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Bad Staffelstein

Reime auf Privates und die Welt

Literatur  Tanja Schaller, Thomas Schimmel und Wolfgang Krebs traten bei der Kulturinitative Bad Staffelstein mit ihrem Kästner-Abend unter dem Motto "Ich bin so frei" auf. In der Alten Darre rezitierten und interpretierten sie viel Amüsantes.
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Klappern gehört zum Handwerk. Hier demonstriert Tanja Schaller die Ängste eines Pechvogels.  Foto: Markus Häggberg
Klappern gehört zum Handwerk. Hier demonstriert Tanja Schaller die Ängste eines Pechvogels. Foto: Markus Häggberg
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von unserem Mitarbeiter Markus Häggberg

Bad Staffelstein — Nicht einer. Die Rede ist von den Stühlen. Nicht einer von ihnen blieb frei, und dabei waren es um die 110 in der Alten Darre. Erich Kästner ist 40 Jahre tot und sorgte am Samstagabend noch für ein volles Haus. Im Programm "Wir sind so frei" war er so frei.
Die Eckdaten von Erich Kästners Lebens gab's zunächst - aber nur grob. Dazwischen Bonmots, Musik, Applaus. Sollte sich doch jeder selbst ein Bild von Kästner machen. Hauptsache: Nicht belehrend werden. So ungefähr lässt sich bilanzieren, worum es Tanja Schaller, Thomas Schimmel und Wolfgang Krebs am Samstagabend in der Alten Darre ging.
Da standen sie nun: Der Erzähler, der Keyboarder und die Flötistin. Aus ihnen wurden bisweilen auch Akkordeon- und Ukulelespieler und Gitarristen. Chronologisch vorgehende Biografen wurden aus ihnen nicht. Absichtlich nicht. Und doch waren die Einblicke, die das Trio in das Leben Erich Kästners bot, vielsagend genug.
Geschickt zwischen den Betrachtungen zu Privatem und Kästners Bedichtung der Welt-Wetterlage lavierend, wurden Texte ausgewählt, die ihre Aktualität behalten haben. Der Mensch war damals schon schlecht und betrieb Politik, so ist er auch heute und bleibt es auch morgen. Ein Kästner hat sich zu dieser Frage bestimmt keinen Illusionen hingegeben. Mit visionärer Kraft sah er die Katastrophe des Dritten Reichs in allen Auswirkungen voraus und prophezeite seinen Lesern, dass auch sie es kennenlernen werden. Die Momente dieser Erkenntnis garnierte das Trio durch die Entführung schöner Melodien in ungebräuchliche Versionen. Ungebräuchlich langsame mitunter. Smetanas Moldau oder Vivaldis Herbst legte sich Tanja Schaller auf diese Weise quer auf die Flöte.
"Wir sind so frei", führte das Trio im Schilde und beleuchtete - mit Kästners Worten - verpasste Gelegenheiten in der Liebe und Erotik. Aber wenn Wolfgang Krebs, Leiter des Schlosstheaters Thurnau, Kästner durch seinen Mund sprechen ließ, wieso der Mensch - Technik hin- Bürokratie her - noch immer derselbe Affe ist, der einst von Bäumen stieg, dann erzielte das den trefflichen Effekt der Vermischung von Resignation und Witz.
Gut im Vortrag, gut im Setzen der Kunstpausen. Musizierend und erzählend machten die Dame und die Herren deutlich, dass kritisches Bemerken und Hinterfragen von Zusammenhängen zwischen Liebe, Politik und Lebensbejahung für den Schriftsteller und Menschenfreund keinen Widerspruch bildeten. Ein wohltuendes Programm, das ganz ohne Schulmeisterei daherkam, um Interesse an einem großen Deutschen zu wecken. "Es sollte nicht belehrend sein. Ich glaube, dass der ein oder andere doch auf Wikipedia geht - ich glaube daran", so Krebs im Gespräch mit unserer Zeitung.


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