Haßfurt
Kulturarbeit 

Rautenkranz ist nicht nur Zierde

Bis zum Vorstellungstermin am 10. Juni in Oberschwappach drängt nun langsam die Zeit: Über 40 Frauen legen letzte Hand an ihre selbst geschneiderte Haßberge-Tracht. Die Stickerei am Halsausschnitt hat besondere Bedeutung.
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So geht das mit dem Sticken: Der Karton ist die Vorlage, anhand derer man das Motiv mit einem Schneiderkreidestift auf den Stoff zeichnet. Dann heißt es, Stich für Stich das Muster aufnähen. Vier Abende gehen da schon mal drauf. Foto: Brigitte Krause
So geht das mit dem Sticken: Der Karton ist die Vorlage, anhand derer man das Motiv mit einem Schneiderkreidestift auf den Stoff zeichnet. Dann heißt es, Stich für Stich das Muster aufnähen. Vier Abende gehen da schon mal drauf. Foto: Brigitte Krause
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Brigitte Krause

Die Zeit drängt zum Redaktionsschluss, hier muss ein Komma rein, da stimmt der Bildabstand nicht, der Kollege ruft an und will etwas wissen... Ein anderer Klingelton ertönt vom Handy, ungewohnt. "Du, wie war das noch mal, wie heißt der Stich, ich hab hier auf Youtube den Schlingstich, aber das ist er nicht?!" Heidi Vogt hängt am anderen Ende, dafür nehme ich mir Zeit. "Kettstich, du musst nach Kettstich suchen!" Ein Schmunzeln, ein warmes Gefühl stellt sich ein, denn das gemeinsame Vorhaben verbindet. Die Haßberge-Tracht ist beinahe fertig, die über 40 Frauen in den vier Kursen haben sich nach Bluse, Rock und Schürze das Mieder vorgeknöpft und dieses "Königsteil" fast fertig. Heidi ist eine der Letzten, sie wird mir verzeihen, dass ich das verrate. Das Mieder bekommt als letzten Schliff die Stickerei oben rund um den Halsausschnitt, und diese Verzierung habe ich bereits geschafft. Eine Vorlage aus festem Papier geschnitten, auf den Stoff gestrichelt und die Linien nachgestickt. Mit Kettstich.


Nicht einfach nur eine Zierde

Die Stickerei ist nicht irgendein Muster, sie hat einen symbolischen Gehalt, der die Trägerin mit dem Landkreis Haßberge verbinden soll. So ist das übrigens bei dem Trachtenschmuck: Er enthält ein Bild, das jedem, der es kennt, sofort ins Auge sticht. Ein eindeutiges Erkennungsmerkmal.
Jeder weiß, dass ein Korb und ein Fisch für die Sander stehen, oder dass ein schwarzer Eber-Kopf nur mit der Stadt Ebern zu tun haben kann. Die Wallburg, ja klar, das ist Eltmann.
Als die Kreis-Kulturbeauftragte Renate Ortloff vor gut zwei Jahren begann, ihrer Idee von einer Haßberge-Tracht als kulturell vereinendes Element im Landkreis Haßberge zu entwickeln, fragte sie als "Zugereiste" viele Kollegen oder Bekannte nach etwas, das für diese Gegend typisch ist. Nach etwas Markantem als verbindendes Element für den Landkreis Haßberge.
Schulterzucken, Fragezeichen. Für den mit der Gebietsreform 1972 aus drei Altlandkreisen zusammengefügten, jungen Landkreis Haßberge gibt es kein solches Symbol. Auf der Suche nach einem Signet kam Renate Ortloff auch mithilfe einer Designerin aus dem Trachtenbereich auf den sächsischen Rautenkranz. Es ist das "tragende" Element im Fuß des heutigen Landkreiswappens.


Alte Kulturgebiete

Das gesamte Wappen symbolisiert den kommunalen Zusammenschluss im Bereich des Hochstifts Würzburg (rot-weißer Fränkischer Rechen), des Hochstifts Bamberg (Löwe), sowie des sächsischen Amtes Königsberg (Rautenkranz). Die Wappenfarben (gelb, grün, rot) und -motive wurden den früheren Landkreiswappen von Haßfurt, Ebern und Hofheim entnommen. Allen gemeinsam war der fränkische Rechen. Der Bamberger Löwe war Bestandteil der Landkreiswappen Ebern und Haßfurt. Der sächsische Rautenkranz zierte das Wappenschild von Hofheim.
Als gestalterisches Element lässt sich der Rautenkranz am besten auf ein Mieder sticken. So kommt es, dass die neue Haßberge-Tracht an diesem Element erkennbar sein soll.
Eine Tracht als verbindendes Element für die Menschen im Landkreis, als "textile Wurzel", wie Renate Ortloff es in den Förderanträgen gerne beschrieben hat, erschien damals den Verantwortlichen (und Geldgebern), allen voran Landrat Wilhelm Schneider (CSU) als eine gute Idee und geeignet, um als Projekt das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Immerhin stieg auch der Kreisverband Haßberge im Bayerischen Bauernverband mit ins Boot, damit die Förderanträge gestellt werden konnten.
Warum überhaupt ein Trachtenprojekt als vereinende Kraft? Hundertausende besuchen Jahr für Jahr das Oktoberfest mit "Krachlederner" und Dirndl. Die Bayern identifizieren sich mit diesem Fest, es strahlt als Werbung international aus. Die Identifikation hierzulande wirkt bis heute so stark, dass man stolz ein HOH- oder EBN-Schild ans Auto montiert. Noch ein Beispiel: In Ermershausen haben sich 70 Einwohner ihre eigene Tracht angeschafft. In Zeil gibt es schon ewig eine fränkische Trachtengruppe, in Altershausen haben sich junge Männer erst vor ein paar Jahren ein Trachten-Outfit gekauft. Ihre blauen Jacken, die roten Westen, schwarze Dreizack und Hosen sind auf Festen im Kreis ein Hingucker. Den Stolz auf die fränkische Heimat will man heute innerhalb des alles beherrschenden bayerischen Blau-Weiß auch zeigen.
Alle Forscher sind sich einig, dass sich die Tracht schon früher weiterverändert hat. So brachten die Händler in die an einem Handelsweg gelegene Stadt Ebern städtische Kleidung (die Frauen trugen Keulenärmel).


Authentisch für die Gegend

Denkt man folgerichtig, so ist die Idee der Kulturbeauftragten einleuchtend: Es kann auch im Heute eine Tracht geben, die allerdings - und das ist Renate Ortloff sehr wichtig - für die Region verbürgte alte Konstanten erhält und authentisch ist. Weshalb die Haßberge-Tracht zwar modern sein darf, aber - wie es sich für die einst nicht so reiche Gegend gehört, eher schlicht. Also: keine Gold- und Silberborten oder Zierbiesen.



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