschiedet Sonja Riedler die Frauen vom Besuchsdienst. Und Luise Dippold weiß, dass es bald wieder an ihrer Zimmertür klopfen wird: Besuch kommt!

Anne Rudolph muss aus gesundheitlichen Gründen zwar erst einmal pausieren, will aber in jedem Fall wieder einsteigen. Dafür findet sie Rückhalt beim BRK-Kreisgeschäftsführer Klaus Otto, der höchstpersönlich die Besuche bei Luise Dippold übernimmt.



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