Zeil am Main
Volkstrauertag 

Respekt auch nach dem Tod

Der morgige Sonntag ist den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft gewidmet - unabhängig von ihrer Herkunft. Gleichzeitig soll er zu Versöhnung und Frieden mahnen. Beispielen dafür, wie sich dieser Wille zur Verständigung auch im Kreis Haßberge zeigte, hat der Zeiler Heimatforscher Ludwig Leisentritt nachgespürt.
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Am morgigen Volkstrauertag wird wieder der Toten zweier Weltkriege an den Fronten und in der Heimat gedacht. Mit zunehmendem Abstand zu den Kriegen wird dieser Gedenktag nicht nur als ein Tag der Trauer verstanden. Er wird immer mehr auch zu einem Tag der Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden.
Die heutigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich sind das Ergebnis der Aussöhnung zwischen den beiden einst verfeindeten Ländern. Dabei sahen sich generationenlang die Menschen beider Staaten als Erbfeinde an. Sogar der Schöngeist Johann Wolfgang von Goethe drückte in einer Passage im Faust sein nationales Ressentiment gegenüber dem Nachbarland aus: "Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen (Franzosen) leiden, doch ihre Weine trinkt er gern".
Dabei hat es während der deutsch-französischen Kriege sehr bemerkenswerte Beispiele menschlichen Verhaltens gegenüber den Kriegsgefangenen gegeben. Besonders respektvoll und mitfühlend wurden während des Krieges 1870/71 die in den hiesigen Lazaretten und Lagern gestorbenen Gefangenen behandelt.
So berichtete der Würzburger Stadt- und Landbote, dass am 4. November 1870 bei einem Gefangenentransport oberhalb des Bahnhofes von Ebelsbach-Eltmann der erst 18 Jahre alte französische Kriegsgefangene Victor Villier aus dem Departement Marseille verunglückte. Der Mann wurde am darauffolgenden Tag ins neu errichtete Militärkrankenlazarett in Eltmann zur Verpflegung und ärztlichen Behandlung gebracht. Doch nach fünf Tagen starb der Franzose fern seiner Heimat an einer Lungenlähmung. Mit den Sterbesakramenten versehen, wurde er unter Anteilnahme der in diesem Jahr gegründeten Feuerwehr Eltmann sowie der Einwohnerschaft beerdigt.


Ehrensalven der Feuerwehr

Teilnehmer der Beerdigung waren auch einige bayerische und preußische Soldaten aus dem Krankenlazarett in Zeil. Zur Ehre des Franzosen gab die Eltmanner Feuerwehrmannschaft "dem tapferen Feinde" drei militärische Ehrensalven mit auf den Weg. Der Leichnam wurde in einem mit Kränzen geschmückten Sarg zu Grabe gebracht. Später errichteten einige hiesige junge Steinmetzen für ihn sogar ein eigenes Grabdenkmal.
Es ehrt die Bürger von Eltmann, dass sie Jahrzehnte lang die Grabstätte in Obhut nahmen und immer auch schmückten. Noch nach 45 Jahren meldete die Heimatzeitung im zweiten Kriegsjahr 1915: "Auch in diesem Jahr war das Franzosengrab von 1870/71 schön geschmückt und hergerichtet." Das dürfte die damals gefangenen Franzosen im Raum Eltmann beeindruckt haben. Man erlaubte ihnen, ein metallenes Blumenkissen niederzulegen. Sie hatten auch einen Kranz mit der Widmung: "A notre Compatriote 1915" (Unserem Landsmann - 1915) mitgebracht. Noch 1917 legten seine gefangenen Landsleute Kränze mit den französischen Farben nieder.
Ähnlich verhält es sich mit dem - noch deutlich älteren - aus Zeiler Schilfsandstein gefertigter Gedenkstein für den 1806 an Wassersucht verstorbenen napoleonischen Offizier Nicolas Pultiere neben der Haßfurter Ritterkapelle. Wie der Haßfurter Heimatforscher Volker Grumbach ermittelte, war der Franzose, der in Zeilitzheim gestorben ist, zuletzt Oberst und Ritter der Ehrenlegion. Nach seiner Überführung nach Haßfurt wurde er unter Mitwirkung von sechs Priestern und dem Geläute aller Glocken feierlich beigesetzt. Auch die vornehme Bürgerschaft der Stadt Haßfurt erwies ihm die letzte Ehre.
Während des Ersten Weltkrieges fand im August 1917 der 24-jährige Paul Lefever aus dem Raum Dünkirchen auf dem Kreuzfriedhof in Zeil seine letzte Ruhe. Der Verstorbene war zuletzt in einer nahegelegenen Mühle beschäftigt. Als er schwer erkrankte, brachte man ihn ins Zeiler Elisabeth-Hofmann'sche Spital in der Speiersgasse. Hier starb er, mit den Sterbesakramenten versehen. Sämtliche kriegsgefangenen Franzosen in Zeil und den benachbarten Ortschaften durften - trotz der erbitterten Auseinandersetzungen an der Front - ihrem toten Kameraden das Ehrengeleit geben. Sie wohnten auch der für ihn zelebrierten Seelenmesse bei.


Feindesliebe im Christentum

Der in Zeil geborene Theologe Engelhard Eisentraut rechtfertigte seine kurze Ansprache mit dem außergewöhnlichen Anlass: Es seien zuletzt, seit dem Abzug der Napoleonischen Soldaten 1813, keine Franzosen an der damals hart am Friedhof vorbeiführenden Landstraße mehr vorübergezogen und kein französischer Soldat habe mehr den stillen Ort betreten. Wenn das Christentum schon im Allgemeinen die Feindesliebe gebiete, dann dürften besonders im Angesicht des Todes keine anderen Gefühle herrschen. Auch fremder Schmerz erfordere Ehrfurcht und gebiete Mitleid, führte Eisentraut aus. Dem Soldaten, der für sein Vaterland starb, gebühre Ehre und dem Mitchristen das Almosen des Gebetes.
Ende November 1918 fand ein weiteres Mal auf dem Friedhof in Eltmann unter großer Beteiligung der Einwohnerschaft die Beerdigung eines 31-jährigen verheirateten Soldaten aus Paris statt. Teilgenommen haben auch die beiden Eltmanner Militärvereine mit Fahnen sowie circa 300 gefangene Kameraden aus der ganzen Umgebung. Der Verstorbene Franz Pernot war an den Folgen einer tückischen Krankheit verstorben. Nach seiner Verwundung 1914 war der Franzose in deutscher Gefangenschaft geraten. In Eltmann war er dann mehr als drei Jahre als Arbeiter bei Bürgermeister Schwemmlein beschäftigt.


Dank für nobles Verhalten

Am Grabe hielt Stadtpfarrer Kahl eine rührende Trauerrede. Er hob hervor, dass man dem Verstorbenen die Anerkennung nicht versagen dürfe, die er sich als fleißiger Arbeiter verdiente. "Franz Pernot hat fleißig mitgeholfen, unsere Felder zu bestellen und unsere Ernte einzubringen. Er hat die Pflicht für sein Vaterland getreulich erfüllt und auch trotz des harten Loses als Gefangener im fremden Lande auch auf diesem Gebiet seine Pflicht getan."
Zum Schluss widmete ein französischer Sergeant dem Verstorbenen in seiner Landessprache einen kurzen Nachruf. Von seinen Mitkämpfern wurden am Grabe mehrere Kränze niedergelegt, welche Abschiedsgrüße in französischer und italienischer Sprache enthielten. Die Stadt Eltmann sorgte noch dafür, dass für den toten Franzosen Ehrensalven abgefeuert wurden. 1949 weilte eine französische Kommission unter Leitung eines Majors in Eltmann. Er leitete die Ausgrabung und Überführung von 23 ehemaligen französischen Kriegsgefangenen. Diese Soldaten waren während des letzten Krieges im Lazarett gestorben und auf dem Eltmanner Friedhof beerdigt worden. Der leitende Major sprach damals Bürgermeister Hußlein seinen Dank für die Betreuung der Kriegsgefangenengräber aus.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1939 bis 1945) besuchten zahlreiche ehemalige französische Gefangene im Landkreis ihre ehemaligen Unterkünfte. So gab es 1969 für die Familie Ludwig Winter in Römershofen (heute Stadt Königsberg) eine Überraschung. Plötzlich hielt vor ihrem Haus ein französisches Auto. Ihm entstieg der ehemalige Kriegsgefangener Jean Ellnard aus St. Malo-Parame. Er wollte seiner Frau Annmarie und einem Freund nach 24 Jahren die Familie zeigen, bei der er sich während seines dreijährigen Aufenthaltes trotz Gefangenschaft und Heimweh gut aufgehoben fühlte. Und er hatte auch eine Erklärung für das noble Verhalten der Römershofener. "Selbst in den härtesten und erbarmungslosesten Auseinandersetzungen des Krieges versteht sich der kleine Mann mit dem kleinen Mann des Gegners auf menschlicher Basis".

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