Laden...
Waischenfeld
kultur 

Literaten gab es hier schon 1550

Vom Wiener Bischof bis zum begnadeten Verseschmied reicht die Liste der Waischenfelder Schriftsteller.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Einweihung der Arndt-Richter-Gedenksäule Sommer 1993 in Waischenfeld neben der Stadtkapelle. V.r.: Kaspar Bezold, Toni Eckert, Vizelandrat Manfred Thümmler und Bgm. Hans Schweßinger
Die Einweihung der Arndt-Richter-Gedenksäule Sommer 1993 in Waischenfeld neben der Stadtkapelle. V.r.: Kaspar Bezold, Toni Eckert, Vizelandrat Manfred Thümmler und Bgm. Hans Schweßinger
+2 Bilder
Anlässlich von 50 Jahren Treffen der Gruppe 47 in der Pulvermühle verfolgen die Stadträte von Waischenfeld die Idee, den Ort als Literaturzentrum zu etablieren. Ein Blick zurück zeigt, dass der Ort seit dem Mittelalter zahlreiche Literaten hervorgebracht hat, denen oftmals nicht der Stellenwert zubemessen wurde, den sie eigentlich verdient gehabt hätten. Literaten beispielsweise wie Anton Sterzl, der erst vor zwei Jahren überraschend starb. Als Chefredakteur des Aachener Volksblattes durchlief er zu Lebzeiten eine schriftstellerische Karriere, die mit zehn gedruckten Werken und hohen journalistischen Auszeichnungen erst nach 88 Jahren endete.
Noch viel früher, schon im Mittelalter, kann man Waischenfelder Literaten finden. Der Mainzer Hofprediger und zuletzt Bischof von Wien, Friedrich Nausea (1496-1552), war einer davon. Er wurde in Waischenfeld 1496 geboren und wuchs hier auf. Seine zahlreichen Schriften, die er als gelernter Theologe und Jurist verfasste, behandeln nicht nur Kirchenordnung, Gebetbuch oder die Auslegungen der katholischen Evangelien. Er befasste sich auch mit der damals aktuell gewordenen Reformation durch Martin Luther. Seine Übersetzung der "Evangelischen Wahrheit über alle Evangelien" ins Deutsche im Jahre 1535 brachte ihn den Ruf ein, "heimlicher Bekenner der evangelischen Wahrheit" zu sein.
Der nächste Vertreter der schreibenden Zunft, der in Waischenfeld lebte, war Jacob Reiselsberger. Welche Tätigkeiten ein "Amtsaktuar" im 19. Jahrhundert im Waischenfelder "Rentamt", eine Art Finanzamt, ausführen musste, ist heute leider unbekannt. Bekanntheit errang er als Bürokrat, der einen Reiseführer über die "Kleine Schweiz" - wie er die Region 1820 nannte, in Gedichtform verfasste. Der erste von mehr als 400 gereimten Versen zur Fränkischen Schweiz lautet im damaligen Deutsch: "Verlaßt die Stadt, besucht die Flur, Kommt in die kleine Schweiz, Für jeden Freunde der Natur, Hat solche seinen Reiz. Der Winter und die Hungersnoth Sind nun von da verscheucht, Die Bäume blühen weiß und roth, Und alles athmet leicht". Reiselsberger hat es fertiggebracht, die ganze Region auf diese Wiese romantisierend und trotzdem informativ zu beschreiben. Er ließ die Waischenfelder Stadtmauer extra für einen Vers ausmessen: "Der letzt von Schlüsselberger Konrad, Hat nun gleich aufgeführt, Ein Brockzeug-Mauer um die Stadt, Wie es sich für die Stadt gebührt. Fünf tausend Schuh der Umfang war, Zur Noth sehr hoch und ohne Zierd, Beim Pfarrhaus stand sonst auch ein Thor, demnach war dies das viert". Wie er in der Fußnote erklärt, ist der Text ein Hinweis auf die Stadtgründung durch Konrad II. von Schlüsselberg 1315, weshalb Waischenfeld das Recht bekam, den Ort mit einer Mauer zu schützen, die damals vier Tore hatte. Die 5000 bayerischen Schuh entsprechen nach heutigem Maßstab rund 1700 Meter Länge.
Die nächsten heimischen Literaten waren schon im 20. Jahrhundert aktiv und dürften daher dem Namen nach noch vielen Waischenfeldern bekannt sein. Michel Hofmann (1903-1968) beispielsweise, gelernter Jurist und Rechtshistoriker und zuletzt Leiter des Staatsarchivs in Würzburg. Er lernte auch das Journalistenhandwerk beim Fränkischen Tag in Bamberg und begründete die "Fränkischen Blätter" als wissenschaftlich orientierte, heimatkundliche Beilage.
Seine vor allem in den 50er und 60er Jahren dort veröffentlichten Beiträge gelten noch heute als Standard- und Nachschlagewerke von hoher Qualität. Einer seiner literarischen Höhepunkte: Er lieferte den Text für die Uraufführung der "Carmina Burana", einer Sammlung Liederhandschiften des 13. Jahrhunderts, die Carl Orff vertont hatte.
Benedikt Spörlein (1904-1965) war ein Waischenfelder Zahnarzt, Bürgermeister und Heimatkundler. Er leitete die Vereinszeitschrift des Fränkische-Schweiz-Vereins von 1959 an bis zu seinem plötzlichen Tode 1965. In diesen sechs Jahren schrieb er viele lokalgeschichtliche Berichte über seine Heimatstadt. Er beteiligte sich an Ausgrabungen in der Schäfersteinhöhle und sammelte Materialien über die Vor- und Frühgeschichte. Als genialer Verseschreiber war er bei Vereinsfesten gefragter Redner. Sein überregional bedeutendstes Werk ist jedoch seine Schrift "Der Zahngebissverfall unserer Generation" aus dem Jahre 1943, in der er anhand Untersuchungen nachwies, dass katholische Bürger bessere Zähne haben als evangelische.
Was in erster Linie daran liegen soll, dass die evangelischen früher die Kartoffel kannten als die katholischen, die auf hartes Brot angewiesen waren.
Lehrer Josef Krems war wie Spörlein ein begnadeter Verseschmied und Verfasser mundartlicher Geschichten, wie "Die best Zigarrn" oder dem Gedicht "Im Paradies". Auch er hat viele, meist lustige Geschichten im Auftrag und über die Vereine geschrieben und er hat sich mit seiner Geschichtsforschung über Seelig, Saugendorf und andere Dörfer unsterblich gemacht.
Zu dem Kreis gehörte noch jemand, der heute aber nur noch wenigen bekannt ist: Anton Kenntemich (1944-1996). Der Sohn der "Langs-Vevi" war von 1972 bis zu seinem Tode Redakteur beim bayerischen Rundfunk in München. Als gelernter Theologe und Germanist kümmerte er sich in erster Linie um die "katholische Welt". Er betätigte sich auch als Heimatkundler in seiner Geburtsstadt, für die er bei verschiedenen festlichen Anlässen Festvorträge hielt.


