Bamberg

Sind Jehovas Zeugen tatsächlich christlich?

Bamberg/Erlangen — Hans Markus Horst ist Leiter der Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen des Erzbistums Bamberg in Erlangen. In seiner täglichen Arbeit wird der promovierte Th...
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Markus Horst
Markus Horst
Bamberg/Erlangen — Hans Markus Horst ist Leiter der Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen des Erzbistums Bamberg in Erlangen. In seiner täglichen Arbeit wird der promovierte Theologe immer wieder mit Anfragen zu den Zeugen Jehovas konfrontiert. Als "Sekte" bezeichnet er diese religiöse Sondergemeinschaft zwar nicht, macht aber deutliche Unterschiede zu den christlichen Kirchen aus. Unsere Zeitung sprach mit ihm.

Die Zeugen Jehovas bezeichnen sich selbst als "christliche Glaubensgemeinschaft". Wie christlich sind sie tatsächlich?
Markus Horst: Konfessionskundlich gehören die Zeugen Jehovas zu den endzeitlichen Gruppen und sind im 19. Jahrhundert entstanden. Ihre wichtigsten Sonderlehren, die sie von den christlichen Kirchen deutlich unterscheiden, betreffen das Schriftverständnis, die Dreifaltigkeit, die Eschatologie, Moral, Blutfrage, Glaubenspraxis oder Feiertage.

Wie beurteilt die katholische Kirche diese Gemeinschaft?
In den Augen der Katholischen Kirche sind die Zeugen Jehovas eine religiöse Sondergemeinschaft. Eine Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas und eine Mitgliedschaft in der Katholischen Kirche schließen sich gegenseitig aus. Dementsprechend gibt es kein gegenseitiges Taufanerkenntnis. Das exklusive Glaubensverständnis der Zeugen Jehovas verhindert die ökumenische Zusammenarbeit mit anderen christlichen Kirchen: "Wir sind kein Teil der Christenheit." Zeugen Jehovas glauben, dass sie allein im Besitz der christlichen Wahrheit sind. Die christlichen Kirchen gehören für sie zum "Weltreich der falschen Religion", die dem Aberglauben verfallen sind. Die Katholische und die Evangelische Kirche werden als "die Hure Babylon" bezeichnet.

Die meisten Bürger kennen Zeugen Jehovas durch ihre Missionstätigkeit an Haustüren. Wie sollte man auf solche ungebetenen Aktionen reagieren?
Es ist nicht ratsam, sich als theologischer Laie auf Streitgespräche mit den Zeugen Jehovas einzulassen, da die meisten Menschen der geschulten Gesprächsführung der Zeugen nicht gewachsen sind. Man sollte klar sagen, dass man keine weiteren Besuche wünscht, weil kein Interesse besteht, sich einer anderen Glaubensgemeinschaft anzuschließen.

Aussteiger berichten von autoritären Strukturen, "Gehirnwäsche" und Indoktrination innerhalb der Gemeinschaft. Trifft das alles zu?
Diese Aussteigerberichte können wir aus unserer Beratungspraxis bestätigen. Die Leitende Körperschaft führt autoritär und fordert absoluten Gehorsam von den Mitgliedern. Kritik ist nicht erwünscht.
Sittliche Verstöße oder Abtrünnigkeit werden vom Rechtskomitee gegebenenfalls mit Gemeinschaftsentzug geahndet. Soziale Kontakte zu Nicht-Zeugen werden nicht gerne gesehen. Das kann zu erheblichen Spannungen und persönlichem Leid führen, wenn es innerhalb einer Familie Mitglieder und Nicht-Mitglieder gibt. Menschen, die aussteigen, riskieren, völlig alleingelassen zu werden und isoliert zu sein.
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden Zeugen Jehovas (Bibelforscher) verfolgt und viele in Konzentrationslager deportiert. Erwächst daraus eine Verpflichtung, respektvoll und tolerant mit ihnen umzugehen?
Dass die Zeugen Jehovas neben Juden, politischen Gefangenen, Homosexuellen und anderen Gruppen Opfer des Nationalsozialismus geworden sind, ist zu bedauern. Dennoch darf das konfliktträchtige Potenzial dieser Gruppe deshalb nicht übersehen werden. Selbstverständlich muss aus christlicher Sicht mit jedem Menschen, gleich welcher Religionszugehörigkeit oder moralischen Verhaltens respektvoll und tolerant umgegangen werden. Dazu sind wir auch nach dem Grundgesetz verpflichtet. Im Gegensatz zu den Zeugen Jehovas hat sich die Katholische Kirche im II. Vatikanischen Konzil (1963-65) von einem exklusivistischen Religions- und Glaubensverständnis verabschiedet (siehe Konzilsdokument "Nostra Aetate"). Ebenso gehört die Religionsfreiheit zum Grundverständnis der katholischen Weltanschauung.

Das Gespräch führte
Marion Krüger-Hundrup


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