Herzogenaurach

Als Werbung noch Reklame war

Um 1900 herum wurden die Menschen noch nicht auf allen Kanälen mit Angeboten überflutet wie heute. Dennoch bestand auch das Herzogenauracher Tagblatt etwa zur Hälfte aus Anzeigen.
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Im "Herzogenauracher Tagblatt" wurde alles beworben, vom Winterhut bis zum Haustrank. Repro: FT
Im "Herzogenauracher Tagblatt" wurde alles beworben, vom Winterhut bis zum Haustrank. Repro: FT

Klaus-Peter Gäbelein Hand aufs Herz, liebe Leser. Wie halten Sie es mit der Werbung? Werbung in Rundfunk und Fernsehen, Werbung per Post oder mittels Wurfsendung, Werbung im Internet - ehrlich gesagt: Mir reicht es, und zwar schon lange.

Bis etwa 1930 wurde der Begriff Werbung identisch benutzt mit dem Wort Reklame: "Anpreisen eines Produktes" bedeutete dies ursprünglich. Im Kino sahen wir in den Nachkriegsjahren "Reklamebilder": Für Zigaretten, für Schokolade wurde geworben, für den nächsten Film und von der Eisverkäuferin vor der Vorstellung für Jopa-Eis, später für Langnese und für Schöller. Uns Jugendliche nervte das: Wir wollten endlich den Film sehen, "Dick und Doof" oder "Winnetou und Old Shatterhand". Und auch im Fernsehen wurden die Werbeeinblendungen - Spots nannte man sie seit den 70er Jahren - immer aufdringlicher und nervender.

Und heute? Kaum ein Film oder eine Sendung, die nicht von Werbung unterbrochen werden, und natürlich immer an den interessantesten Stellen. Egal ob in den Print-Medien oder im Internet: Die "kommerzielle Kommunikaton" wie man sie heute nennt, hat uns fest im Griff: bisweilen primitiv und naiv, nervig - aber wir haben uns längst daran gewöhnt. Schließlich bleibt so Zeit zwischen den interessantesten Szenen für eine Zigarette, einen Toilettenbesuch oder für den Gang zum Kühlschrank, um ein frisches Bier zu holen.

Die ältesten Werbeanzeigen in Herzogenaurach kennt man aus dem "Herzogenauracher Tagblatt". Sie stammen aus der Zeit vor 120 Jahren, denn damals setzte die Werbung ein und sie war gleichzeitig auch eine Art Warenangebot für günstige Artikel des Alltags oder für Gebrauchsartikel.

Gerade einmal vier Seiten umfasste das "Herzogenauracher Tagblatt" um 1900, und knappe zwei Seiten davon waren voller Anzeigen. Konrad Bitter, "Buchhändler" in der Hauptstraße, warb für den "Regensburger Marienkalender" und ebenso für "Ansichtspostkarten" in "kunstvoller Ausführung" zum Preis von 10 Pfg. (Pfennige), die außerdem in "Kurzwarengeschäften" (Nähartikel, Stoffe und Strümpfe, Wäsche) angeboten wurden. Zinngießermeister Christlieb Welker (Marktplatz 39, später "Zinngießers Lud") warb mit "Milchhäfen für 32 Pfg., Kaffeetassen für 22 Pfg. sowie für Nachthäfen (42 u. 48 Pfg.)".

Malzkaffee von "Kathreiner" (bekannt in der weiß-blauen Packung) gab es bei Rudert in der Hauptstraße für 20 bzw. 40 Pfennige.

In Herzogenaurach und den umliegenden Gastwirtschaften in Kosbach, Kairlindach, Niederndorf, Neuhaus usw. wurde "gegen Magenleiden ein guter Haustrank" (Vollraths Heidelbeerwein) die Flasche für 90 Pfg. (herb) bzw. 1 Mark (süß) angeboten. Und man höre und staune: Es gab es noch folgende Anzeige "Wer sich glücklich zu verehelichen wünscht - für Damen Vermittlung kostenlos - wende sich vertrauensvoll an (XYZ) in Kempten i. Allgäu."

Und was wird das Folgende wohl gewesen sein, wenn es in einer Anzeige von 1903 heißt: "Sämtliche Damen- und Herrenkleider werden von heute ab zu jedem nur annehmbaren Preis ausverkauft, ebenso Radfahrer-Strümpfe, Hüte (85 Pfg.) und Strohhüte (90 Pfg.) bei Georg Kohler in Erlangen." Und schließlich lud der "Veteranen- und Kampfgenossen Verein" für Sonntag, 2. August, nachmittags 4 Uhr auf die Anhöhe des "Hirtenbuckkellers" zum Probeschießen mit der neuen Schnellfeuerkanone ein.

Soweit nur Auszüge aus dem Anzeigenteil. Interessante Nachrichten gab es auf zwei bis zweieinhalb Seiten. Man erfuhr das Wichtigste aus Rom, Nürnberg und Herzogenaurach(!), München, London und New York, Scheßlitz und Kronach! "Lokale Nachrichten" fehlten in keiner Ausgabe, auch wenn sie nur wenige Druckzeilen umfassten. Da wurde der "Jungschweinemarkt" angekündigt, aber auch auf die Gefahren des Genusses von jungen Kartoffeln verwiesen, weil diese schwer verdaulich seien. Man solle ein Glas kaltes Wasser nach dem Genuss derselben trinken, um Leibschmerzen zu vermeiden.

Schließlich lasen die Herzogenauracher in ihrem "Blättla" Familiennachrichten - wie heute auch. Eheschließungen, Todesnachrichten, ein Fortsetzungsroman ("Das Geheimnis des Landhauses") und die wöchentliche Beilage "Das Familienblatt" waren so interessant, dass das "Tagblatt" von Haushalt zu Haushalt weitergegeben wurde.

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