Burgebrach

Rote Karten für Berlin

Krankenhausreform   Das Personal der Kliniken im Bamberger Raum sorgt sich um die Versorgungsqualität infolge sinkender Finanzausstattung. Landrat Kalb fürchtet einen Kannibalisierungs-Effekt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ab in Richtung Nordost, wo der Reichstag steht: "So nicht!" posten die Mitarbeiter der Burgebracher Steigerwaldklinik nach Berlin. Foto: Werner Baier
Ab in Richtung Nordost, wo der Reichstag steht: "So nicht!" posten die Mitarbeiter der Burgebracher Steigerwaldklinik nach Berlin. Foto: Werner Baier
von unserem Mitarbeiter Werner Baier

Scheßlitz/Burgebrach — Für die Patienten, all die Kollegen, aber auch ganz persönlich für sich selbst möchte die Arzthelferin Theresia Krall nicht, was im Zusammenhang mit der in Berlin geplanten Krankenhausreform (darüber informierte der FT gestern ausführlich) passieren kann: Die "Steigerwaldklinik" dürfe nicht in Gefahr geraten. "Wir alle brauchen doch diese wohnortnahe Versorgung und die Arbeitsplätze im Steigerwald," sorgt sich die junge Burgebracherin. Auch sie ließ gestern Mittag eine Art Luftpost in Richtung Bundeshauptstadt steigen, eine rote Karte mit dem Aufdruck: "Krankenhaus-Reform - so nicht!"


Wind blies Richtung Berlin

Alle Kräfte der beiden Landkreis-Kliniken, die in der Mittagsstunde abkömmlich waren, zeigten Betroffenheit und schickten die Botschaft per Helium-Ballon nach Berlin. "Möge die eine oder andere Karte im Gesundheitsministerium oder bei den Abgeordneten des Bundestages landen!", rief die Geschäftsführerin der Gemeinnützigen Krankenhausgesellschaft des Landkreises Bamberg (GKG), Monika Röther, hinterher. Und siehe da: Über beiden Krankenhäusern blies der Wind sanft aus Südwest, die Ballons trieben eindeutig in Richtung Reichstag ...


Bedenken in der Küche

Auch die Küchenhilfen, die sich in der Juraklinik Scheßlitz um den stellvertretenden Küchenchef Helmut Hohmann geschart hatten, schauen bange in die Zukunft. Hohmann will sich gar nicht ausmalen, was auf die Arbeitsplätze seines Bereiches zukommen kann, wenn der Krankenhausträger immer mehr gezwungen ist, zu sparen und zu rationalisieren. "Kochen" könne auch ein billiger Ausländer, dem man ein "Schneidteifala" in die Hand drücke, ist dem Küchenpersonal bewusst.
Dem Protest hatte sich selbst der Burgebracher Chefarzt Dr. Sören Maaß, ärztlicher Direktor beider Landkreis-Kliniken, angeschlossen. Es gehe darum, gute Fachkräfte zu halten oder zu bekommen, was aber bei schlechterer Finanzausstattung immer schwieriger werden würde. Maaß fürchtet, dass die Schere zwischen Qualitätsanspruch und finanziellen Ressourcen immer weiter auseinanderklaffen werde. Die Steiger waldklinik und die Juraklinik, wichtig für die Grundversorgung der Bevölkerung im ländlichen Raum, hätten in den letzten 20 Jahren immer schwarze Zahlen geschrieben. Beide Häuser seien aber gerade jetzt an dem Punkt, wo eine Verschlechterung der Finanzen existenzbedrohend werden könne. Teile der Reform seien dazu angetan, betont Dr. Maaß.
"Die Bundesregierung tut so, als ob wir in unseren Krankenhäusern unnötige Leistungen erbringen, um den Gewinn zu steigern", kritisierte die GKG-Geschäftsführerin Monika Röther. Vor diesem Vorwurf nahm sie die Ärzte und Pflegekräfte entschieden in Schutz. Röther: "Dieses Misstrauen der Politik haben unsere Mitarbeiter nicht verdient!" An der Steigerwaldklinik sind es 320, an der Juraklinik 380 Beschäftigte.
Landrat Johann Kalb, der Aufsichtsratsvorsitzende der GKG und Mitglied des Hauptausschusses der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, richtete die Bitte an die Bundestagsabgeordneten, das Gesetz "so nicht zu verabschieden". An Reformen durchaus gewöhnt, forderte Kalb ein Krankenhausgesetz, das der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung gerecht werde. Der Landkreis gestalte ganz bewusst die hiesige Gesundheitsregion und investiere derzeit in neue Operationsräume. Ein Streichkonzert aus Berlin käme da höchst ungelegen, meinte der Landrat und warnte: "An der Demographie kann nicht gestrichen werden!" Auf die Gesundheitsversorgung kämen doch noch viel größere Aufgaben zu. Die Bürger und Patienten müssten im Vordergrund stehen; eine Krankenhausreform dürfe nicht auf deren Rücken ausgetragen werden. Sollte die Reform - so wie derzeit von der Regierungskoalition vereinbart - umgesetzt werden, fürchtet Landrat Kalb einen Kannibalisierungs-Effekt unter den kleineren Krankenhäusern zum Nachteil der Grundversorgung auf dem Land.
Kalb hob aus einem Katalog von 30 Forderungen an die Krankenhausreform vier Anliegen hervor:
Die Finanzierung tariflicher Personalkostensteigerungen müsse sichergestellt bleiben; darauf gebe der Gesetzentwurf keine Antwort.


Faire Vergütung

Leistungszuwächse müssten fair vergütet werden. Es sei, so Kalb, "eine Katastrophe", dass für die Behandlung von mehr Patienten die Vergütungen durch die Kassen mehrfach gekürzt würden und sich dies auf Jahre wiederhole. Fixkostenabschläge, Abschläge für Mehrleistungen, Reduzierung der Fallpauschalen führten dazu, dass die Kosten eines zusätzlich behandelten Patienten nicht mehr gedeckt werden.
Notwendig sei ferner eine neue Grundlage für die kostengerechte Vergütung ambulanter Notfallbehandlungen. Die Kosten der Krankenhausambulanzen würden nicht ansatzweise gedeckt, und dies bei steigenden Fallzahlen aufgrund von Engpässen bei den niedergelassenen Ärzten.
Schließlich forderte der Landrat "weniger Bürokratie". Gleichzeitig prangerte er die Absicht des Gesetzgebers an, Qualitätskontrollen ausgerechnet durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen durchführen zu lassen. "Das ist so was wie Inzucht," mäkelte der Landrat. Etwaige Qualitätskontrollen, vor denen sich die Kliniken nicht fürchten müssten, sollten einer unabhängigen Institution übertragen werden. Vorher allerdings sei es erforderlich, einheitliche Qualitätsstandards festzulegen.
Johann Kalb versicherte den Beschäftigen der beiden Krankenhäuser im Landkreis die Solidarität der Kreispolitiker. Es gelte zu verhindern, dass das Streichkonzert der Berliner Gesundheitspolitiker zur Schließung von Krankenhäusern im Flächenstaat Bayern führe. Dazu rief Kalb auch die Abgeordneten der Region und die in Bamberg beheimatete Bayerische Gesundheitsminister Melanie Hummel auf.
Kaum waren die in der Farbe der Hoffnung gehaltenen Luftballons - waren es gar 99 auf dem Weg zum Horizont? - mit den roten Karten am Schnurende gestartet, machten sich die Krankenausbediensteten wieder an die Arbeit, dankbarer und verständnisvoller Patienten gewiss.
Am Klinikum Bamberg protestierten zeitgleich 300 Teilnehmer.


Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren