Schweinfurt
Lebensmittel  

Vom Kohl zum Kraut

Aus kindskopfgroßem Kohl wird im Kühne-Werk in Sennfeld die Beilage für Festtagsgerichte. Sein Blaukraut bekommt die Firma von Landwirten aus der Region.
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17 000 Tonnen Kohl gehen in Sennfeld jährlich vom Band.
17 000 Tonnen Kohl gehen in Sennfeld jährlich vom Band.
Fast jeder wird es über die Weihnachtsfeiertage einmal auf dem Teller gehabt haben: Blaukraut. Es gehört bei den Traditionalisten zu Festtagen wie Kugeln zum Baum. Ambitionierte Feinschmecker runden das eingekochte Kohlgemüse mit etwas Lorbeer ab. Die Bequemeren "verfeinern" die Fertigware aus dem Glas mit ein paar Apfelschnitzen.
Nördlich des Mains ist Blaukraut großteils unter dem Pseudonym "Rotkohl" bekannt. Und so steht es auch auf den bundesweit verkauften Gläsern von Kühne aus Sennfeld. "Rotkohl", wahlweise schon abgeschmeckt mit Apfel. Ins Sennfelder Werk kam Anfang Dezember eine Delegation des Landratsamts, darunter Landrat Florian Töpper, und ließ sich die Blaukrautproduktion zeigen.


Hochsaison

Quartalsmäßig besucht Töpper gemeinsam mit Vertretern seiner Abteilungen und der Agentur für Arbeit Schweinfurt ein Unternehmen seines Landkreises. Diesmal nehmen auch Sennfelds Bürgermeister Emil Heinemann und seine Gochsheimer Kollegin Helga Fleischer teil.
In den Wochen vor Weihnachten steckt die Produktion bei Kühne saisonbedingt im Blaukraut. Am Tag des Landratbesuchs läuft die Produktion auf Hochtouren. "Wenn wir arbeiten, dann volle Pulle", sagt Produktionsleiter Volker Winkelmann. Ganzjährig gefragte Produkte wie beispielsweise Meerrettich für den deutschen und ausländischen Markt sowie eingelegter Sellerie laufen zeitweise parallel.
Winkelmann und Werksleiter Volkmar Borrass führen die Besuchergruppe, die mit geliehenen Sicherheitsschuhen und roten Hygienemützen ausgestattet ist, über das Gelände und durch die dampfenden Produktionshallen: Der Einzelhandel muss seine Bestellungen stets ein Jahr im Voraus einreichen, erklärt Winkelmann.
Das Lager in Sennfeld, ein zweites gibt es im benachbarten Gochsheim, ist nach spätestens einem Jahr umgeschlagen. In Gochsheim lagern im Logistikzentrum mit 16 Hallen und 22 000 Quadratmetern Kühne-Produkte aller Art und von überall, darunter Grillsoßen, Röstzwiebeln oder Gemüsechips. Die Produkte warten dort auf ihre Auslieferung an den Einzelhandel in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.


Jahresverträge

So werden die Verträge mit Kühnes Lieferanten auch meist jahresweise verhandelt. Sein Blaukraut bekommt Kühne-Sennfeld von Landwirten in Junkershausen, Aubstadt (beide Lkr. Rhön-Grabfeld), Heidenfeld (Lkr. Schweinfurt), Unterpleichfeld und Bergtheim (beide Lkr. Würzburg).
Manche von ihnen bauen auch Gurken für die Kühne-Gewürzgurkenproduktion an. Erst Mitte Dezember hatte das Unternehmen Schlagzeilen gemacht, weil es ankündigte, einen Teil seiner Gurkenproduktion nach Bosnien auszulagern. Größeres Gemüse wie Rotkohl will Kühne jedoch weiterhin in Deutschland anbauen. Der relativ günstige Rohwarenpreis von 8,50 Euro pro 100 Kilo lohne keinen Transport aus dem personalkostengünstigeren Ausland, sagte Borrass damals gegenüber dieser Redaktion.
Die Blaukraut-Kampagne startet im Mai, deren Saison endet laut Winkelmann mit Weihnachten. An der Produktion sind neben zimmergroßen Maschinen auch Mitarbeiter am Laufband beschäftigt: So werden die gelieferten Kohlköpfe vom Strunk befreit, die Schneidemaschine in Streifen zerkleinert. Im Kochapparat wird das Kraut weich gekocht, die Rezeptur zum Würzen kommt aus der Hamburger Zentrale.
"Große und kleine Gläser haben nicht die exakt gleiche Rezeptur", erklärt Borrass. Sie sind für unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten. Und das fertige Blaukraut wandert entweder in Gläser, die mit Lake und Deckel anschließend pasteurisiert werden. Oder aber es kommt in Polypacks, das sind Gebinde aus Kunststofffolie, die vor allem in Großküchen zum Einsatz kommen. Mit Etikett versehen wird das Blaukraut dann entweder in den Sennfelder Werksverkauf, auf den Lkw zur Ausfuhr in den Einzelhandel oder zum Zwischenstopp ins Logistikzentrum nach Gochsheim gebracht.
Borrass nutzt den Besuch der Politik auch, um für eine bessere Erschließung des Gewerbegebietes in Gochsheim zu werben. Joachim Appel, dortiger Logistikleiter, wünscht sich eine Abfahrt am Schweinfurter Industrie- und Gewerbepark Maintal. "Die Lkw-Fahrer wissen momentan nicht, wo sie hin müssen." Auch über die Konkurrenz im Kampf um Fachkräfte gegenüber der Maschinenbaubranche klagt Borrass.
Der Nordrhein-Westfale Borrass lobt jedoch auch die fränkische Mentalität: "Die Menschen sind einzigartig, aber die Standortfaktoren können Nachteile sein." Nicht zuletzt wegen der zunehmenden Trockenheit in Mainfranken.
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