Laden...
Bamberg

Offen, ökumenisch und tolerant

Erstbilanz   Der neue evangelische Dekan Hans-Martin Lechner ist ein nahbarer Mensch. In seinen ersten "hundert Tagen" als Nachfolger von Otfried Sperl hat er in Bamberg schon Zeichen gesetzt.
Artikel drucken Artikel einbetten
+3 Bilder
von unserer Mitarbeiterin 
Marion Krüger-Hundrup

Bamberg — Hans-Martin Lechner muss lachen, als er in der Lokalredaktion des Fränkischen Tages in der Augustenstraße gleich mit einer besonderen Bamberger Eigenart konfrontiert wird: Was immer der evangelische Dekan zu brennenden Themen öffentlich sagt - es wird automatisch vom Erzbischof getoppt, halten ihm die Journalisten entgegen. So sei das eben in der Bischofsstadt, meint Lechner lakonisch, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, dass er darunter leidet. Oder künftighin sein Licht unter den Scheffel stellen will. Warum auch?
"Ich bin mit Erzbischof Ludwig Schick geschwisterlich verbunden", betont der Dekan des evangelisch-lutherischen Dekanatsbezirks Bamberg. Und mit seinem eigentlichen "hierarchischen" Pendant, dem katholischen Regionaldekan Dompfarrer Gerhard Förch, "duze ich mich sogar". Kein Wunder, denn Hans-Martin Lechner ist nicht nur offiziell Ökumenebeauftragter im Kirchenkreis Bayreuth, sondern auch persönlich davon getrieben, Brücken zwischen den Konfessionen und Religionen zu bauen.

Miteinander ist ihm wichtig

So sieht eine erste Bilanz nach den berühmten "hundert Tagen" in der neuen Funktion als Dekan und Pfarrer von St. Stephan beachtlich aus. Sein offenes, dialogfreudiges Naturell wird ihm dabei geholfen haben, problemlos Kontaktnetze mit Oberbürgermeister Andreas Starke, den Bürgermeistern Christian Lange und Wolfgang Metzner, mit Stadträten, vor allem mit Bürgern und natürlich Gemeindegliedern zu knüpfen.
"Das Miteinander liegt mir am Herzen", sagt Lechner nachdrücklich. Und hat bereits auch gezeigt, was er darunter versteht: In vorderster Reihe ging der Dekan beispielsweise mit, um gegen einen NPD-Aufmarsch zu demonstrieren, dass Bamberg bunt bleibt. Aktiv brachte er sich beim jüngsten multireligiösen Friedensgebet am "Zelt der Religionen" nach dem Terroranschlag in Paris ein.
Wenn es um die menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern geht, bezieht Dekan Lechner klar Position: Es freue ihn sehr, dass Betroffene in den nun leer stehenden Wohnungen der abgezogenen Amerikaner "einen guten Raum gefunden haben". Er bringt den Begriff "Willkommenskultur" ins Spiel, für die er gerade Christen aller Konfessionen in der Pflicht sieht.
Das Bamberger Thema "Konversion" beschäftigt den 51-Jährigen: "Eine große Herausforderung in unseren Tagen, wo Familien bezahlbare Wohnungen suchen." Statt solche bezugsfertigen abzureißen, "müssen langfristige Perspektiven gefunden werden", mahnt der Dekan.
Apropos Familien: Welchem Leitbild folgt der verheiratete Vater von drei Töchtern überhaupt? Lechner verweist auf die Stellungnahme der EKD (Evangelische Kirche Deutschlands), die zugegebenermaßen im vergangenen Jahr für einige Irritationen gesorgt habe. Die klassische Familie sei wohl das Leitbild, seine Kirche öffne sich aber auch für andere Lebensformen. Ein männliches Pfarrerpaar wäre also in St. Stephan möglich? "Könnte ich mir grundsätzlich vorstellen, wenn Regionalbischöfin, Landeskirchenrat, Kirchenvorstand und Gemeinde zustimmen", zeigt Dekan Lechner keinerlei Berührungsängste vor homosexuellen Kollegen.
Doch vor diesem denkbaren Ernstfall steht erst einmal das Tagesgeschäft auf der Agenda. Hans-Martin Lechner ist auch Verwaltungsratsvorsitzender des Diakonischen Werkes Bamberg-Forchheim mit etwa 1000 Mitarbeitenden. So bekommt er einen intensiven Einblick in sozial-karitative Aufgaben, in denen "die Kirchen mit einer Stimme sprechen müssen", betont Lechner. Etwa im Bereich der Pflege, deren Situation verbessert werden müsse. Dabei gelte es, eine ausgewogene Balance von Wirtschaftlichkeit einerseits und human-christlicher Betreuung andererseits zu finden: "Ich setze mich für ein diakonisches Handeln ein, das dem Menschen an Leib und Seele dient", so der Dekan.

Jesu Botschaft als Leitmotiv

Nahe bei den Fragen und Anliegen der Menschen, hat sich Lechner das Ziel gesetzt, bis zum Sommer alle 21 Kirchengemeinden mit insgesamt 39 500 Gemeindegliedern sowie 40 Pfarrern und Pfarrerinnen im Dekanatsbezirk zu besuchen. Anfänge sind gemacht, obwohl die Entfernungen im von der Fläche her größten Dekanat im Kirchenkreis Bayreuth ihren Tribut fordern. Jedenfalls bleibt für den Dekan und seine Familie die ansonsten übliche 40-Stunden-Woche ein Traum. Da mögen die regelmäßigen Gottesdienstfeiern spirituelle Nahrung geben. Wie überhaupt "die befreiende Botschaft von Jesus Christus, die ich weitergeben und leben möchte", Dekan Lechners Leitmotiv in allem Tun ist. "Gott ist Mensch geworden, dass wir menschlich miteinander umgehen", bringt er seinen Impetus auf den Punkt. Er weiß sich da einig mit Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, der gerade als Professor in Bamberg die "öffentliche Theologie", die "öffentliche Relevanz der Botschaft Jesu" so nachdrücklich vertreten habe.
"Die Arbeit ist viel und erfüllend, auch emotional erfüllend", bilanziert Lechner seine ersten Monate in Bamberg, "in einer tollen, weltoffenen Stadt, in der alle zusammenstehen, wenn es darauf ankommt". Trotz seines vollen Terminkalenders kann er sich hin und wieder ein Konzert der Bamberger Symphoniker gönnen. Oder den Besuch eines "stinknormalen Wirtshauses" mit seiner Familie.
Jetzt sind wir wieder beim Erzbischof: Joggt der Dekan etwa mit ihm, weil er doch auch so sportlich schlank ist? Hm, wiegt Lechner den Kopf, nein, so sportlich sei er nun doch nicht. Aber immerhin lege er die meisten Wege in Bamberg - "Ausnahme ist der Kaulberg" - mit dem Fahrrad zurück. Und auch in dieser Hinsicht ist der Dekan eben nicht nur irgendein Kirchenvertreter, sondern schon eine beachtenswerte Größe. Denn auf einem Drahtesel ist der Erzbischof wohl noch nicht gesichtet worden...
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren