Merlach
Landwirtschaft 

Mit Offenheit für Verständnis

Die Bauern haben Vorwürfe satt, sie würden industriell arbeiten. Wie es heute tatsächlich auf einem Hof zugeht, und welchen Zwängen die Arbeit unterliegt, zeigte Jürgen Angermüller auf seinem Betrieb in Merlach.
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Jürgen Angermüller bei seinen Kühen im Stall. Einen anderen Beruf möchte der Landwirt aus Merlach keinesfalls haben. Fotos: Rainer Lutz
Jürgen Angermüller bei seinen Kühen im Stall. Einen anderen Beruf möchte der Landwirt aus Merlach keinesfalls haben. Fotos: Rainer Lutz
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In Berlin öffnet die "Grüne Woche" ihre Pforten. Es ist die größte Agrarmesse der Welt. Proteste gegen eine vermeintlich industrialisierte Landwirtschaft gehören fast schon zum Programm. Zu Unrecht, findet der Bauernverband und lädt in der Region zum Stallgespräch, um zu zeigen, wie die bäuerliche Realität tatsächlich aussieht.
Dem Slogan "Wir haben es satt" der Demonstranten würde Martin Flohrschütz als stellvertretender Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) in Coburg gern mit "Wir haben es schon lange satt" antworten. Doch er hält sich zurück und erinnert erst einmal an die Bedeutung der Landwirtschaft für die Ernährung. "Wir stellen der Bevölkerung Nahrungsmittel in höchster Qualität zu niedrigen Preisen zur Verfügung", gibt er zu bedenken. Wenn selbst Trockenjahre wie das vergangene nicht zur Hungersnot führen, dann sei das auf modernes Wirtschaften mit besonders gutem Pflanzenmaterial und gut gehaltenen Tieren zurückzuführen, betont er.
Die Landwirtschaft wird heute mehr denn je kritisch beäugt, kontrolliert und mit immer neuen Auflagen belegt. "Das führt zu einem Strukturwandel, dem immer mehr kleinere Höfe zum Opfer fallen", sagt Hans Rebelein, der Geschäftsführer des BBV in Coburg. Viele Auflagen sind nämlich ohne hohe Investitionen in Maschinen oder Immobilien gar nicht mehr zu erfüllen. So viel Geld in einen Hof zu stecken, erfordere aber auch entsprechende Einnahmen - die wiederum nur ab einer bestimmten Größe der bewirtschafteten Fläche oder der Viehbestände machbar sind.
Wer Fläche braucht, der findet sie nicht immer direkt vor der Haustür rund um den eigenen Betrieb. Davon kann Jürgen Angermüller ein Lied singen. Um seinen Milchviehbetrieb mit zurzeit 47 Kühen und 50 weiblichen Jungrindern zu versorgen, bewirtschaftet er Flächen in elf Gemarkungen. Die Fahrten zu seinen Äckern und Wiesen kosten Kraftstoff. "Wir brauchen etwa 15 000 bis 16 000 Liter Diesel im Jahr", sagt er. Schwankungen im Preis pro Liter schlagen da direkt auf das Betriebsergebnis durch. Und auch wenn er selbst an der Gesellschaft Mara beteiligt ist, die Rapsöl-Kraftstoff erzeugt, muss Angermüller zugeben, dass der momentan niedrige Dieselpreis für den Alternativtreibstoff tödlich ist. "Biodiesel rechnet sich nur, wenn der normale Diesel teuer ist", bestätigt Hans Rebelein.


Entfremdung spürbar

Wenn Jürgen Angermüller immer wieder seinen Hof für Besucher öffnet, dann hat das einen guten Grund. "Wir merken einfach eine immer größer werdende Entfremdung der Bevölkerung gegenüber der Landwirtschaft", sagt er. Dem will er entgegenwirken und führt Schulklassen oder Reisegruppen über seinen Hof.
Kälber, die in sogenannten Iglus draußen nebeneinander untergebracht sind, wecken sofort Mitleid bei Besuchern. Tatsächlich ist das aber anerkanntermaßen die gesündeste Unterbringung für den Rindernachwuchs. Auch im Laufstall, bei den erwachsenen Milchkühen, warten Besucher vergebens auf wohlige Wärme. "Trockene Wärme oder trockene Kälte, das macht den Tieren nichts aus. Nur Feuchtigkeit zur Kälte, das wäre schlimm", erklärt der 49-jährige Landwirt aus Überzeugung. Seit 1991 hat er den Hof in Merlach vom Nebenerwerbsbetrieb zum Vollerwerbsbetrieb aufgebaut und sagt heute: "Etwas anderes möchte ich nicht machen, weil Landwirtschaft für mich einfach der schönste Beruf ist."
Das Wohl seiner Tiere geht Jürgen Angermüller dabei über alles. Nicht nur, weil seine Kühe im Schnitt 8500 Liter Milch im Jahr geben. "Wenn eine Kuh krank wird, geht einem das immer nah. Es kann der Punkt kommen, wo man eine Entscheidung treffen muss, um dem Tier weitere Leiden zu ersparen. Das ist nicht leicht", gibt er zu. Etwa 30 Cent bekommt Angermüller zurzeit für einen Liter Milch. Verdächtigungen zum Einsatz von Antibiotika kann er nicht nachvollziehen. Täglich werden Proben genommen und untersucht. Sollte bei den Milchwerken in Wiesenfeld Milch mit Antibiotika ankommen, könnte daraus kein Käse gemacht werden, weil die dafür nötigen Bakterien sterben würden. "Das könnte ganz leicht zum Betrieb zurückverfolgt werden, dann würde er drei Monate für die Lieferung gesperrt und müsste den Schaden der Werke bezahlen", erklärt er. Das riskiere niemand so einfach.
Mit 30 Cent pro Liter kommt ein Hof wie der der Angermüllers nämlich gerade so zurecht. Gerade deshalb schütteln die BBV-Vertreter den Kopf, wenn jetzt zwei große Supermarktketten fusionieren dürfen. "Damit wird die Preismacht des Einzelhandels wieder stärker", fürchtet Hans Rebelein.
Angesichts solcher Rahmenbedingungen wünschen sich die Bauern einfach, dass mehr mit ihnen geredet wird als über sie. Wer erfahre, wie sie arbeiten müssen, um ein vernünftiges Einkommen zu erzielen, der finde vielleicht ein wenig mehr Verständnis und ein bisschen weniger Grund zum Protest.

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