Sie brachten Weltruhm in die Pampa

Musikgeschichte   Ob AC/DC oder Udo Lindenberg, ob Motörhead, Frank Zappa oder Bon Jovi: Zwischen 1978 und 1988 gab es kaum einen Musik-Star dieser Welt, der nicht seine Visitenkarte in der Hemmerleinhalle von Neunkirchen abgegeben hätte.
Artikel drucken Artikel einbetten
+6 Bilder
von unserer Mitarbeiterin Petra Malbrich

Neunkirchen — "Es fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube, als das Aus für die Hemmerleinhalle als Konzerthalle bekannt wurde und dort künftig Tennis gespielt werden sollte", erinnert sich Friedel Werner aus Egloffstein.
Tatsächlich schlugen dann ein paar ältere Herren den Ball übers Netz. Dort, wo vor kurzem noch Weltstars und Kultbands aus aller Welt wie AC/DC, Iron Maiden, Motörhead, aber auch Udo Lindenberg oder Krokus, ihre Songs, Gitarrenriffs und Schlagzeugsolos zum Besten gaben, Teenies zum Kreischen brachten und die Angst vor Drogen teils die Eltern dazu bewegte, ihre Kinder in die Halle zu begleiten.
Wird jetzt gerade wieder überlegt, welche Bestimmung die Hemmerleinhalle erhalten soll, war von 1978 bis 1988, im Mai fand das letzte Konzert statt, klar, was die Hemmerleinhalle ist: Eine legendäre Konzerthalle, die Besucher selbst aus Berlin in die Marktgemeinde lockte.
Rainer Hänsel spielte die Halle ein. Damals gab es kaum geeignete Lokalitäten und der Konzertmogul suchte Turnhallen, um den von ihm engagierten Stars eine Bühne zu geben. Irgendwann fand er die Halle in Neunkirchen. "Die Halle war in der Pampa, aber das Publikum war mobil", sagt Peter Harasim, Geschäftsführer des Konzertbüros Franken, der damals als Journalist über jedes der Konzerte in Neunkirchen berichtete.

Bon Scott getragen

Als Rainer Hänsel aufhörte, übernahm er das Konzertbüro. BAP und Megadeth waren die zwei Konzerte, die unter seinem Management noch in Neunkirchen stattfanden. "Es waren viele Amis bei allen Konzerten. Die haben sich in Busse gesetzt und sind völlig abgefüllt angekommen. Wegen ihnen war das Programmangebot an amerikanischen Bedürfnissen ausgelegt und Bands, die in Mannheim oder anderen Gegenden, wo eher Franzosen stationiert waren, niemanden interessiert hätten", erklärt Harasim, der natürlich auch Backstage durfte und so Interviews mit AC/DC und anderen Kultbands ergatterte. "Bon Scott, der legendäre Sänger der australischen Band wurde von einem Rowdy durchs Publikum getragen. Die Fans haben eine Gasse gebildet", erinnert sich Friedel Werner. Bon Scott sang so seine Lieder ins Mikrofon. Frank Zappa trat in Neunkirchen auf, REO Speedwagon, sogar Bon Jovi war dort. "Es war ein Treffpunkt par excellence. Alle Cliquen haben sich hier getroffen. Sogar aus Berlin sind die Leute gekommen", erinnert sich Ute Wein aus Nürnberg.
Sie war auch bei fast jedem Konzert mit ihren Freundinnen hier. Die Band Rainbow war ihr erstes Konzert. Bei den Konzerten lernten die jungen Frauen den Konzertpromoter kennen, den sie einfach Cowboy nannten. "Wenn wir ihn in guter Laune erwischt hatten, machte er uns die Tür hinten auf", sagt die Nürnbergerin. Sie konnten dann die Künstler kennen lernen. Manche Fans durften auch über eine kleine Treppe zu einer Art Rundgang hinauf. Dort durften keine Fans hin. Nur Fotografen. Sex-Meile wurde dieser Rundgang genannt, wie Harasim noch weiß und auch warum. Doch diese Erlebnisse gehörten nur am Rande dazu. Bücher füllen die Erinnerungen an die Bandmitglieder.
An die Kinks beispielsweise, die mit "Lola" oder "You really got me" gerade zwei Hits in Deutschland hatten. In Amerika war die Band eine Rock`n Roll Band mit Kultstatus wie die Rolling Stones. Umso erstaunter waren die Mitglieder, als sie zu ihrem Konzert in die Hemmerleinhalle kamen. "Die war bestuhlt. Warum, weiß niemand", erinnert sich Harasim. Die Kinks rockten und dann wollte der Sänger Ray Davis Stimmung machen. "Er sprang von der Bühne und zerrte die Leute, die in der ersten Reihe saßen nach oben, auf die Bühne", sagt Peter Harasim. Die vierte Person, die auf die Bühne geholt wurde, konnte dort kaum stehen. "Der Mann schaute entsetzt, auch der Sänger war entsetzt, als er sah, dass der Mann ein Holzbein hatte. Ganz vorsichtig brachte er den Fan wieder von der Bühne. ",Very sorry' murmelte er", erinnert sich Harasim über die "Stimmungsmache", die dann zunächst ins Stocken geriet. Das konnte der Sänger nicht wissen, es tat ihm auch leid.

Stars mit Macken

Manche Stars hatten auch ihre Macken. Johnny Winter, der Headliner des einzigen Open- Air in Neunkirchen, wo die Parkplätze der Halle fürs Konzert hinzugenommen wurden.
"Wenn er kein Cannabis bekommt, tritt er nicht auf", erinnert sich Friedel Werner, wie sie den Star überreden konnten, doch aufzutreten, damit das Open Air nicht platzt, bleibt das Geheimnis aller, die mit dem Konzert zu tun hatten. "Johnny Winter trat immer mit nacktem Oberkörper auf. An dem Tag war es sehr kühl. Wir mussten viele Heizlüfter aufstellen, damit er warm angeblasen wurde", erinnert sich Werner.
Er hatte in Nürnberg einen Kartenvorverkauf und verkaufte die restlichen Karten nach Feierabend an der Abendkasse bei jedem Konzert. Natürlich hatte Friedel Werner alle Plakate der Bands und Stars, die je in der Hemmerleinhalle aufgetreten waren. Teils für 99 Euro das Stück werden sie nun bei eBay gehandelt. Werners Sammlung ging bei seinen Wohnungsumzügen verloren. Legendär war in und um die Konzerthalle herum alles. Die Stars, die Feiern nach der Show und vor allem die Staus nach den Konzerten, wie Harasim weiß.
"Es gab so viele schöne Bands", erinnert sich Ute Wein, wenn sie an die einmalige Konzerthalle in Neunkirchen denkt. Heute erinnert nichts mehr an den Weltruhm. Die Lieder der Stars, die dort live aufgetreten sind, hört man in dem belebten Teil der Halle nur noch aus dem Radio.


was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren