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Forchheim

Als Panzersperren in Forchheim standen

Eine dreiteilige Serie berichtet über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Forchheim und der Fränkischen Schweiz im April 1945. Der Kampfkommandant entschied, Forchheim mit allen Mitteln zu verteidigen. Er gab Befehl, die elf Brücken zu sprengen, die in die Stadt führten.
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Panzersperre am Sattlertor in Forchheim (Ausschnitt aus: Thomas Greif, Forchheim in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Hermann Ammon: Forchheim in Geschichte und Gegenwart, Beiträge aus Anlass der 1200-Jahr-Feier, Bamberg 2004, S. 406-431, hier S.424) Repros: Manfred Franze
Panzersperre am Sattlertor in Forchheim (Ausschnitt aus: Thomas Greif, Forchheim in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Hermann Ammon: Forchheim in Geschichte und Gegenwart, Beiträge aus Anlass der 1200-Jahr-Feier, Bamberg 2004, S. 406-431, hier S.424) Repros: Manfred Franze
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Vor 75 Jahren fieberten im April 1945 die Menschen in Forchheim und in der Fränkischen Schweiz dem Kriegsende entgegen. Die amtlichen Wehrmachtsberichte und auch die abgehörten "Feindsender" kündeten Tag für Tag die immer näher kommende Front an. Ab Ende März hörte man schon den Kanonendonner von Westfront her. Nahezu ungeordnet zogen sich Einheiten der deutschen Wehrmacht in den damaligen Landkreis Ebermannstadt zurück und wurden in den größeren Orten des östlichen Landkreises untergebracht.

Luftangriffe

In der Woche nach Ostern attackierte die amerikanische Luftwaffe gezielt die Transportwege in der Region. Am 5. April gab es beim Angriff auf den Haupt- und Güterbahnhof in Nürnberg 195 Tote, 480 zerstörte Weichen und 25 Kilometer zerstörte Gleise und in Bayreuth 88 Tote. Tiefflieger griffen am 5. und 6. April die Bahnlinien nach Ebermannstadt und Höchstadt an. Ein Postbediensteter starb bei Wiesenthau und sieben Personen im Zug nach Höchstadt, der im Bahnhof Forchheim stand.

Forchheim und die Fränkische Schweiz waren bei den insgesamt 16 Luftangriffen auf Nürnberg Anflug- und Sammelgebiet der feindlichen Luftgeschwader, die teilweise mit über 1200 Bombern und bis zu 600 Begleitjägern Angst und Schrecken einjagten. Allein zwischen dem 1. Januar und dem 14. April 1945 wurde in Forchheim 75 Mal Fliegeralarm gegeben.

Die Bewohner eilten dann in der Regel in ihre Hauskeller oder in den Kellerwald. Am "Weißen Sonntag", 8. April 1945, mussten sich die Mädchen - so die Aussage einer Zeitzeugin - auf dem Weg zur Pfarrkirche St. Martin "in ihrer Kommunionkleidung auf den Boden" werfen, weil Tiefflieger im Anflug waren.

Standrecht und Panzersperren

Einen Tag nach dem Fliegerangriff auf den Forchheimer Bahnhof verhängte der Forchheimer Stadtkommandant am 7. April das Standrecht. Damit setzte er ordentliche Gerichtsverfahren außer Kraft und zog das Recht an sich, per Standgericht sofort Urteile zu fällen und zu vollstrecken. Nach Hitlers Führerbefehl hatte der Kampfkommandanten die Pflicht, "den Ortsstützpunkt mit allen Mitteln zäh zu verteidigen und dadurch die Voraussetzungen für erfolgreiche Weiterführung des Kampfes in einem Frontabschnitt zu schaffen". In Forchheim mussten deshalb die drei Kompagnien des Volkssturms Panzersperren in den Ausfallstraßen Richtung Burk, nach Eggolsheim am Kanalhäuschen und in Richtung Reuth errichten. Sie bestanden meist aus einem Paar links und rechts der Straße eingerammten Baumstämmen oder - wie ein Foto aus der Sattlertorstraße zeigt - mehreren Eisenträgern, zwischen die dann bei Annäherung des Feindes Baumstämme gelegt werden konnten. Die Panzersperren waren um die zwei Meter hoch und sollten durch den Volkssturm verteidigt werden.

Die Verteidigung Forchheims

In Karl Kunzes Standardwerk "Kriegsende in Franken" finden sich keine Hinweise, welche Truppenteile in Forchheim zur Verteidigung aufgeboten wurden. In Augenzeugenberichten ist die Rede von einem "Divisionsstab", der Ende März nach Forchheim verlegt worden sei. Die Division selbst sei "aber nur auf dem Papier" gestanden und dazu bestimmt gewesen, "zurückflutende beziehungsweise sich absetzende Truppenteile aufzufangen und sie mit örtlichen Volkssturmeinheiten" einzugliedern.

Tatsächlich befanden sich in den drei Volkssturmkompanien, die an den Panzersperren Wache hielten, Wehrmachtsangehörige. Eine Flak-Abteilung sollte von ihrem Gefechtsstand bei Schlaifhausen aus die von Westen her anrückenden feindlichen Panzerverbände stoppen. Ihr Hauptmann Horst Schlusnus behauptete nach dem Krieg, er habe Forchheim vor der Zerstörung gerettet, weil er zum einen der örtlichen Parteiführung Flakkanonen für den "Straßenkampf in Forchheim" verweigert habe und zum anderen mit seinem Sperrfeuer über die Stadt hinweg die amerikanischen Panzer jenseits der Regnitz zum Halt vor Burk gezwungen habe. Das sei in der Nacht vom 14. auf den 15. April zwischen 2.30 und 4.30 Uhr gewesen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste der Kampfkommandant und die Kompanieführer des Volkssturms bereits, dass amerikanische Panzer aus Richtung Trailsfeld im Anmarsch waren. Ein Motorradfahrer hatte das im "Braunen Haus", der Forchheimer NS-Parteizentrale, gegen 18.30 Uhr gemeldet.

Zuspitzung der Krise

Tagsüber hatte sich am 14. April die Situation dramatisch zugespitzt. Ein Tiefflieger hatte beim Angriff auf den Bahnhof eine Frau getötet. Sollten jetzt die in vier Lazaretten untergebrachten 1100 Kriegsverletzten ausgelagert werden? Am Vortag hatte die NS-Kreisleitung schon selbst das Weite gesucht. Aber Transportmittel standen nicht mehr zur Verfügung.

Der Kampfkommandant entschied, die Stadt mit allen Mitteln zu verteidigen, und gab Befehl, die elf Brücken zu sprengen, die in die Stadt führten. Da war aber bereits "lebhaftes Maschinengewehrfeuer aus Richtung Buckenhofen zu hören", berichtete später Amtsgerichtsdirektor Karl Poiger.

Er selbst bewachte bei Einbruch der Dunkelheit als Zugführer mit einer Volkssturmkompanie die Panzersperren am Kanal zwischen Bamberger Straße und Schleuse am Friedhof. "Das Wahnsinnige der Situation und die Vision einer sinnlos in Trümmer gelegten Stadt ließen mir keine Ruhe", schreibt Poiger. "Was mir bis dahin unbestimmt als ein möglicher Ausweg vorgeschwebt hatte, war nun zum Entschluß gereift. Eine höhere Führung mußte mich", meinte er, "ausgerechnet am letzten für Forchheim entscheidungsvollen Tag auf diesen Posten berufen haben."

Er hatte Glück, als er seinen Stellvertreter, den Oberfeldwebel Johann Kaul aus Kunreuth, ins Vertrauen zog und sie dann beide als ein "Verschwörerpaar" über alles Standrecht hinweg den Kontakt zum anrückenden Feind suchten. Mit Fahrrädern machten sie sich auf den Weg in Richtung Hirschaid. Sicherheitshalber vergrub Poiger das weiße Handtuch, das ihm seine Frau mitgegeben hatte, bei Eggolsheim, weil ihm das dann doch zu gefährlich schien, wenn er einer der kontrollierenden SS-Streifen in die Hände fiel. Jenseits von Kanal und Fluss hörten sie das "Gerassel der feindlichen Fahrzeuge", die Kurs auf Buckenhofen nahmen.

