Kronach

Ist Wettkampf zeitgemäß?

Bundesjugendspiele  Am FWG gibt es sie nicht mehr, das KZG könnte nachziehen. Die Grundschulen nehmen weiter teil - und nicht wenige Eltern finden das gut.
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Ob Leichtathletik, Gerätturnen oder Schwimmen - viele Kronacher Schüler nehmen an den Bundesjugendspielen teil.  Foto: Steffens
Ob Leichtathletik, Gerätturnen oder Schwimmen - viele Kronacher Schüler nehmen an den Bundesjugendspielen teil. Foto: Steffens
von unserem Redaktionsmitglied 
Hendrik Steffens

Kronach — Die Zweitklässlerin zeigt lächelnd ihre Zahnlücken. Charlotte (7) freut sich auf ihre ersten Bundesjugendspiele im Juli. "Rennen" sei ihr Ding. Naomi (9) macht heuer zum vierten Mal mit und wirkt nicht so, als würde sie sich um den Wettbewerb reißen. Aber: "Wichtig ist nicht, dass man gewinnt, sondern dass man mitmacht und durchhält", sagt sie. Im Juli werden die beiden Schülerinnen der Lucas-Cranach-Grundschule an den Bundesjugendspielen teilnehmen.
Und wie finden die übrigen Schulkinder, die an diesem Nachmittag vor der Grundschule auf ihre Eltern oder den Bus warten, den Wettbewerb? Sie jubeln. Bei einzelnen nachgehakt, relativiert sich die Vorfreude aber. "Die meisten in meiner Klasse haben keine Lust. Ist ihnen zu anstrengend", sagt ein Junge aus der zweiten Klasse.
Nicht weil die Bundesjugendspiele zu anstrengend, sondern weil sie unfair und unzeitgemäß seien, kritisierte Christine Finke, eine Mutter aus Konstanz, das Format kürzlich medienwirksam (siehe Infobox). Der Schülerwettbewerb demütige die Schwächeren.
Thilo Ludwig holt seine Tochter von der Grundschule ab. Er ist ein stämmiger Mittvierziger und "war schon immer so", also nicht der Schlankste. Die Kritik an den Spielen, die nicht ganz so sportliche Kinder schützen soll, teilt er aber nicht. Im Gegenteil: "Ich erinner' mich noch. Genau einmal habe ich eine Ehrenurkunde geholt. Da war ich extrem stolz", sagt er. Ein Musterathlet war Ludwig nicht. Aber er hat seine Nische gefunden - Kugelstoßen - und abseits von Laufbahn und Barren Erfolg gehabt.

Leben nicht auf "Insel der Glückseligen"

Johannes Hausmann, der Vorsitzende des Elternbeirats der Lucas-Cranach-Grundschule, kann die Kritik nicht nachvollziehen: "Wir leben nicht auf einer Insel der Glückseligen, in der kein Wettbewerb herrscht." Und der Wettbewerb beginne nicht erst mit 18 oder 21, sondern spätestens zur Zeit des Übertritts auf die weiterführende Schule.
Das System an der Lucas-Cranach Grundschule ist wie an vielen anderen Schulen: Jedes Kind bekommt eine Teilnehmer-, manche eine Sieger-, und die allerbesten eine Ehrenurkunde. Ungerechtigkeit kann Rektorin Anita Neder darin nicht finden. "Wie es in Mathematik oder Kunst bessere und weniger gute Kinder gibt, so ist es auch im Fach Sport." Und sportliche Begabung werde nicht erst bei Bundesjugendspielen erkennbar, sondern zeige sich auch im Unterricht. Wichtig, so Neder, sei, dass die Fairness gewahrt bleibe und die Lehrer darauf achten, dass schwächere Sportler nicht aufgezogen werden. Dass ein Kind ausgelacht werde, habe sie noch nie erlebt. Dass Kinder stolz auf ihre Leistungen sind, jedes Mal.
Laut Schulamtsdirektor Uwe Dörfer nehmen nahezu alle Grundschulen im Kreis Kronach an den Spielen teil. Das Frankenwald-Gymnasium ist seit mehr als zehn Jahren raus: Das Format sei "antiquiert", findet Sportlehrer und stellvertretender Schulleiter Alfred Merkel. Der enorme Organisationsaufwand, lange Wartezeiten und die Wetterabhängigkeit seien hinderlich. "Wir haben machen etwas ähnliches, intern und in kleineren Gruppen", so Merkel. Die Spitzengruppen unter den Sportlern haben weiterhin die Möglichkeit, sich für regionale und überregionale Wettbewerbe zu qualifizieren.
Das Kaspar-Zeuß-Gymnasium nimmt noch an den Bundesjugendspielen teil, im Geräteturnen. Allerdings gibt es Diskussionen in der Fachschaft, ob das so bleiben soll. "Wir sehen zunehmend, dass einige der gefragten Übungen nicht geleistet werden können - gerade von den Jungen", sagt Sportlehrer Norbert Spies. Ein Rad schlagen oder einen Handstand könnten viele nicht. Einige Fünftklässler hätten auch bei einfacheren Übungen wie einer Rolle vorwärts Probleme. Es stelle sich die Frage: Macht es Sinn, Übungen, die von vielen kaum beherrscht werden, im Wettkampf zu prüfen?
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