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Westheim bei Haßfurt

Niemand überlebt den Nazi-Terror

Geschichte  In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 griffen die Hitler-Schergen auch die Juden in Westheim an. Jahre der Verfolgung kamen - und 1942 dann die völlige Vernichtung.
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Vom Platz vor der katholischen Kirche in Westheim wurden am 22. April 1942 die jüdischen Bürger zum Bahnhof nach Haßfurt gebracht.
Vom Platz vor der katholischen Kirche in Westheim wurden am 22. April 1942 die jüdischen Bürger zum Bahnhof nach Haßfurt gebracht.
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VON Cordula Kappner

Westheim — Im Februar 1997 hielt Professor Meir Schwarz aus Jerusalem in der ehemaligen Schule in Westheim einen Vortrag über "Erinnerungen an Westheim zur Zeit meiner Kindheit und meine Bemühungen um Synagogen". Westheim war am 9. November 1938 auch ein Ort, an dem die Nazis jüdische Einrichtungen beschädigten und jüdische Mitbürger angriffen. Der Schauplatz war die ehemalige Synagoge, die sich heute in Privatbesitz befindet. Die ehemalige jüdische Schule steht nicht mehr. Das baufällige Gebäude ist vor einigen Jahren abgerissen worden. In Westheim lebten einst viele Juden. Die Verfolgung durch die Nazis hat das jüdische Leben in dem heutigen Knetzgauer Gemeindeteil ausgelöscht.
Meir Schwarz wurde in Nürnberg geboren und kam in seiner Kindheit häufig nach Westheim, um seinen Onkel Jakob Schwarz und dessen Familie zu besuchen. Jakob und Selma Schwarz lebten mit ihrer 1924 geborenen Tochter Martha in einem Haus in der heutigen Eschenauer Straße. Eine zweite Schwangerschaft von Selma Scharz endete mit der Totgeburt einer Tochter am 13. Mai 1931 im Schweinfurter Krankenhaus.
Jakob Schwarz hatte aus Eggenhausen im Schwäbischen 1922 in die Familie Pulver eingeheiratet, die zu einer der alteingesessenen jüdischen Familien in Westheim gehörte. Der Großvater von Selma Schwarz, Falk Pulver, starb im Alter von 83 Jahren im Jahr 1873 in Westheim. Die Großmutter wurde 1810 in Lülsfeld geboren. Die Urgroßeltern hießen Isaac und Sara Pulver.
Jakob Schwarz war Landwirt und Bäcker. Er war ein gutherziger Mensch, der manchem Bauern die acht Pfennig Brückenzoll gab, wenn er nach Haßfurt fahren wollte, aber das Geld dazu nicht hatte. Im Winter backte er in Frankfurt am Main Mazzen, im Sommer war er in Westheim.
Der 1881 geborene Jakob Schwarz war als 14-Jähriger nach Amerika gegangen und im Jahr 1904 nach Deutschland zurückgekehrt. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat. Nach seiner Heirat übernahm er das landwirtschaftliche Anwesen seiner Schwiegereltern.
Die niederdrückenden Umstände seines Lebens nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 waren für ihn, der herzkrank war und an epileptischen Anfällen litt, wohl besonders schwer zu ertragen. Beschimpfungen und Häme, die ihm als Juden zugefügt wurden, ist es vermutlich zuzuschreiben, daß er manchmal scheinbar gewalttätig auf Spöttereien der Kinder reagierte. Ein Vorgang aus dem Oktober 1938, kurz vor der Reichspogromnacht am 9. November, ist in der Gestapoakte von Jakob Schwarz im Staatsarchiv Würzburg festgehalten.
Im Novemberpogrom wurde er, wie die anderen jüdischen Männer aus Westheim, verhaftet. Gegen 14 Uhr am 10. November kamen die Verfolger aus Haßfurt auf einem Wagen angefahren und fingen die Juden ein, so erzählt ein Augenzeuge. Wer erwischt wurde, der wurde geschlagen. Auch Kinder, ungefähr 13 und 14 Jahre alt, wurden geprügelt. Die Männer wurden nach Haßfurt gebracht in das dortige Gefängnis.
Der Wagen, der sie nach Haßfurt fuhr, war ein kleiner Viehtransporter, in dem noch der Mist vom Vortag lag. Jeder erhielt vor dem Einsteigen einen Schlag mit einem Prügel auf den Rücken. Auch Westheimer machten bei den Schikanen mit.
Nach Aufenthalten im Haßfurter und Hofheimer Gefängnis folgte die Haft im Konzentrationslager Dachau. In der Gestapoakte steht: "Mit Blitz-FS München Nr. 47767 v. 10.11.38 hat der Chef der Sicherheitspolizei SS-Gruppenführer Heydrich die Einlieferung des Juden Jakob Schwarz ... in das dortige Konzentrationslager angeordnet. Er ist gesund, arbeits- und lagerfähig." Die Tochter Martha hatte ebenfalls unter den Anfeindungen zu leiden. Sie wurde mehrfach von einem gleichaltrigen Mädchen verprügelt, und während des Novemberpogroms am 10. November peinigte sie ein Jugendlicher, indem er ihren Kopf wieder und wieder ins Wasser steckte.
Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Dachau kehrte Jakob Schwarz nach Westheim zurück. Trotz einer Bürgschaft von Verwandten in den USA gelang der Familie Schwarz nicht mehr die Flucht aus Nazideutschland. Am 31. März 1942 schrieb Martha Schwarz einen letzten Brief an ihren Cousin Meir Schwarz. Aus dem Brief geht hervor, dass sie nicht ahnte, welches Schicksal sie erwartete. Am Mittwoch, 22. April 1942, musste Familie Schwarz Westheim verlassen.


Im Haus versteckt

Als an diesem Tag die jüdischen Bürger abtransportiert werden sollten und alle schon auf dem Wagen zum Bahnhof in Haßfurt saßen, fehlte Martha Schwarz. Sie hatte sich in ihrem Elternhaus versteckt.
Zwei Brüder jagten sie daraufhin durchs Haus, nachdem einer von ihnen mit einem Besen das Fenster des verschlossenen Hauses eingeschlagen hatte. Mit einer Mistgabel wurde das 18-jährige Mädchen durchs Haus gescheucht, berichteten Augenzeugen. Nachdem alle Juden den Ort verlassen hatten, wurden am helllichten Tag ihre Häuser geplündert. Die Betten wurden aufgeschlitzt, das Inventar auf die Straße geworfen und später versteigert.
Eine Einwohnerin erinnert sich später noch genau, wie die Juden "weggekommen" sind: "Nie werde ich das vergessen! Es war morgens, ich war auf dem Weg zur Schule, als ein Leiterwagen mit zwei Gäulen durchs Dorf fuhr. Auf ihm saßen viele alte jüdische Leute, auch der alte Josef Pulver und seine Frau. Sie winkten mir zu. Zu meinem Vater sagten sie: ,Pass auf mein Haus auf, wir kommen wieder.' Alle weinten, ich auch. Wir hatten uns ja gegenseitig gern gehabt."
Am Samstag, 25. April, fuhr der Deportationszug vom Güterbahnhof Aumühle bei Würzburg um 15.20 Uhr in Richtung Osten ab. Noch einmal fuhren Jakob, Selma und Martha Schwarz durch Haßfurt. Der Transport umfasste 854 jüdische Bürger, Männer und Frauen unter 67 Jahren und Kinder.
Am 28. April um 8.45 Uhr kam der Zug im Bahnhof von Krasnystaw bei Lublin an. Der Transportleiter des "Aussiedlungstransportes" meldete am 27. April an die Gestapo in Würzburg: "Transport vollzählig angekommen. Zwischenfälle keine." Eine Beförderung wurde für ihn veranlasst.
Der Zug fuhr weiter ins Übergangsghetto Izbica. In Lublin waren schon zwischen 2.30 und 5 Uhr die Wagen mit dem Gepäck abgehängt worden und die jungen Männer ab 16 Jahren zur "Arbeit" im nahen Vernichtungslager Maidanek "selektiert" worden. Die Menschen besaßen nichts mehr. Ihre deutsche Staatsangehörigkeit hatten sie mit dem Überschreiten der polnischen Grenze verloren.


Meir Schwarz gelang die Flucht

Die Spur der deportierten Menschen verliert sich im Zwischenlager Izbica und in den nahegelegenen Gaskammern der Vernichtungslager Belzec und Sobibor, unter ihnen auch die Spur von Familie Schwarz aus Westheim bei Haßfurt. Von dem Transport hat niemand überlebt.
Die polnischen Juden, die nach dem Krieg für kurze Zeit, bis um 1948/49, in Westheim lebten, bewohnten das Haus von Familie Sündermann und holten ihr Wasser im Haus von Familie Schwarz. Es waren "Displaced Persons", Überlebende aus den Lagern auf dem Weg in eine neue Zukunft.
Meir Schwarz gelang die Flucht aus Nazideutschland nach dem Novemberpogrom. Er emigrierte nach Palästina, wo er sich mühsam durchschlagen musste. Er studierte und promovierte und hatte eine Professur an verschiedenen Universitäten. Sein Weg führte ihn oft nach Deutschland. Das mehrbändige Werk "Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern" verdankt Meir Schwarz seine Entstehung und den Namen. Meir Schwarz lebt in der Altstadt von Jerusalem.








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