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Stadtsteinach
Stadtgeschichte 

Hobbys wurden zum Verhängnis

Das Café Michel in Stadtsteinach blickt auf eine über 100-jährige bewegte Tradition.
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Willi Michel war ein leidenschaftlicher Motorradfahrer. Als der Konditormeister tödlich verunglückte, standen die Fortführung seiner Konditorei und seines Cafés auf der Kippe. Repros: Siefgried Sesselmann
Willi Michel war ein leidenschaftlicher Motorradfahrer. Als der Konditormeister tödlich verunglückte, standen die Fortführung seiner Konditorei und seines Cafés auf der Kippe. Repros: Siefgried Sesselmann
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Siegfried Sesselmann

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im August 1962 in Stadtsteinach die Nachricht vom tödlichen Unfall des 40-jährigen Konditors Willi Michel. Nach getaner Arbeit war er mit seinem Motorrad auf dem Weg nach Neudrossenfeld, um für seine Vogelsammlung ein besonders Exemplar zu holen. Bei Unterbrücklein übersah ihn ein Lasterfahrer und es gab keine Rettung mehr. Seine Frau Charlotte und seine drei Kinder im Alter von elf, zwölf und 13 Jahren standen alleine da.
Doch die Geschichte der Familie Michel in Stadtsteinach begann schon 60 Jahre zuvor. Am 15. Oktober 1902 meldete der Konditormeister Georg Friedrich Michel, der Sohn des Kulmbacher Stationsmeisters Karl Michel, sein Gewerbe im Haus Nummer 84, heute Forstamtstraße 14, in der Stadtverwaltung an.
Nach dem Tod seiner ersten Frau Johanna, geborene Wölfel 1917, heiratete er im selben Jahr Barbara Krumpholz aus Guttenberg. Die älteste Tochter Johanna (geboren 1897) verzog nach Mannheim, der größere Sohn Heinz (geboren 1920) fiel im Krieg und so musste Wilhelm Peter Konrad Michel, genannt Willi, (geboren 1922) den Beruf des Vaters erlernen.


Wiederanfang nach dem Krieg

Doch auch Willi musste in den Krieg. Er war von 1941 bis 1943 am Afrikafeldzug beteiligt, um unter Rommel die italienischen Streitkräfte zu unterstützen, und geriet in amerikanische Gefangenschaft. Sein Vater Georg Michel starb 1947, und so meldete der zurückgekehrte Sohn Willi 1948 das Gewerbe neu an. Nunmehr lautete es auf Konditorei, Lebensmittel, Flaschenbier und Café. Ein Jahr zuvor hatte er seine Frau Charlotte, geborene Müller, geheiratet.
Nach der Währungsreform baute er mit wenig Geld und doch mit viel Energie und Unternehmergeist mit seiner Frau in kurzer Zeit die Konditorei zu einem blühenden Treffpunkt in Stadtsteinach aus. Er war nicht nur Bäcker aus Leidenschaft, sondern auch ein ganz besonderer Vogelliebhaber. Überall im Haus hegte und pflegte er seine Tauben, Fasane, Ziervögel und Papageien.
In dieser Wiener Kaffeehaus-Atmosphäre fühlten sich viele Vereine mit ihren regelmäßigen Treffen und auch illustre Kaffeekränzchen richtig wohl. Briefmarkenfreunde, Gartenbauverein, Ruhestandsbeamte, früher auch der Schachclub und auch der VdK waren im Café Michel Stammgäste.
Das Haus in der Forstamtstraße, in das Georg Michel 1902 zog, hatte eine lange Tradition an Wagner vorzuweisen. Die Familien Friedrich und später Korzendorfer stellten in diesem Haus über 100 Jahre vorwiegend Räder, Achsen und andere Werkzeuge aus Holz her.


1889 brannte es

Nach einem Brand 1889 wurde das Gebäude mit den Stallungen wieder errichtet. Sollte nun nach 60 Jahren Konditorei Michel auch dieses Gewerbe mit dem plötzlichen Tod von Willi zu Ende sein?
Nach dem Unfall von Willi Michel war an ein ungetrübtes Weiterarbeiten nicht mehr zu denken. Ehefrau Charlotte musste sich um die drei minderjährigen Kinder kümmern, und auch Willis Tiere brauchten Hege und Pflege. Die Konditorei musste für ein paar Jahre geschlossen werden.
Doch als der Sohn Gerhard die Schule beendet hatte und mit 14 Jahren nach Fürth zog, um in der Konditorei Heller seine Lehre zu beginnen, fasste auch die Mutter wieder Mut. Sie begann, im Sinne ihres Mannes Torten, Kuchen und Gebäck herzustellen und zu verkaufen.


Die Mieter

Tatkräftige Unterstützung erhielt sie von der gut befreundeten Bekannten Gerda Beetz, die mit dem Schreiner Georg Beetz im Kellerweg verheiratet war. Beide brachten die Konditorei wieder zum Laufen, und auch ins Café kamen wieder Gäste aus nah und fern. Als dann der Sohn Gerhard seine Lehre beendet hatte, war die Tradition gesichert. Mit 21 Jahren absolvierte er die Meisterprüfung und heiratete im selben Jahr seine Frau Erika.
Doch im Haus wohnten auch Mieter, die zum Einkommen beitrugen. So lebte nach dem Krieg die Familie von Emil Poralla dort. Anschließend zogen die Familien Andreas Sauer mit zwei Töchtern und Heinz Suckow, ebenfalls mit zwei Töchtern, dort ein. Nachfahren der drei Familien leben heute noch in Stadtsteinach.
1986 übernahm Gerhard Michel, nebenbei ein leidenschaftlicher Modelleisenbahner, die gut florierende Konditorei, die er nun schon seit 30 Jahren führt. Bei sommerlichen Temperaturen konnten in den früheren Jahren die Gäste auf der idyllischen Gartenterrasse hausgemachte Spezialitäten genießen. Doch die Zeiten, in denen Hochzeiter zehn Torten bestellten oder sich Firmen komplette Kuchenbuffets liefern ließen, sind seltener geworden, aber der Sonntagsverkauf boomt ungebrochen. Auch das hausgemachte Eis lockt noch viele Genießer zum Café Michel, denn man schmeckt den Unterschied. Der Sommer kann kommen.

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