Haßfurt
Hassbergtracht 

Schürze? Höhere Mathematik!

Die Flugbahn einer Pistolenkugel zu berechnen ist ein Kinderspiel gegen das, was nun Form angenommen hat bei den Nähkursen der Kulturbeauftragten Renate Ortloff. Nach Bluse und Rock ist das Stück Stoff am Bändl fertig.
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Karin Gadamer (links) und Christa Wolff knobeln an den Maßen für ihre Schürzen herum. Foto: Brigitte Krause
Karin Gadamer (links) und Christa Wolff knobeln an den Maßen für ihre Schürzen herum. Foto: Brigitte Krause
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Also: Taillenumfang - 50% - 2x5 cm + 2x3 cm = Breite. Rocklänge - 3 cm = fertige Länge der Schürze (+ 1 cm Nahtzugabe; - 11 bis 14 Zentimeter (Volant) + 1,5 cm Nahtzugabe). Dazu gerechnet die Zugaben für das Rüschen: Oben am Bund 20% der Stoffbreite dazu, unten am Volant noch mal etwas mehr als 20% der errechneten Stoffbreite dazu. Nicht zu vergessen den Bund: zehn Zentimeter mehr als Taillenumfang.
Wer den ersten Textabsatz jetzt nicht verstanden hat: Machen Sie sich nichts draus, die Näherinnen verstanden's auch nicht, kriegten aber dennoch die Schürze hin. Einigermaßen. Die Schürze für die Haßberg-Tracht ist ja schon fast höhere Mathematik. Um es vorweg zu nehmen: Meine Schürze war drei Zentimeter zu lang, die meiner Nachbarin zwei Zentimeter zu kurz. Ein Glück, dass Kursleiterin Anni Ernst weiß, wie man so ein Malheur unsichtbar macht.
Über 40 Frauen haben sich für die Kurse angemeldet, bei denen auf Betreiben der Kreis-Kulturbeauftragten Renate Ortloff ein Trachtenstück nach Vorgaben aus heimisch-historischen Vorlagen entstehen soll; in Haßfurt, Untermerzbach und Untersteinbach laufen die Kurse parallel. Was treibt die Frauen an, sich die Haßberge-Tracht zu nähen? Christa Wolff aus Haßfurt überlegt, dann sagt sie: "Ich liebe Dirndl!" Schon die Oma versorgte die Mädchen mit diesen Kleidungsstücken, die sie als Schneiderin im Handumdrehen nähte. Christa Wolff findet: "Das steht doch jeder Frau und sieht knackig aus!" Im Alltag, da hätten die meisten Frauen aus praktischen Gründen Hosen an. Ja, und ein Trachtenkleid, "das ist etwas zutiefst Frauliches - man kommt sich weiblicher vor". Besonders gut gefällt Christa Wolff an der Haßberg-Tracht der Stil: "Was mich so an der bayerischen Tracht stört, das ist, dass die Schlichtheit fehlt."
Ortswechsel: Flur und Aufgang im Feuerwehrgerätehaus sind dunkel. Oben, im ersten Stock, brennt Licht. Das Rattern von Nähmaschinen weist den Weg die Treppe hoch. Sieben Frauen nähen und schneiden Stoffe - Norbert Scheichenost, Vorsitzender des Gartenbauvereins, ist als Beobachter dabei, schließlich ist er ganz stolz, dass die Aktion in Untermerzbach quasi "unter Schirmherrschaft" des Gartenbauvereins läuft. Die Trachtenfrauen hat er schon gebucht. "Ich hoffe, die Damen erscheinen mit ihrer Tracht, wenn heuer die Bewertungskommission nach Untermerzbach kommt." In den Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden - unser Dorf hat Zukunft" setzen die Untermerzbacher Ehrgeiz.


Auf ungewohntem Terrain

Marina Grell hat den Computer im Einwohnermeldeamt von Untermerzbach mit der Nähmaschine vertauscht. Konzentriert legt sie das Maßband an, steckt den Stoff ab, "es kommt hier schon sehr auf Genauigkeit an, man will ja nichts verschneiden", sagt sie. Die Neugierde trieb sie an, erst war sie unsicher, "es hat mich dann aber schnell gepackt."
Und noch ein Termin steht fest, wie sie berichtet: "Unser Bürgermeister meinte, zum 50-jährigen Bestehen der Grundschule Untermerzbach, da soll ein kleiner Festzug vom Rathaus zur Grundschule führen." Marina Grell freut sich drauf. "Dirndl habe ich schon manchmal getragen, nicht so oft, aber eine Tracht ist schon eine ganz andere Herausforderung. Ich war etwas skeptisch, aber jetzt bin ich mit Freude dabei."
Zufrieden ist die "Chefin" der Näherinnen in Untermerzbach, Manuela Müller, die in Memmelsdorf wohnt. "Die Frauen sind doch engagiert und konzentriert bei der Sache", sagt sie. "Manche nähen auch zu Hause gerne, manche eher weniger. Da merkt man schon, wer öfters hinter der Nähmaschine sitzt."
Das tut auch Julia Heil aus Untersteinbach, jetzt über Ostern will sie auf jeden Fall die Schürze ordentlich hinkriegen. Gekauft hat sich die 31-Jährige ihr erstes Dirndl schon vor zehn oder 15 Jahren, wie sie erzählt. Inzwischen hat sie sieben im Schrank. Weil die Hauswirtschaftsmeisterin in der Gastronomie am Wochenende aushilft, und die Chefin ihre Helferinnen am Sonntag gerne im Dirndl sieht, ist für sie das Trachtenkleid ein ganz normales Kleidungsstück. "Spannend", fand sie, "das jetzt mal regional zu sehen, Dirndl sind ja alle mehr oder weniger einheitlich geschnitten." Was ihr auch gefällt, "dass ich den Landkreis repräsentieren kann. Ich bin im Landkreis, ich fühl mich hier wohl, in 'Aich hab ich immer Musik gespielt". Klarinette und Tenorhorn hat die junge Frau, die aus dem Landkreis Bamberg stammt, aus Zeitgründen an den Nagel gehängt, aber an ihrer Tracht schneidert sie mit Feuereifer. Für sie ist es "das Schöne, dass wir da mit den Farben unser Ding machen können. Beim letzten Mal ist mir das so aufgefallen. Jede hat einen anderen Schürzenstoff, und damit wirkt das Kleid bei jeder anders." Sie grinst: "Bei mir ist es zum Beispiel bunt. Mein Mann hat gesagt, wie er den Stoff gesehen hat: ,Typisch du'." Ja, wiederholt sie mit Schmunzeln in der Stimme: "Des bin ich."
(mit Text von Helmut Will)


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