Ebern

Jetzt gibt's was auf die 40

verein  Kampfsport als Breitensport etablieren? Daran versuchte sich vor 40 Jahren in Ebern ein Zahnarzt, der schnell zur Aufgabe gezwungen war. Hier müsste die Geschichte eigentlich enden. Aber ein unerfahrener Grüngurt sorgte dafür, dass sie weiterging.
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von unserem Redaktionsmitglied 
Andreas Lösch

Ebern — Im Grunde genommen ist das so eine Situation, in der man das Gesicht verzieht, sein Bedauern ausdrückt und dann kopfschüttelnd "Nee, lass mal" sagt. Wer weiß, vielleicht hat Harald Rögner sogar das Gesicht verzogen, als er vor 39 Jahren von Henry Seuferlein, einem jungen Eberner Zahnarzt, gefragt wurde, ob er nicht die Leitung des gerade mal seit einem Jahr bestehenden örtlichen Karate-Vereins übernehmen könnte. "Ich war damals Grüngurt", erinnert sich Rögner. "Ich hatte von Training halten und Vereinsführung keine Ahnung."
Heute ist Rögner 56 Jahre alt und Schwarzgurt in mehreren Kampfsportarten. Den höchsten Meistergrad trägt er im Kickboxen: den 9. Dan (japanisch für Stufe, Rang). Weitere Meistergrade hat er in Jiu-Jitsu (5. Dan) und Karate (1. Dan). Außerdem ist er deutscher Bundestrainer für Leichtkontakt-Kickboxen der World Kickboxing and Karate Union (WKU) und hat als aktiver Wettkampfsportler selbst mehrere Titel geholt, darunter etliche bayerische und deutsche Meisterschaften sowie 1985 sogar die Vizeweltmeisterschaft. Eine Kampfsportkarriere, die sich sehen lassen kann. Und die, hätte er damals "Nee, lass mal" gesagt, so wohl nie zu Stande gekommen wäre.

Fast gescheitert

Henry Seuferlein, der Vereinsgründer, hatte in den 1970er Jahren die Idee, Kampfsport in Ebern und Umgebung als Breitensport zu etablieren. Ein ziemliches Wagnis, wie Harald Rögner es beschreibt, wenn er sich an die damalige Zeit erinnert. Fußballer und Schützen etwa dominierten das gesellschaftliche Leben. Dennoch eröffnete Seuferlein 1974 eine Karate-Schule und fand ein paar Mitstreiter (darunter Rögner), die diesen Weg mit ihm gehen wollten. Schon ein Jahr später erfreute sich der Verein großen Zuspruchs: 40 Männer und Frauen besuchten regelmäßig das Training, das der in Ebern praktizierende Zahnarzt Seuferlein leitete - und plötzlich stand das ganze Vorhaben schon wieder vor dem Aus: Den Mediziner zog es aus beruflichen Gründen weg. Er sollte die Praxis seines Vaters in Ansbach übernehmen.
Da standen sie nun, die Karate-Schüler, und mussten sich aus ihrem Umfeld auch gleich den einen oder anderen hämischen Kommentar anhören. Gerade gegründet und schon gescheitert? Das wollten die jungen Sportler so nicht hinnehmen und Harald Rögner, der mit seinem grünen Gürtel der Erfahrenste unter den Unerfahrenen war (die Rangfolge ist weiß, gelb, orange, grün, blau, braun, schwarz), ging auf Seuferleins Wunsch ein, den Verein fortzuführen.
Den damals 22-Jährigen packte der Ehrgeiz, den alteingesessenen Vereinen zu beweisen, dass Tradition zwar schön und gut ist, aber Erfolg letztlich nur von Wille und Fleiß abhängt.
Er bildete sich fort, machte bei Trainer-Lehrgängen mit, besuchte Vereine bei Nürnberg (Jiu-Jitsu), lernte Judo in Untersiemau im Kreis Coburg, nahm Boxunterricht in Bamberg und entdeckte in Würzburg die noch junge Sportart Kickboxen für sich. Kickboxen stammt hauptsächlich von Karate ab, vereint aber die Techniken mehrerer Kampfstile. Es ist bis heute das Steckenpferd des Vereins. "Alles, was vom Kickboxen im unterfränkischen Bereich bis ins Coburger Land geht, stammt von uns ab", sagt Rögner. In vielen Kickbox-Schulen der Region werde gute Arbeit geleistet - für Rögner ein Zeichen, dass sich die Sportart etabliert hat. Und der Weg ist noch nicht zu Ende.

Viele Titel - doch das ist nicht alles

Die harte Arbeit hat sich ausgezahlt. Über die 40 Jahre ihres Bestehens wurde in der Kampfsportschule Rögner so mancher Weltmeister geformt, auch in den jüngsten Jahren gab es immer wieder Titel zu feiern. Von den 130 Vereinsmitgliedern werden regelmäßig Sportler ins Nationalteam berufen.
Aber die Wettkampf-Erfolge sind nicht das, was den Verein allein ausmacht. Vielmehr sei es der Zusammenhalt über den Sport hinaus, sagt Rögner. "Für mich ist es wie eine Familie." Jeder habe die Möglichkeit, seine Ziele selbst festzulegen. Die Aufgabe des Vereins sieht Rögner darin, die Sportler bei ihren Ambitionen zu unterstützen.
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