Sterzl überragte alle

Schließlich soll ein Mann noch erwähnt werden, der auch sehr effektiv für seine Heimatstadt Waischenfeld gewirkt hat: Anton Eckert, der derzeitige Kulturreferent des Landkreises Forchheim. Er tritt auch als Bücherschreiber an die Öffentlichkeit, zuletzt mit dem Werk "Die Burgen der Fränkischen Schweiz" im Jahre 2015. Noch mehr aber hat er für Waischenfeld und die Fränkische Schweiz bewirkt mit der Organisation bedeutsamer Jahresthemen.
Alle Waischenfelder Schriftsteller des 20. Jahrhunderts werden überragt vom eingangs erwähnten Anton Sterzl (1927-2015), der vor allem in den letzten Lebensjahren Bücher über und für Waischenfeld geschrieben hat und dafür mit der goldenen Bürgermedaille ausgezeichnet worden ist: Legendär, seine "Innenansichten des sozialen Kunstwerks Waischenfeld" (1997), in dem er seine Kindheitserinnerungen - und erfahrungen aufarbeitet. Dann: "Was wäre die Weltgeschichte ohne die Franken". Hier erzählt Sterzl seine Lebensgeschichte (2007) und im "Geheimtipp Waischenfeld" (2010), verarbeitet er seine im Alter gereifte Weltanschauung.
"Waischenfeld als Literaturhauptstadt der Fränkischen Schweiz, das wäre ein Projekt für die ganze Region", meinte Bürgermeister Edmund Pirkelmann kürzlich.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren