Reith

Wie die Welt Schach spielt

Hobby  Globetrotter Dieter Keßler sammelt Figuren und Bretter. Die farbenfrohen Reiseerinnerungen laden nicht unbedingt zum Spielen ein.
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Souvenirs aus der ganzen Welt hat Dieter Keßler zusammengetragen. Der Reither sammelt Schachspiele. Hier hält er eine Figur aus Griechenland in der Hand. Fotos: Wolfgang Dünnebier
Souvenirs aus der ganzen Welt hat Dieter Keßler zusammengetragen. Der Reither sammelt Schachspiele. Hier hält er eine Figur aus Griechenland in der Hand. Fotos: Wolfgang Dünnebier
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VON Wolfgang Dünnebier

Reith — Ob Muslimbrüder, Sternenkrieger oder gefräßige Meeresfische: Dieter Keßler aus Reith kann in seinen Miniaturwelten unterschiedlichste Darsteller aufeinander loslassen. Er sammelt Schachspiele aus der ganzen Welt. 70 gemusterte Schlachtfelder hat er bisher in einer Vitrinenwand seines Gasthofes zusammengetragen.
"Schachspiele erzählen viel von der Welt", begründet Keßler seine Sammelleidenschaft. Für ihn haben die Exponate eine zusätzliche Bedeutung. So gut wie alle hat er selbst von seinen Reisen mitgebracht. Auf fast allen Kontinenten war er zum Teil unter abenteuerlichen Bedingungen unterwegs. Ohne ein zusätzliches Gepäckstück mit einem Satz Figuren kehrt er kaum zurück.

In Klapptisch untergebracht

Manchmal sind es ganz leichte Souvenirs. So, wie das hölzerne Spiel aus Thailand. Die Figuren sind recht hoch, wiegen aber fast nichts. Schon sperriger das Set aus Bali, welches in einem Klapptisch untergebracht ist. Stellt man den Tisch auf, hat man zugleich ein Schachbrett auf vier Beinen. "Das ist mein liebstes Stück", schwärmt Keßler.
Schwerer als das Gewicht manches Sammelstücks wiegt die Botschaft dahinter. Bei dem Spiel aus Ägypten mit Muslimbrüdern gibt es nur eine Frau. Immerhin darf die Dame dezenten Charme versprühen.
Eines der jüngsten Stücke in der Sammlung Keßlers stammt aus der Ukraine. Dorthin fuhr er vor drei Jahren mit dem Auto. Die Tour führte ihn bis nach Odessa und mit der Fähre via Istanbul zurück. Gut zwei Wochen war er unterwegs.
Das Mitbringsel aus der Ukraine kündet vom Selbstbewusstsein des aktuell umstrittenen Landes. Die Türme sind als lodernde Flammen ausgeformt. Ob es wohl die Flammen der Freiheit sind? Viel farbenfroher ist das Spiel aus Südafrika. Bunt mögen es offenbar auch die Südamerikaner. Auch die Spielfiguren von diesem Kontinent kommen recht grell daher.

"Wie einfache Menschen leben"

Häufig kündet die Gestaltung von den Lebensbedingungen der Menschen. So greifen Exemplare aus Meeresanrainer-Staaten oft Fische als Gestaltungsvorlage auf. Ein Spiel aus China ist gar aus Fischgräten modelliert.
Die Rundreise in dem Reich der Mitte absolvierte Keßler ohne Hotels. Er wohnte mit seiner Frau in Jugendherbergen oder landestypisch einfachen Hotels. "Da sieht man, wie die einfachen Menschen leben", umschreibt der Globetrotter den Reiz dieser Art des Reisens.
Auch am Rande des Karnevals in Rio ließ sich Keßler nicht von seiner Sammelleidenschaft abbringen. Ein Schachspiel als Mitbringsel musste schon sein.
Gar nicht so einfach sei es, auf attraktive Sammelstücke zu stoßen. Das verlangt Recherche vor Ort. Den Kauf zelebriert Keßler. Er fällt keine schnellen Entscheidungen. "Ohne zu handeln geht nichts", so Keßler. Es gelte, zu hohe Preiserwartungen für die häufig individuell gefertigten Stücke auf den Boden zurückzuholen. Für ihn sei am Ende nicht der materielle, sondern der ideelle Wert entscheidend. Mehr als 100 Euro pro Spiel habe er bislang kaum ausgegeben. Tatsächlich bewegen sich die Anschaffungskosten deutlich darunter.
Exotische Spiele gibt es übrigens auch in Europa. Etwa eines aus Tschechien mit Figuren aus Swarowsky-Kristallen. Oder aus Luxemburg von einem internationalen Limonadenhersteller. Dabei stellen Kühlschränke die Türme dar, Kronkorken symbolisieren die Bauern. Apropos Bauern: Für die Milchwirtschaft im Alpenvorland wirbt ein Spiel mit schwarz-weiß gefleckten Püppchen in Kuhform, die zum Teil an Eutern über das Feld gezogen werden.

Noch lange nicht reisemüde

Mit 60 Jahren ist Keßler noch lange nicht reisemüde. Verkauft hat er inzwischen eine Yacht, die er sich 2001 zugelegt hatte. Damit schipperte er in Etappen ab Schweinfurt bis nach Izmir. Unterwegs hatte er auch Kapitäne aus Russland und der Türkei angeheuert. "Wichtig ist mir die Begegnung mit Menschen", sagt Keßler. Man treffe sich, sei sich sympathisch und liege irgendwann auf gleicher Wellenlänge.
Wegen des Saisonbetriebes im Gasthaus Keßler bleiben meist nur der November und der Februar zum Reisen. Rund 10 000 Übernachtungen verzeichnet das Hotel im Jahr. Mit drei firmeneigenen Bussen werden Vereine zu bis zu zweiwöchigen Urlauben daheim abgeholt.
Nun ist also erst mal Pause mit dem Reisen. Neue Ziele hat Keßler schon im Hinterkopf. Ihm fehlen noch Schachspiele aus Australien und Nordamerika. Klar, wohin die nächsten Trips gehen könnten.
Kann man sich eigentlich die Wartezeit an Flughäfen, Bahnhöfen und Bushaltestellen mit den Neuerwerbungen vertreiben? "Spielen damit ist eher schlecht", schmunzelt Keßler. Es dauere zu lange, bis man sich über die Bedeutung der allzu fantasievoll gestalteten Figuren im Klaren ist.
Seine Leidenschaft für den Denksport dämpft das nicht. Im Familienkreis werden gerne konventionelle Figuren gerückt. Mit ihnen hat man stets den Überblick.
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