Forchheim

Straßennamen mit Geschichte

Andreas Oswald Es gilt heute wie damals: "Flüchtling, das ist einerseits ein terminus technicus, auf der anderen Seite aber auch ein stigmatisierender Begri...
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Andreas Oswald

Es gilt heute wie damals: "Flüchtling, das ist einerseits ein terminus technicus, auf der anderen Seite aber auch ein stigmatisierender Begriff." Der dies feststellt, weiß, wovon er spricht. Denn der promovierte Sprachwissenschaftler und ehemalige Forchheimer Kulturreferent Dieter George ist als Kind von Flüchtlingen in der Uhlandstraße und später in der Wilhelm-Raabe-Straße aufgewachsen.
Und er bekam seine Herkunft noch in der Schulzeit zu spüren: "George, gewöhn Dir Deine schlesischen Ausdrücke ab", sei er von seinem Deutschlehrer ermahnt worden, erinnert sich der 66-Jährige noch heute. Wobei auch damals schon alles über einen Kamm geschoren wurde, denn Georges Eltern stammten aus dem östlichen Egerland und nicht aus Schlesien.
Im Forchheim der Nachkriegszeit mussten wegen des enormen Zuzuges von Flüchtlingen neue Baugebiete ausgewiesen werden - schwerpunktmäßig im Forchheimer Norden. "Die Zahl der in Forchheim ansässig gewordenen Heimatvertriebenen betrug 6590 am 31. März 1959, das sind 32,32 Prozent der Gesamteinwohnerzahl", bilanziert Konrad Kupfer in seinem heimatkundlichen Werk "Forchheim - Geschichte einer fränkischen Stadt". Die Flüchtlinge kamen hauptsächlich aus dem Sudetenland. Es waren vorwiegend Egerländer, Braunauer und Böhmerwäldler, aber auch Schlesier und Ostpreußen. Ihre Heimatdichter spiegeln sich in den Straßennamen.


Zwei Fliegen mit einer Klappe

Dieter George hat eine eigene Abhandlung über "Forchheimer Straßennamen - Entstehung und Erklärung" verfasst. Amtliche Straßennamen gibt es in Forchheim demnach seit 1899. Die Benennung von Straßen nach Heimatdichtern in der Nachkriegszeit erklärt folgendermaßen: Man habe "zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen" wollen. "Zum einen gab es einen literaturhistorischen Nachholbedarf, zum anderen war dies eine Hommage an die Heimatvertriebenen." So erinnert die Adalbert-Stifter-Straße an den großen Dichter aus dem Böhmerwald, die Gerhart-Hauptmann-Straße an den 1862 in Schlesien geborenen Dramatiker und Schriftsteller, der in dem Drama "Die Weber" den Aufstand der schlesischen Weberzunft verarbeitet hat.
Die Paul-Keller-Straße ist dem 1873 bei Schweidnitz in Schlesien geborenen Schriftsteller und Publizisten gewidmet ("Die Insel der Einsamen"). Die Eichendorffstraße erinnert an den 1788 in Oberschlesien geborenen Lyriker ("Mondnacht: Es war, als hätt' der Himmel die Erde geküßt...").
Ob der heutige Flüchtlings-Zuzug einen Niederschlag in Straßennamen finden wird, bleibt abzuwarten: Kabul-Straße statt Kantstraße?
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