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Westheim bei Haßfurt

Sind wir aufgeklärt oder lassen wir uns lieber betäuben?

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I n einer großen deutschen Wochenzeitung Mitte Juni wurde die Frage erörtert, ob es eine Religion ohne Gott geben könne. Dietrich Bonhoeffer hat vor ungefähr 70 Jahren dem gegenüber die nahezu umgekehrte These formuliert. In einer mündig gewordenen Welt braucht es ein religionsloses Christentum. Alles andere sei Augenwischerei.
Der Unterschied ist klar: Im ersten Fall wird Gott abgeschafft, im zweiten die Religion. Aber was kann dieser Unterschied bedeuten, denken wir beide doch normalerweise zusammen? Eine mögliche Antwort, wenn es sich hier nicht lediglich um Wortspielereien handelt, ist folgende: Religion, mit oder ohne Gott, wird dazu missbraucht, Menschen in Mythen festzuhalten.
Die Rede vom notwendigen Wachstum und/oder notwendiger Flexibilität oder einer stetigen Aufrüstung (zum Beispiel bewaffnete Drohnen) aufgrund wahrgenommener oder eingebildeter Bedrohung ist vor diesem Hintergrund hoch religiös. Gebetsmühlenartig und ganz oft auch schlicht zwanghaft, weil man einfach nicht mehr anders denken kann, werden entgegen besserer Einsicht immer dieselben Sätze wiederholt. Gott kommt hier nicht vor. Eine gottlose Religion also? Sehr wahrscheinlich.
Freilich ist genau diese Aussage ein Tabu. Jeder kennt es und widersetzt sich im Inneren vielleicht sogar. Aber es fällt schwer, das Tabu selbst auch laut auszusprechen, geschweige denn sich ihm handelnd zu widersetzen. Denn Religion scheint dem Menschen wichtiger als Gott. So mancher Vogel kann ohne seinen Käfig nicht mehr leben. Das ist religiöser Zwang, nicht freier Glaube.
Wer sich aber der Unterscheidung zwischen Gott und Religion öffnet, für den tut sich eine neue Welt auf. Mehr noch: Er kann zum Beispiel Religion und Liturgie unterscheiden. Denn wie sehr Bonhoeffer Religion ablehnte, Liturgie, gemeinsames Singen und Beten waren für ihn Übungen in gelebter Freiheit: Liturgie öffnet den Raum, den religiöse Inszenierung wo auch immer zu verschließen sucht.

Etwas Schönes

Damit kann wirklich etwas Schönes gesagt werden: Aufklärung richtet sich kritisch gegen alles Religiöse. Sie richtet sich nicht gegen Liturgie und auch nicht gegen Gott. Die großen Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts wussten dies. Die wichtige Frage in vielen tabubesetzten Bereichen ist: Sind wir aufgeklärt oder lassen wir uns lieber betäuben, mit oder ohne Gott?

(Dr. Urs Espeel ist evangelischer Pfarrer in den Kirchengemeinden Westheim und Eschenau.)

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