Lichtenfels
Geschichte 

Warum die Wahl 1950 wiederholt wurde

Beim CHW referierte Bernd Winkler über ein Ereignis, das in der noch jungen Bundesrepublik erstmalig war.
Artikel drucken Artikel einbetten
+1 Bild
Mit der Wahlwiederholung der Bundestagswahl 1949 im Wahlkreis Kulmbach/Lichtenfels stand ein außergewöhnliches Thema im Mittelpunkt eines Vortrags, zu dem der Lichtenfelser CHW-Bezirksgruppenleiter Gerhard Schmidt den Kulmbacher Bezirksgruppenleiter Bernd Winkler in die ehemalige Synagoge eingeladen hatte.
Der Referent ging zunächst, vor nur wenigen Zuhörern, auf den Wahlkampf im hiesigen Wahlkreis ein, der die kreisfreie Stadt Kulmbach sowie die damaligen Landkreise Kulmbach, Stadtsteinach, Naila und Lichtenfels umfasste. Der äußerst hitzig geführte Wahlkampf sei besonders durch die Wahlkampfveranstaltungen der Wirtschaftlichen Aufbauvereinigung (WAV), einer kurzlebigen Protestbewegung, und der Reaktionen der örtlichen Sozialdemokratie hervorgerufen worden. Das Auftreten des Landesvorsitzenden der WAV, des exzentrischen Münchner Rechtsanwalts Alfred Loritz, der kurzzeitig sogar bayerischer Staatsminister für Sonderaufgaben war und 1947 wegen Schwarzhandelsgeschäften in Untersuchungshaft kam, in den Wahlveranstaltungen und die Auseinandersetzungen mit der SPD habe tumultartige Szenen ausgelöst. Dabei sei der Kandidat der WAV, Hans Tichy, der als Sudetendeutscher dem Neubürgerbund angehörte, der eine Wahlgemeinschaft mit der WAV bildete, etwas in den Hintergrund geraten. Als großer Gegenspieler der WAV sei der 45 Jahre alte Installateur Friedrich Schönauer aus Kulmbach für die SPD ins Rennen gegangen. Er setzte sich bereits seit 1933 für die SPD ein und attackierte gleichzeitig die NSDAP scharf, weshalb er acht Monate im KZ Dachau zubringen musste. Winkler: "Einer weiteren Verhaftung entzog er sich durch Flucht, die ihn durch verschiedene europäische Staaten führte." Insgesamt sei er in 34 Gefängnissen und Lagern eingesperrt bzw. interniert gewesen, was sicher seiner Gesundheit sehr geschadet hätte.


Gegenkandidat aus Marktzeuln

Auch der CSU-Kandidat Georg Partheymüller aus Marktzeuln, der seit 1945 Bürgermeister seiner Gemeinde war, hatte wegen antinazistischer Betätigung drei Monate im KZ Dachau verbracht. Die CSU habe damals mit der starken Konkurrenz der ganz auf Bayern konzentrierten Bayernpartei zu kämpfen gehabt, für die im Stimmkreis Hans Fleischmann aus Kronach antrat. Karl Jung, von der damals relativ starken FDP und Max Högg von der KPD vervollständigten die Kandidatenliste. Während Kulmbach und Naila als SPD-Hochburgen galten, waren Lichtenfels und Stadtsteinach als CSU-Bastionen bekannt. Wie von der CSU-Seite befürchtet, nahm ihr die Bayernpartei viele Stimmen ab. So ging bei der Bundestagswahl am 14. August 1949 im heimischen Stimmkreis Friedrich Schönauer (SPD) mit 27 037 Stimmen (27,6%) als klarer Sieger hervor und erkämpfte sich das Direktmandat. Der nächstplatzierte Hans Tichy (20,7%) von der WAV zog über die Liste ebenfalls in den Bundestag ein. Die CSU erreichte nur die drittmeisten Stimmen (19,5%) vor der Bayernpartei (17,1%), FDP (11,7%) und KPD (3,4%).
Allerdings verstarb Friedrich Schönauer bereits am 2. April 1950. Da nach dem Tod des direkt gewählten Abgeordneten nach dem damals geltenden Wahlrecht ein neuer Abgeordneter zu wählen war, wurde der 14. Mai als Termin für die Nachwahl im Wahlkreis festgelegt, erläuterte der Referent.
Die SPD habe sich mit Wenzel Jaksch einen erfahrenen Politiker von auswärts geholt, der sich als Sudetendeutscher sehr für die Heimatvertriebenen einsetzte. Auch die CSU präsentierte mit dem Wirtschafts- und Finanzfachmann Dr. Johannes Semler aus München einen herausragenden auswärtigen Kandidaten. Erst durch ein gemeinsames Wahlbündnis der CSU mit der FDP und der Bayernpartei konnte sich Dr. Semler Hoffnungen auf einen Sieg machen. Die weiteren Kandidaten waren Alfred Loritz (WAV) und Max Kuß (KPD). Bei der Nachwahl am 14. Mai 1950 habe das Wahlbündnis CSU/FDP/Bayernpartei trotz großer Verluste mit 32 199 Stimmen (38,8%; bei der Wahl am 14. August 1949 waren es insgesamt 48,3%) knapp gesiegt, womit Semler in den Bundestag einzog. Die SPD erreichte 37,1%, die WAV 21,8% und die KPD 2,3%.
Bernd Winkler ging noch kurz auf den weiteren Lebensweg des Abgeordneten ein. Dieser habe sich unter anderem als Sanierer des Lkw-Herstellers Hentschel und als Aufsichtsratsvorsitzender und Sanierer von BMW einen Namen gemacht, sei aber beim Sanierungsversuch von Borgward gescheitert.


was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren