Neustadt bei Coburg

Von Georgien über Wien nach Neustadt gekommen

Neustadt — Die zahlreichen Komplimente zum 95. Geburtstag ließen Liane Bauer (geborene Abaschidse) nochmals um Jahre jünger werden. "Die Mama ist topfit", erzählte Tochter Evi. Die...
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Jubilarin Liane Bauer mit ihren Töchtern, Renate (links) und Susanne, sowie Oberbürgermeister, Frank Rebhan. Foto: Manja von Nida
Jubilarin Liane Bauer mit ihren Töchtern, Renate (links) und Susanne, sowie Oberbürgermeister, Frank Rebhan. Foto: Manja von Nida
Neustadt — Die zahlreichen Komplimente zum 95. Geburtstag ließen Liane Bauer (geborene Abaschidse) nochmals um Jahre jünger werden. "Die Mama ist topfit", erzählte Tochter Evi. Die Jubilarin interessiert sich für alles. Sie mag die Kultur, liest viel und gern und ihre Tageszeitung gehört noch immer zur täglichen Lektüre.
An ihrem Ehrentag erinnerte sich die vitale Jubilarin an jene Zeit, die Leben prägte. Am 5. April 1920 wurde sie in Georgien geboren. Der georgische Vater brachte seine Wiener Gattin aus seiner Studienzeit mit. Ihren älteren Bruder hatte Liane durch ein Unglück verloren. Als sie sechs Jahre alt war, "wurden wir durch den Kommunismus ausgerottet." Die Familie wurde enteignet, annektiert. "Alles, was wir besessen hatten, wurde uns genommen", erzählte sie. Als die Sehnsucht ihrer Mutter nach Wien wuchs, zog sie mit Tochter Liane, die zweisprachig ist, wieder nach Wien. Der Vater durfte nicht mitreisen, die Familie wurde durch die politische Lage getrennt. Durch den Überfall 1941 auf Russland brach der Briefkontakt zum Vater ab.
"Aber immerhin habe ich durch den Einmarsch in Österreich 1938 in Wien meinen Mann Joachim kennen gelernt", erzählte die Jubilarin. Damals arbeitete die gelernte Schneiderin in einer Kürschnerei, als der Soldat Neustadt im Nachbarhaus einquartiert war. 1943 heirateten sie in Wien und Töchterchen Roswitha wurde geboren. "Ich kann gar nicht schildern, wie wir in einer Großstadt gehungert haben. Nicht mal für das kleine Kind hat es Milch gegeben. Es gab täglich nur Erbsen - aber mit Erbsen haben wir überlebt".

Wiedersehen im fernen Georgien

Am 27. Mai 1946 konnte Ehemann Joachim nach den Kriegswirren seine kleine Familie, dank des BRK-Suchdienstes, in Neustadt in die Arme schließen. Mit einem kleinen Zimmer bei der Schwiegermutter fing die kleine Familie an. Vater Joachim bekam eine Arbeit bei der Grenzpolizei. 1973 kam plötzlich ein Brief aus Georgien. Alle würden noch leben. Liane Bauers Vater würde noch immer auf Frau und Tochter warten, wie auch die große Verwandtschaft in Georgien. Ein Jahr später gab es ein großes Wiedersehen. Liane Bauer flog mit ihrer Mutter dorthin. Erst da durfte sie ihren Vater wiedersehen.
In Neustadt bekam Roswitha noch zwei Schwestern, Evi und Susanne. Für ihre Familie war Liane Bauer immer da und umsorgte sie liebevoll. Sie nähte für ihre Mädchen die schickste Mode vom Feinsten, kreierte für sie sogar die Hochzeitskleider und für die Enkel das Taufkleid. Bei jeder Taufe stickte die Omi den Namen hinzu und schmückte es mit einer Schleife.
Nach dem Tod ihres Mannes 1998 zählt der "Gesellige Kreis" in der evangelischen Kirchengemeinde Sankt Georg jeden Montagnachmittag zu den Lieblingswochenstunden, die besonders guttun. Ihren Haushalt, Kochen und Putzen, erledigt die betagte Dame, soweit es möglich ist, noch immer selbst, obgleich sich die Töchter rührend um ihre Mutter kümmern. "Man muss sich immer wieder aufrappeln und darf sich nie hängenlassen. Denn auch in diesem Alter gibt es gute und weniger gute Tage", sagte die Seniorin. mvn

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