Junge Flüchtlinge brauchen Beschäftigung

von unserer Mitarbeiterin Pauline Lindner Höchstadt — Mike Gibson sitzt an einem Tisch im Gemeindesaal der Christuskirche. Er führt einen Zaubertrick mit zwei Korken vor. Ganz lang...
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Tarik lernt einen Zaubertrick. Foto: Pauline Lindner
Tarik lernt einen Zaubertrick. Foto: Pauline Lindner
von unserer Mitarbeiterin Pauline Lindner

Höchstadt — Mike Gibson sitzt an einem Tisch im Gemeindesaal der Christuskirche. Er führt einen Zaubertrick mit zwei Korken vor. Ganz langsam dreht er Finger und Korken. Denn er will den Trick vier jungen Männern zeigen. Sie schauen aufmerksam auf seine Hände. Tarik ist der mutigste. Er lässt sich die Korken geben und versucht, die Handbewegungen in der richtigen Reihenfolge auszuführen.
Es ist die Stunde nach dem Friedensgebet in der Kirche, das die Gemeinde jedes Jahr vor dem Buß- und Bettag begeht. Nur diesmal hat sie besondere Gäste: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die von der WAB Kosbach in Adelsdorf betreut werden, und nur wenige Jahre Ältere, die am Lappacher Weg untergebracht sind. Mit dabei sind auch Vertreter des Höchstadter Jugendparlaments und des Kinderschutzbundes.
Es hat geklappt: Tarik hält wieder in jeder Hand einen Korken. Auch Musa probiert es. Doch er hat kein Glück: Seine Finger bleiben verhakt. Jemand fragt Tarik, wie er es denn gemacht habe. "Ich weiß nicht", sagt er auf deutsch. Das Gespräch - es wechselt manchmal ins Englische - dreht sich dann um ihren Unterricht. Wie lange er dauert, ob sie Hausaufgaben haben ... Die Antworten kommen zwar nur stockend, sind aber gut zu verstehen, auch wenn der dritte Jugendliche bei den Uhrzeiten seine Kameraden auf Arabisch um Rat fragt.


Ohne Arbeit wird der Kopf krank

Jürgen Ganzmann von der WAB Kosbach lobt ihren Lerneifer. Sie verhielten sich ganz anders, als er es sonst von untergebrachten Jugendlichen kenne. In den Herbstferien hat er sich darum gekümmert, dass alle ein Praktikum machen konnten. Denn ein Satz geht ihm nicht mehr aus dem Kopf: "Wenn ich nicht arbeiten kann, wird mein Kopf krank", hat ihm einer der Betreuten anvertraut.
"Es ist am allerschlimmsten, wenn sie nicht arbeiten dürfen", sagt Ganzmann auch mit Blick auf die jungen Äthiopier. Sie sind nur ein paar Jahre älter als seine Schützlinge, erhalten aber so gut wie keine Hilfe, Deutsch zu lernen oder durch Praktika die deutsche Arbeitswelt kennenzulernen. "Dabei", so fährt Ganzmann fort, "ist Europa die Geronto-Abteilung der Welt." Man brauche junge Arbeitskräfte. Allein im Pflegebereich fehlen in Deutschland 500 000 Arbeitnehmer. Und hier sieht er auch sinnvolle Praktikumsplätze. Denn gerade für einfache Dienstleistungen bleibt ausgebildeten Altenpflegern kaum Zeit. Er selbst hat mit Helfern für sie gute Erfahrungen gemacht.
Er denkt an den jungen Mann aus Afghanistan, der Arzt werden möchte. Auf direktem Weg sieht er bei ihm keine Chance, aber über eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer und zum Pfleger. Leichter hätten es wohl die jungen Leute aus der syrischen Mittelschicht, die aus einer Schulausbildung gerissen wurden. Aber auch für sie sieht er den besten Weg über solche sozialen Praktika. Man könne seine Eignung testen und zugleich die Sprache lernen.
Einen - im ersten Moment - ungewöhnlichen Wunsch äußert er in der Runde am Tisch: Er hätte gerne Übersetzungen des Grundgesetzes und unserer wichtigsten gesellschaftlichen Vorstellungen. "In der Muttersprache und in Deutsch. In einfacher Sprache, wie wir sie auch in der Behindertenarbeit einsetzen." Denn er hat so seine Zweifel an der Effizienz des schulischen Sprachunterrichts. "Was sind Kilokalorien, hat mich einer gefragt und der andere, was Genitiv und Dativ bedeute", erläuterte er, wo er das Problem sieht.


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