Coburg

Vom Können, Dürfen, Wollen und Sollen

Michael Stoschek denkt laut eigenem Bekunden nicht wie ein Politiker. Er glaubt vielleicht wirklich, dass es nur darum ging, Max Brose zu ehren. Aber mit Verlaub: Max Brose dürfte ...
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Michael Stoschek denkt laut eigenem Bekunden nicht wie ein Politiker. Er glaubt vielleicht wirklich, dass es nur darum ging, Max Brose zu ehren. Aber mit Verlaub: Max Brose dürfte den meisten Stadtratsmitgliedern herzlich egal sein. Nicht egal ist ihnen, was ihre Wähler denken. Und die sagen: Macht endlich Frieden mit Brose und mit Stoschek, damit es wieder Spenden für Vereine gibt. Habt euch nicht so wegen einer Straße, wenn Stoschek sie doch will. Denkt an die Arbeitsplätze, denkt an die Gewerbesteuer! Entscheidend ist hier, was die Leute glauben - und der gefühlte oder eingebildete oder durch Vermutungen, Ängste, Gerüchte aufgebaute Druck ist gleichwohl vorhanden.
Hinzu kommt, dass viele Leute im Hier und Heute fragen, was sie sich um die Nazivergangenheit scheren sollen? Das alles wird doch eh nur in Sonntagsreden beschworen, der Respekt vor den Opfern, die Scham fürs Geschehene, das "Nie wieder". Offenbar und leider ja. So lange jeder weiß, dass sich Zivilcourage nicht lohnt, weil der, der sich einmischt, den Ärger hat, weil Whistleblower, die auf Missstände aufmerksam machen, um ihre Existenz fürchten müssen, so lange Anpassung lukrativer erscheint als widerstehen, so lange werden es Sonntagsreden bleiben.
Was das mit Max Brose zu tun hat? Er habe keine Wahl gehabt, als sich anzupassen, meint sein Enkel Michael Stoschek. Das mag so sein. Doch es ist (leider) auch zu vermuten, dass er vieles von dem billigte, was das NS-Regime tat. Er wählte vorher die Parteien aus dem rechten Spektrum, er war Nationalist. Das von den Nazis so behauptete "Sozialistische", die "Volksgemeinschaft" war ihm vermutlich eher suspekt. Nein, Max Brose war vermutlich intelligent genug, um zu sehen, was geschah, intelligent genug, um sich so zu verhalten, dass er Nutzen zog, wo er ihn brauchte und sich ansonsten nicht gemein machen musste. Hinterher konnte ihm das gern als Distanz zum Regime ausgelegt werden. Oder, wie es sein Enkel tut, als "Anstand".
Coburg steht exemplarisch für ein Dilemma, in dem sich Deutschland generell befindet, im Kleinen wie im Großen. Wir verurteilen den Nationalsozialismus und alle, die ihn stützten, wir haben Verständnis für unsere Großeltern, wenn sie versuchten, irgendwie heil durchzukommen, und wir verstehen nicht, wie so ein bisschen Mitläufertum ihre Lebensleistung schmälern kann.
Wir verlangen Vorbildlichkeit und heischen gleichzeitig Verständnis für menschliche Schwächen. Max Broses gab es überall, aber nicht überall wird eine Straße nach den Max Broses benannt. Und gerade Coburg hätte meiner Ansicht nach gut daran getan, es nicht zu tun. Denn Coburg war in Sachen Nationalsozialismus den meisten anderen Städten Deutschlands voraus, nicht nur in Wahlergebnissen, sondern auch in der Brutalität. In den letzten Jahren hat die Stadt viel unternommen, das vergessen zu machen, mit Stolpersteinen, mit "Coburg ist bunt".
Doch nun einen Nazi-Mitläufer zu ehren (und das ist das offizielle Spruchkammerurteil) bedeutet auch, dass Coburg sich selbst freisprechen will, ohne sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt zu haben. Zu sagen "das mach ich schon noch" gilt da nicht. Es hätte vorher passieren müssen.
Coburg durfte, konnte und wollte eine Max-Brose-Straße haben.
Aber es hätte nicht sollen.
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