Lichtenfels
Abschied 

Nicht einfach nur ein Urteil fällen

Armin Wagner ist 16 Jahre Leiter des Amtsgerichtes gewesen. Nun ging er in Ruhestand. Der Lichtenfelser hat deshalb gerne in seiner Heimat gearbeitet, weil er dort erleben konnte, dass Richter sein nicht nur Strafe aussprechen bedeutet.
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Armin Wagner steht in seinem Arbeitszimmer in seinem Haus in Lichtenfels. Vor allem die Arbeit als Jugendrichter war ihm wichtig.
Armin Wagner steht in seinem Arbeitszimmer in seinem Haus in Lichtenfels. Vor allem die Arbeit als Jugendrichter war ihm wichtig.
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Tobias Kindermann

"Erziehen kann man nur durch Vorbild, nicht durch Eingreifen." Das sagt Armin Wagner, der ehemalige Leiter des Amtsgerichts Lichtenfels, also ein Mensch, der eigentlich von Berufs wegen zum Eingreifen da war. Seit dem 1. Oktober ist Ulrike Barausch seine Nachfolgerin.
Worauf kann ein Richter am Ende seines Berufsweges zurückblicken? Seit dem Jahr 2000 stand der 65-Jährige an der Spitze des Amtsgerichts, er ist ein Lichtenfelser, der gerne in der Heimat geblieben ist.Und der zunächst auch gar nicht vorhatte, so ein Amt anzustreben: "Eigentlich wollte ich Lehrer für Geschichte und Sozialkunde werden." Doch das Meranier-Gymnasium war eine der Schulen, die Ende der 1960er-Jahre Rechtskunde als Wahlfach anbot, mit dem damaligen Amtsrichter Gerhard Weber. "Da war klar, ich studiere Recht." Aber auch hier hatte er erst anderes vor: Durch sein Studium in Würzburg gelangte er an ein Stipendium in Lausanne (Schweiz). Internationales Zivilrecht wurde seine Passion, und eigentlich hatte er vor, zum Beispiel in einer Firma als Referent zu arbeiten. Doch auch hier kam es anders. Er begann im Juni 1979 als Amtsrichter in Lichtenfels, kurz darauf wechselte er nach Coburg, wo er auch als Staatsanwalt arbeitete. Und als Jugendrichter.


Nicht nur die Paragrafen sehen

"Das ist eine Abteilung, die wird in den Gerichten manchmal etwas links liegen gelassen." Dabei sei das eine besonders wichtige Aufgabe - und reizvoll. "Ein Jugendrichter erzieht und darf nicht nur nach Paragrafen handeln."
Ein Richter, der weniger richtet als lenkt? Wagner sieht darin keinen Widerspruch: "Je weniger Eingriffe erfolgen umso besser." Und er zeigt sich als Gegner des so genannten Warnschussarrestes, ein maximal vier Wochen langer Jugendarrest, der von Gerichten als Ergänzung zu einer zur Bewährung ausgesetzten Jugendstrafe verhängt werden kann. In Deutschland gibt es ihn seit März 2013. "Er erfüllt den Traum, durch Gitter etwas zu ändern." Aber es bleibe eben nur ein Traum.
Jugendkriminalität sei eine vorübergehende Erscheinung, die alle sozialen Kreise betreffe. "Wenn sie Freundin, Führerschein und Arbeit besitzen kommt die Einsicht. Dann hören sie von alleine wieder auf." Nicht einsperren, sondern auffangen, sagt er.
Ein Tag Jugendgefängnis schlägt mit rund 140 Euro zu Buche, ein Platz für einen Jugendlichen kann bis zu 8000 Euro im Monat kosten. Deshalb war er eine der Personen, die ambulante Hilfen für Jugendliche mit Nachdruck unterstützt hat. "Wir besitzen heute außerhalb der Justiz ein Netzwerk von Polizei, Jugendamt, Vereinen." Auch Einrichtungen wie "Meilenstein" von der Caritas, wo straffällig gewordene Jugendliche ambulant betreut werden, hat er maßgeblich vorangetrieben. "Der Landkreis konnte so sechstellige Summen im Jahr sparen, weil wir Jugendliche nicht unterbringen mussten, sondern erfolgreich ambulant betreuten." Mit Erfolg: 320 Jugendgerichtsfälle gab es, als er im Jahr 2000 sein Amt als Leiter in Lichtenfels antrat. Die Zahl sank gegen Ende seiner Amtszeit auf 112, führt er an. Bedroht ist er nie worden, sagt er. Im Gegenteil: "Einmal stand ich im Kassenraum der Kreissparkasse in Lichtenfels und ein junger Mann rief mir quer durch den Raum zu: Herr Wagner, ich bin so froh, dass sie mich von der Straße geholt haben." Das blieb kein Einzelfall. "Ich konnte über die Jahre hinweg den Erfolg der eigenen Arbeit erleben, wenn aus Lausbuben tüchtige Männer wurden."
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