Kronach

In Kronach herrschte Euphorie

Zeitzeuge  Vor 60 Jahren erreichte der letzte Kriegsgefangene aus der Cranach-Stadt, Heinrich Bauer, seine Heimat. Eine riesige Menschenmenge feierte seine Rückkehr. Vor wenigen Tagen starb er im Alter von 92 Jahren.
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Das Volksblatt berichtete am 13. Oktober 1955 über den feierlichen Empfang für Rückkehrer Heinrich Bauer. Fotos: Marco Meißner (2)/Herbert Schellberg/Volksblatt (2)
Das Volksblatt berichtete am 13. Oktober 1955 über den feierlichen Empfang für Rückkehrer Heinrich Bauer. Fotos: Marco Meißner (2)/Herbert Schellberg/Volksblatt (2)
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von unserem Redaktionsmitglied 
Marco Meissner

Kronach — Zehn lange Jahre war der Zweite Weltkrieg vorbei. Doch viele Menschen in Deutschland warteten immer noch auf die Rückkehr ihrer Angehörigen. Auch Kronacher. Erst mit der Heimkehr von Heinrich Bauer konnte dieses Kapitel in der Cranach-Stadt abgeschlossen werden. Er war der letzte Kronacher Kriegsgefangene, mit dem noch Postverbindung bestand. Den 60. Jahrestag seiner Heimkehr kann Bauer jedoch nicht mehr feiern. Er starb vor wenigen Tagen, kurz vor seinem 93. Geburtstag.
"Es war mittags. Es muss circa 13 Uhr gewesen sein, als Bürgermeister Popp den Bauers Heiner im Namen der Stadt auf dem Rathausplatz begrüßte", erinnert sich Erich Reitz an die Ankunft von Heinrich Bauer am 11. Oktober 1955. Ganz Kronach sei an diesem Dienstag auf den Beinen gewesen, um dem Rückkehrer aus russischer Gefangenschaft einen würdigen Empfang zu bereiten.

Spalier gestanden

Auch Reitz selber - damals im Finanzamt tätig - ließ es sich nicht nehmen, zum Empfang zu gehen. "Es war ein Riesenauflauf durch die ganze Bevölkerung. Und es waren nicht nur die Kronacher, sondern auch die Leute aus den umliegenden Dörfern", beschreibt er das Spektakel in den Straßen der Kreisstadt. Bauer sei zum Marktplatz am Rathaus hochgefahren worden, und die Menschen hätten Spalier gestanden.
Das Kronacher Volksblatt widmete in seiner Ausgabe vom 13. Oktober fast eine ganze Seite diesem Ereignis. Zur damaligen Zeit bei einem meistens ein bis eineinhalb Seiten starken Lokalteil eine extreme Ausnahme.

Empfang am Marktplatz

Wie die Zeitung berichtete, hatten sich schon am Vorabend des großen Ereignisses zahlreiche Menschen am Bahnhof eingefunden, weil sie gehört hatten, Bauer käme mit dem Zug nach Hause. Doch am nächsten Tag durfte wirklich gefeiert werden. "Die Bürgermeister Popp und Hempfling holten den Heimkehrer in Küps mit dem Auto ab", berichtete das Volksblatt. "An der Spitze einer Autokolonne wurde Heinrich Bauer nach Kronach geleitet." Dort gab es auf dem Marktplatz die eigentliche Begrüßung.
Was Beine hatte, strömte in die Obere Stadt. "Menschen aus den Fabriken und Kontoren, aus den Amtsstuben, Schulklassen, kurzum alles wollte Zeuge des freudigen Ereignisses sein", erinnerte die Tageszeitung ihre Leser an diesen Moment. Nachdem einige Monate vorher der "Kamerad Zettl" heimgekehrt sei, sei diesem nun Bauer gefolgt, betonte damals Bürgermeister Konrad Popp. Damit sei auch Kronachs letzter Wunsch erfüllt worden. Heinrich Bauer, der "die Freude kaum fassen konnte", hob hervor, dass die Heimkehrer all ihre Kraft für den Aufbau und die Wiedervereinigung Deutschlands aufbringen würden.
Jahre später erinnerte sich Heinrich Bauer zu seinem 90. Geburtstag im Gespräch mit unserer Zeitung an die Vergangenheit. Er, dessen Familie ein Sägewerk im Bereich Krahenberg besessen hatte und nach der bis heute das Bauerswehr an der Haßlach benannt ist, lebte später im oberbayerischen Reichersbeuern. Allerdings besuchte er seine Heimatstadt, so lange es die Gesundheit zuließ, immer wieder.

Zum Tode verurteilt

Dass er lebendig nach Oberfranken zurückkehren würde, stand für den einstigen Kriegsgefangenen auf Messers Schneide. Weil er ein Porträt des obersten Sowjetführers Josef Stalin in seiner Unterkunft abgenommen und in eine Geschirrkiste geworfen hatte, wurde er 1948 zum Tode verurteilt. Diese Strafe wurde jedoch bald in 25 Jahre Zwangsarbeit in Workuta (Sibirien) umgewandelt. Nach den erfolgreichen Verhandlungen zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow kehrte Bauer als einer der allerletzten Kriegsgefangenen wieder nach Deutschland zurück.
Bauer ging später zur Bundeswehr ("Es ist doch mein erlernter Beruf"). Er wurde Offizier in der Gebirgs- und Winterkampfschule in Mittenwald. Daher ließ er sich im Süden Bayerns nieder. Doch er hat Kronach immer im Herzen behalten - und auch den Empfang, den ihm seine Mitbürger 1955 bereitet haben.
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