Kurz vor Hirschaid, das "an vielen Stellen" brannte, wurden sie von zwei farbigen Soldaten festgenommen. Poiger drängte penetrant darauf, zur Stabsführung vorgelassen zu werden. Der aus dem Schlaf gerissene Kommandeur zeigte aber zunächst wenig Verständnis, von einem Bombardement Forchheims abzusehen. Schließlich seien alle Brücken gesprengt, Panzersperren errichtet und an der Regnitzbrücke heftig zurückgeschossen worden. Erst ein Kniefall habe dann den Kommandeur nach stundenlanger Auseinandersetzung dazu gebracht, ohne vorausgehenden Beschuss auf die Stadt vorzugehen. Trotzdem erkundete ein amerikanischer Spähtrupp erst die Lage. Er gelangte frühmorgens ohne Weiteres über die Gleise auf einer Draisine in die Stadt. Ihm folgte Oberleutnant Richard W. Rosebury mit sechs von einer Diesellokomotive gezogenen Waggons. Er sollte über Forchheim hinaus bis Baiersdorf fahren, hier und bei Möhrendorf die drei Brückenpaare über Regnitz und Ludwigkanal sichern, gegebenenfalls die Gleise reparieren und dann auf der Ostseite einen Brückenkopf errichten.

Rosebury stoppte aber schon am Güterbahnhof in Forchheim - aus welchen Gründen auch immer -, drang von hier aus in die Stadt ein und machte "im Kampf von Haus zu Haus" - wie er berichtete - 75 Gefangene.

Zeitzeugen ist von solchen Kämpfen nichts bekannt, wohl aber von heftigem Gewehrfeuer von Burk her in die Sattlertorstraße. Hier zählte ein 17-Jähriger "zwischen 9 und 11 Uhr" 27 Mann eines Stoßtrupps, der "beidseits der Sattlertorstraße von Deckung zu Deckung huschte." Zuvor hatte es in Burk und an der Regnitzbrücke zwei Tote gegeben. Zwei Volksturmleute fielen, weil sie ihre Stellung an den Panzersperren nicht aufgaben: Konrad Pfister und Josef Backer. Ein weiterer Volkssturmmann, Konrad Backer, verlor am Vormittag des 15. April in der Wiesentstraße sein Leben. Er hatte "auf einen Anruf der amerikanischen Soldaten nicht reagiert".

Kampflose Übergabe

Im Laufe des Vormittags rollten dann Panzer in die Stadt. Schritt für Schritt wurden Ämter besetzt und Gebäude durchsucht. Während die Einheimischen nur vorsichtig aus ihren Verstecken kamen, feierten die polnischen und russischen Zwangsarbeiter mit den Amerikanern und großem Geschrei erste Brüderschaften.

Offiziell übergab der Stadtkämmerer Schwarz um 14 Uhr die Stadt an die Siegermacht. Er hatte von dem geflohenen Nazi-Bürgermeister Förtsch die Stadtverwaltung übernommen und musste nun diesen bitteren Akt vollziehen.

Karl Poiger, der die kampflose Übergabe erst möglich gemacht hatte, saß zu dieser Zeit zusammen mit Johann Kaul und weiteren deutschen Offizieren in der "Gefangenensammelstelle" in Amlingstadt. Er sollte noch durch das Korps vernommen werden, wurde aber immer wieder vertröstet. "Ich sprach mit Kaul", erzählt Poiger. "Der meinte, man müsse eben warten. Von einer gemeinsamen Flucht wollte er nichts wissen. Ich war anderer Meinung."

Am Nachmittag flüchtete Poiger, versteckte sich in einer Hecke bis zum Einbruch der Nacht und kehrte dann "am frühen Morgen des übernächsten Tages mithilfe guter Menschen und nach einem Nachtmarsch über Stock und Stein wieder nach Forchheim zurück".