Kronach

"Menschen erleben den Tod eines Angehörigen oft wie im Trance-Zustand"

"Ich war wie in Trance" - Jeder von uns hat sich sicherlich schon einmal wie in Trance gefühlt: dem Zustand einer vollkommenen Versunkenheit, Zeit und Raum ...
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"Ich war wie in Trance" - Jeder von uns hat sich sicherlich schon einmal wie in Trance gefühlt: dem Zustand einer vollkommenen Versunkenheit, Zeit und Raum vergessend, den eigenen psychischen und körperlichen Reaktionen vollkommen ausgeliefert und nicht mehr dazu fähig, sein Verhalten zu steuern. Häufig ergeht es so auch trauernden Angehörigen, die einen ihnen nahestehenden Menschen verloren haben. Dass diese Trance-Zustände auch "nützlich" für die Bewältigung schwieriger Lebenssituationen sein können - das erläutert heute Abend (Kronacher Synagoge, 19 Uhr) der Strahlentherapeut und Palliativmediziner, Dr. Wolfgang Schulze, der Hypnose bei der Begleitung Trauernder einsetzt.
"Menschen erleben den Tod eines Angehörigen oftmals wie in einem Trance-Zustand", erklärt der Chefarzt der Palliativmedizin am Klinikum Bayreuth. Er folgt damit einer Einladung des Hospizvereins Kronach. Der Eintritt ist frei. In ihrer intensiven Trauer und ihrem sie überwältigenden Schmerz träten Trance-Phänomene auf, so Schulze, beispielsweise in Form eines veränderten Zeitempfindens oder Zeitstillstehens. Ihre Wahrnehmung sei massiv verzerrt, die Erinnerung an den lieben Menschen erscheine ihnen vollkommen real: "Oft berichten Trauernde, dass sie den Verstorbenen plötzlich vor sich sehen oder seine Stimme hören." Den Tod erlebten sie als unreal, wie in einem Traum - ein Gefühl, gegen das die Realität nicht mehr ankomme. "Menschen empfinden diese Trance wie einen Kontrollverlust - als Bedrohung, einen Prozess, gegen den sie sich nicht wehren können. Sie fühlen sich ihren unwillkürlich auftretenden Gefühlen ausgeliefert", spricht Schulze aus langjähriger Erfahrung. Als Trance-Phänomene bezeichnet man Erscheinungen, die häufig im Zustand der Hypnose auftreten, wie zum Beispiel das Vergessen von erlebten Inhalten, ebenso wie ein gesteigertes Erinnerungsvermögen, das Erleben von Illusionen und Halluzinationen. Wie bereits der Titel "Hilflos ausgeliefert oder hilfreiche Signale?" vermuten lässt, können diese Phänomene auch hilfreich für eine Therapie eingesetzt werden. Wie dies gelingen kann - welche Wege es gibt, um mit diesem schweren Verlust umzugehen und wieder selbst zurück "ins Leben" zu finden, will er in seinem Vortrag heute Abend erläutern. Dabei geht es um Fragen wie "Wie gehen wir um mit unwillkürlichen Prozessen wie Tränen, Verzweiflung, Schlafstörungen beim Sterben und Tod eines geliebten Menschen? Der Chefarzt will Wege aufzeigen, wie man den schwierigen Gefühlen nach einem Trauerfall begegnen kann.


"Eine gesunde Reaktion"

Grundsätzlich sei Trauer - ein in der Regel sehr negativ behaftetes Wort - ein ganz natürlicher Vorgang und eine gesunde Reaktion auf den Verlust. Dabei gebe es verschiedene Trauerreaktionen. Ausschlaggebendes Kriterium sei die Frage, ob die Trauer über eine längere Zeit normale Lebensabläufe sowie eine Anpassung an die veränderte Situation verhindere. Man spricht dabei von einer "pathologischen" (erschwerten) Trauerreaktion. Diese unterscheide sich vor allem durch ihre starke Intensität und durch die lange Dauer der Empfindungen. Die Person werde vom Ausmaß der Trauer überwältigt und verharre in diesem Zustand. In diesem Fall werde eine professionelle therapeutische Behandlung nötig, was eben auch die Hypnose einschließen kann.
Wichtig sei in jedem Fall das Umfeld. "Wenn die Menschen wissen, welche Abläufe gerade beim Trauernden ablaufen, dass derjenige Zeiträume anders wahrnimmt als in der Realität, können sie ihn besser verstehen und besser damit umgehen", so der Chefarzt. Der Zeitraum eines solchen Trauerprozesses sei sehr unterschiedlich. Jeder brauche eine andere Zeitspanne. hs
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