Forchheim
Klettern 

Kletterst du noch oder boulderst du schon?

Sein bester Freund starb beim Klettern, ein Sturz bei einem Wettkampf in den Dolomiten kostete ihn selbst fast das Leben. Dennoch hat sich Holger Heuber nicht von dem gefährlichen Sport abbringen lassen.
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Daniel Ruppert

Jungs klettern auf Bäume, Mädchen spielen mit Puppen. Im Zeitalter von Fernseher und Computer hinkt diese pauschale Beschreibung der Kindheit, dennoch hat die natürliche Veranlagung vor allem der Buben sicher zur Entwicklung des Kraxelns zum Sport beigetragen. Besonders in Franken fühlen sich die Menschen seit jeher magisch von der Höhe angezogen. Bei Holger Heuber waren es bereits im Alter von 13 Jahren keine Bäume mehr, die er erklomm, sondern die Felsen vor seiner Haustür in der Fränkischen Schweiz. 39 Jahre und ein zertrümmertes Becken später lebt der Forchheimer vom und für das Klettern.
"Ich verdiene mein Geld mit Expeditionen, Kursen und Vorträgen", erzählt Heuber. 2010 erschien der Kinofilm "Jäger des Augenblicks", in dem der im Nürnberger Land geborene Mann eine Hauptrolle spielt. Eine weitere hatte Kurt Albert. Der fränkische Kletterpionier verunglückte 2010 mit 57 Jahren an einem Felsen in der Oberpfalz, als ein Großteil der Dreharbeiten in Südamerika bereits abgeschlossen war. "Zwei Wochen, bevor wir erneut zu dem Tafelberg aufbrechen wollten, bekam ich die traurige Nachricht", erinnert sich Heuber an seinen Freund. Der Dritte im Bunde, Stefan Glowacz, überredete den Forchheimer, das Projekt im Sinne von Albert zu vollenden.


Kletter-Wunderkind aus Erlangen

Auch wenn Kurt Albert starb - das Sportklettern in der Fränkischen Schweiz blieb. Und viele rote Punkte, die der Nürnberger als Zeichen für eine frei gekletterte Route erfand. "Damals ist jeder mit einem Farbeimer herumgelaufen", scherzt Heuber. Damals, Mitte der 70er Jahre, war der sechste  Schwierigkeitsgrad das Maß der Dinge. "Alexander Megos klettert das heute mit verbunden Augen", sagt Heuber über den 22-Jährigen Erlanger. "Er gilt als Wunderkind und gehört zu einer Handvoll der besten Kletterer der Welt", erklärt Heuber.
Die Elite ist mittlerweile am elften Grad angekommen, der sich nach Gefälle, Länge sowie Beschaffenheit und Anzahl der Griffe bemisst. "Und der zwölfte ist bald fällig", glaubt Heuber, der in seiner Karriere nicht über den zehnten hinausgekommen war. Mitverantwortlich ist ein schwerer Unfall, den der frühere Sportlehrer nicht beim Klettern, sondern 2002 beim Dolomitenmann hatte. Die Teilnehmer dieses Wettkampfs müssen einen Berg hochlaufen, Paragleiten, Mountainbiken und Wildwasser-Kajak-Fahren.
Bei der zweiten Disziplin passierte es: "Vor der Landung bin ich einem Konkurrenten ausgewichen, in eine Baumreihe gekracht und aus 20 Metern aufs Gesäß gefallen", erinnert sich der 52-Jährige. Acht Wirbel und das Becken waren durch. Fast drei Jahre verbrachte der Forchheimer im Rollstuhl. "Anfangs musste ich liegen und war komplett abhängig von anderen", sagt der Vater einer erwachsenen Tochter.


Mehr als 50 Erstbegehungen

Doch er kämpfte sich zurück. Als er über den Berg war, zog es ihn auf selbigen zurück - ohne Kreuzbein und immer mit Schmerzen. Mehr als 50 Erstbegehungen in der Fränkischen Schweiz gehen mittlerweile auf Heubers Konto. Das Rotpunktprinzip, das als "redpoint" oder "punto rojo" expandierte, haben er und seine Mitstreiter erweitert. "Wir suchen uns weiße Kletterflecken auf der Weltkarte und nehmen die Tour vom letzten Ort der Zivilisation aus in Angriff", erläutert der Forchheimer. So auch beim Dreh für den Kinofilm.
Einige ihrer einheimischen Helfer gaben bereits auf, als sich die damals noch drei Kletterer von Guyana aus zweieinhalb Wochen durch den Dschungel zum 2790 Meter hohen Roraima kämpften. Das Trio machte weiter. Nicht weil Albert, Glowacz und Heuber lebensmüde, sondern weil sie perfekt vorbereitet und felsenfest von ihrem Erfolg überzeugt waren. Bezeichnend, dass Albert bei einer Routinetour ums Leben kam, für die er gar keine Sicherung gebraucht hätte, aber abstürzte, als diese versagte.
Heuber ist nicht erst seit seinem Unfall vorsichtiger geworden. Zwischen den Expeditionen zieht es den Klettersenior aber immer wieder vor die Haustür. Nicht auf Bäume wie früher, aber auf Felsen der Fränkischen Schweiz, die er sich gerne mit immer mehr Touristen aus aller Welt teilt. Holger Heuber klettert noch.

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