Oberreichenbach
Wunschdenken 

Wünschen ist erst mal erlaubt

Ein kleines Schild ist dem Oberreichenbacher Altbürgermeister Karl Kress aufgefallen. Anlass für ein Gespräch zu Wünschen, der Meinungsäußerung im Allgemeinen und der Straßenausbausatzung im Speziellen.
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Konrad Kress ist das Schild aufgefallen. Er findet es schade, dass nur "der Michel" unterschrieben hat.
Konrad Kress ist das Schild aufgefallen. Er findet es schade, dass nur "der Michel" unterschrieben hat.
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Michael Busch

Ein wenig seltsam mutet das Schild schon an. Bereits seit den Weihnachtsfeiertagen hängt es an dem Laternenmast dort an der Einmündung des Tanzenhaider Weges in die Hauptstraße. Aufgefallen ist das Schild und der besondere "Weihnachts- und Neujahrswunsch" dem Altbürgermeister Oberreichenbachs, Karl Kress.
Der macht sich seine Gedanken dazu. Er meint nämlich: "Man kann den auf dem Schild stehenden Text auf unterschiedliche Weise lesen und interpretieren, je nachdem, wen der Verfasser als Adressaten wohl im Auge hatte." Denn ins Auge fallen erst einmal die groß geschriebenen Neujahrswunsch und Friedhof. Das ist noch kein guter Hinweis, da der Friedhof in Oberreichenbach existiert und es dort auch keine Probleme gibt.


Verständnis für Wünsche

Das Wichtige kann der Betrachter, wie so oft, dann zwischen den Zeilen lesen: "Gehsteig weiterbauen bis" steht dort in kleineren Lettern. Also, im Ganzen: Neujahrswunsch - Gehsteig weiterbauen bis Friedhof. Kress sinniert: "Vor dem Hintergrund, dass im Laufe des vergangenen Jahres im Zuge des Ausbaues der Ortsdurchfahrt der Kreisstraße an dieser ein Gehweg gebaut wurde, der dort endet, wo besagtes Schild hängt, lässt sich der Wunsch so verstehen, dass am Tanzenhaider Weg ein Gehweg bis zum Friedhof gebaut werden soll."
Das sei zunächst und aus Sicht des Bürgermeisters a.D. oberflächlich betrachtet sinnig. "Jeder kann selbstverständlich auch Wünsche äußern." Doch Kress spricht etwas anders an, was ihn bei dieser Art des Vorgehens stört. "Mir fehlt ein Adressat für diesen frommen Wunsch. Wenn er schon auf eine etwas kuriose Art und Weise, mit einem öffentlich aufgehängten Schild zum Ausdruck gebracht wird, müsste drauf stehen, von wem der Verfasser sich etwas wünscht."
Lächelnd meint er, dass das Christkind oder der Herrgott sicher nicht angesprochen sind, da diese in der Regel solche kommunalen Aufgaben nicht wahrnehmen. Doch andere "Wunscherfüller" sieht Kress auch nicht. Er vermutet, dass die für den Bau eines Gehweges an dieser Stelle zuständige Gemeinde respektive die verantwortlichen Gemeinderäte und der Bürgermeister angesprochen werden.
Kress ist als Demokrat davon überzeugt, dass es richtig und grundsätzlich gut sei, dass Mitbürger frei und offen ihre Meinung äußern. "Doch bitte möglichst direkt, dem Angesprochenen gegenüber, und nicht in anonymisierter Form." Er bemängelt, dass sich der "Wünscher" in diesem Falle sogar hinter der Allgemeinheit zu verstecken versuche. Denn als Absender liest sich im unteren Eck noch etwas kleiner die Unterschrift: "die Bürger". Mittlerweile überstrichen mit dem händischen Schriftzug "der Michel". Das könne bei dem einen oder anderen Betrachter des Schildes den Eindruck vermitteln, alle Bürger Oberreichenbachs würden dies so wollen. "Das kann ich mir aber wiederum gar nicht vorstellen."
Kress weiß um die Problematik, dass es Mitbürger in der Gemeinde gibt, "die gerne am Tanzenhaider Weg einen Gehweg bauen lassen würden, damit sie beim Besuch des Friedhofes oder des wenige Meter danach befindlichen Biergartens - vermeintlich sicherer - zu Fuß gehen können".


Keine befahrene Straße

Es gebe aber auch noch die Fakten, die es zu berücksichtigen gelte und die die Verantwortlichen oder Angesprochenen gerne an den "Wünscher" übermittelt hätten. Denn bei den Realisierungsüberlegungen durch die Gemeinde müsse berücksichtigt werden, dass der Fahrzeugverkehr auf dem Tanzenhaider Weg nach wie vor als geringfügig einzustufen sei. Dies gelte auch dann noch, wenn zum Beispiel anlässlich einer Beerdigung innerhalb einer Stunde gerade mal 30 Autos die Strecke befahren.
Auch die Biergartenbesucher in den Sommermonaten, auch die Auswärtigen, mit vielleicht 50 Autos pro Tag ändern an der minimalen Verkehrsbedeutung nichts. Die an ganz heißen Sommertagen bis zum "Badeweiher" in Tanzenhaid fahrenden zehn Autos könne man sogar ganz unberücksichtigt lassen. Verkehrssicherheitsstudien, bei denen die Frage einer höheren Sicherheit der Verkehrsteilnehmer durch die Trennung von Fußgänger- und Fahrzeugverkehr mittels Gehwegen neben der Fahrbahn immer wieder untersucht worden haben, zeigten, dass gesonderte Gehwege erst bei Straßen mit einer erheblichen Verkehrsfrequenz erforderlich seien. "Auf Straßen mit wenig Verkehr, wie hier gegeben, birgt die übliche gemeinsame Nutzung durch Fußgänger am Straßenrand und den sich daneben auf der Straße bewegenden Fahrzeugen, bei gegenseitiger Rücksichtnahme, kein höheres Risiko, auch nicht für den Fußgängerverkehr", sagt Kress.
Der am Tanzenhaider Weg gewünschte Bau eines Gehweges würde demnach, aus Sicht Kress', die Sicherheit für die dort laufenden Fußgänger nicht in dem erwünschten Maß erhöhen. Er warnt: "Würde deshalb der Gehwegbau von der Gemeinde realisiert, ohne vorher den damit verursachten finanziellen Aufwand mit dem zu erzielenden oder eben nicht zu erreichenden Nutzen abzuwägen, kann hier sehr schnell von einer eindeutigen Fehlinvestition gesprochen werden."
Weiterhin: Über die bei der Gemeinde anfallenden Kosten sei noch zu berücksichtigen, dass nach der geltenden Straßenausbaubeitragssatzung die wenigen Grundstücksanlieger im Bereich der gewünschten Fußwegtrasse in nicht unerheblichem Maße, per Kostenumlegung, an den Baukosten zu beteiligen wären. Außerdem haben diese, wenn der Gehweg dann vorhanden ist, auch noch die Räum- und Streupflicht im Winter und das Kehren im Sommer zu übernehmen.
"Ich kann mir gut vorstellen, dass diejenigen Mitbürger, die dies trifft, in Anbetracht der Tatsache, dass mit der Maßnahme zwar ein frommer Wunsch erfüllt werden würde, aber man damit nicht die vermeintlich höhere Verkehrssicherheit für die Fußgänger erreicht, absolut nicht den Neujahrswunsch befürworten werden", beschließt Kress.

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