Coburg

Als bei Coburg Saurier lebten

Vor 200 Millionen Jahren war das Klima in der Region wärmer, die Landschaft sumpfiger. Allerdings befand sich die Region damals geographisch noch nicht da, wo sie heute zu finden ist.
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Peter Schumann (links) und Eckhard Mönnig vom Naturkunde-Museum Coburg mit dem Schädel von Coburgosochus Goeckeli im Depot des Museums. Die Schnauze mit den spitzen Zähnen wurde von Menschenhand rekonstruiert; Geborgen werden konnte in Untersiemau 1952 nur der Schädel (unten). Fotos: Simone Bastian, Naturkundemuseum Coburg
Peter Schumann (links) und Eckhard Mönnig vom Naturkunde-Museum Coburg mit dem Schädel von Coburgosochus Goeckeli im Depot des Museums. Die Schnauze mit den spitzen Zähnen wurde von Menschenhand rekonstruiert; Geborgen werden konnte in Untersiemau 1952 nur der Schädel (unten). Fotos: Simone Bastian, Naturkundemuseum Coburg
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Der Zweite Weltkrieg ist seit sieben Jahren vorbei, das Wirtschaftswunder in Westdeutschland keimt gerade auf. Herbert Göckel betreibt bei seinem Wohnort Untersiemau auf dem Familiengrundstück eine Sandgrube, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Burgsandstein, der ziemlich nah an der Erdoberfläche liegt, wird erst gesprengt und dann in Handarbeit weiter zerkleinert.

Dabei fällt Herbert Göckel an einem Frühjahrstag 1952 ein seltsam geformter löchriger runder Stein auf. Göckel vermutet sofort, dass es sich um einen Schädel handeln könnte und benachrichtigt den damaligen Direktor des Naturwissenschaftlichen Museums Coburg, Hans von Boetticher. "Das war einer der führenden Orntithologen seiner Zeit", sagt Eckhard Mönnig, Geologe am Naturkunde-Museum Coburg, wie die Einrichtung heute heißt.

Boetticher beauftragt Wissenschaftler der Universität Erlangen damit, den Fund zu bergen. Die Sprengung hatte den Schädel erheblich in Mitleidenschaft gezogen - die gesamte Schnauze war zertrümmert. Damit der Rest sich nicht buchstäblich verkrümelt, wird er mit Tapetenkleister getränkt. Angesichts dessen schüttelt Mönnig, selbst Geologe, heute noch den Kopf.

Am 8. März 1952 berichtet das Tageblatt über die Entdeckung. Die Versteinerung ist bereits als Saurierschädel identifiziert: Laut Tageblatt-Bericht geht man davon aus, dass er 120 bis 125 Millionen Jahre alt ist und zu einer acht bis zehn Meter großen Echse gehörte. Heute weiß man, dass der Buntsandstein, in dem der Schädel versteinerte, sich vor etwa 2010 Millionen Jahren anlagerte, und zwar in einem Flusstal.

In Erlangen untersucht der Paläontologe und Professor Florian Heller den Fund und beschreibt ihn 1953. Der Schädel gehört zu einer bislang nicht bekannten Gattung aus der Gruppe der Phytosaurier. Der neue entdeckte Saurier wird nach Finder und Fundort getauft: Coburgosochus goeckeli.

1954 kommt der Saurierschädel ins Coburger Museum und ist dort auch lange ausgestellt. Inzwischen nicht mehr: "Er hat ja diese Kieferprothese erhalten", sagt Eckhard Mönnig. "Damit passt er nicht mehr in die Vitrine." Um das Fundstück anschaulicher zu machen, wurde eine Schnauze rekonstruiert, aber die dürfte Mönnig zufolge nicht ganz passen: "Seine Zähne waren vermutlich kürzer und breiter." Auch der übrige Saurier ist nicht so groß, wie man zunächst annahm: Fünf Meter lang und krokodilsähnlich dürfte er gewesen sein.

Auch, wenn der Saurierschädel nun im Depot des Naturkunde-Museums liegt, so ist er doch in der Fachwelt bekannt und zieht Forscher aus der ganzen Welt nach Coburg. Zuletzt untersuchte Andrew Jones von der Universität Birmingham den Schädel für seine Doktorarbeit. Jones sah sich sogar in den Überresten der Sandgrube um, berichtet Peter Schumann.

Er ist der Schwiegersohn von Herbert Göckel, und ihm war es ein Anliegen, die Entdeckung zu würdigen und für die Nachwelt festzuhalten. Eckhard Mönnig ließ sich auf die Idee ein , und heraus kam eine über 50-seitige Broschüre zum Thema "Coburger Lebewelt vor 220 Millionen Jahren".

Damals, so Mönnig, "waren New York und Coburg noch nicht so weit auseinander". Deshalb ziert ein Gemälde von William Sillin den Umschlag, das im Dinosaur State Park von Rocky Hill zu sehen ist und das Saurier im Gebiet des heutigen Conneticut zeigt. Dort lebten die gleichen Gattungen wie im Coburger Raum, wie anhand von hier gefundenen Fußspuren belegt ist, erläutert Mönnig.

Die Kontinentalverschiebung hatte noch nicht eingesetzt, Europa und Amerika waren noch nicht getrennt. New York lag quasi auf der Höhe von Irland, und alles zusammen befand sich viel weiter südlich - "Coburg war etwa auf der Höhe von Kairo", sagt Mönnig.

Subtropisch warm war es in dieser Region, es gab lange Regenzeiten, und wenn in dem sumpfigen Gebiet Pfützen austrockneten, dann konservierte der Schlamm oft das, was sich darin befand. Das konnten Trittspuren von Sauriern sein, aber auch Fische, die oft gruppenweise verendeten. Für den Laien schauen manche dieser Fisch-Funde aus wie Steine mit seltsamen Verfärbungen. Auf anderen Platten sind die Fische deutlich zu erkennen. 1789 beschrieb Hermann Gottfried Hornschuch eine Platte mit elf Fischen, "Weißfischen ähnlich", die 1765 in einem "Steinbruch hinter Neuses" (vermutlich unterhalt von Schloss Falkenegg) gefunden wurden.

Hornschuch, Arzt, Lehrer und Naturforscher betreute das Naturalienkabinett des Coburger Gymnasiums Casimirianum. Die Platte mit den elf Fischen befindet sich heute noch im Fundus des Naturalienkabinetts des Gymnasiums, das, so Mönnig, auf einen Schrank zusammengeschrumpft ist.

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