Bamberg
Chefarzt-Prozess 

Gutachter: W. ist voll schuldfähig

Als erster Sachverständiger erstattete am 49. Verhandlungstag gegen Heinz W. der forensische Psychiater Norbert Nedopil sein Gutachten. Die Öffentlichkeit war während seines Vortrags zeitweise ausgeschlossen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Kam am 49. Verhandlungstag im "Chefarzt-Prozess" zu Wort: Professor Norbert Nedopil.  Foto: Matthias Hoch
Kam am 49. Verhandlungstag im "Chefarzt-Prozess" zu Wort: Professor Norbert Nedopil. Foto: Matthias Hoch
Jutta Behr-Groh

Der Angeklagte im sogenannten Chefarzt-Prozess kann im Fall seiner Verurteilung nicht auf strafmildernde Umstände hoffen, die seiner Persönlichkeit zugrunde liegen. Heinz W. (50) sei in vollem Umfang schuldfähig.
Dieses Fazit zog Professor Norbert Nedopil am Ende seines Gutachtens, das er am gestrigen Mittwoch, dem 49. Verhandlungstag, erstattete. Das teilte der stellvertretende Pressesprecher des Oberlandesgerichts Bamberg, Bernd Weigel, auf Anfrage mit.
Die Zweite Strafkammer des Landgerichts hat am Mittwoch wiederholt nichtöffentlich verhandelt. So hatten Zuhörer und Medienvertreter den Saal verlassen müssen, ehe Nedopil sich zur sexuellen Orientierung des Angeklagten äußerte. Auch vom OLG-Sprecher gab es keine weiteren Informationen aus dem nichtöffentlichen Teil.
Nedopil ist Deutschlands bekanntester forensischer Psychiater. Er hatte mehr als 20 Verhandlungstage dem Bamberger Prozess beigewohnt, ehe er jetzt zu Wort kam. Trotz seiner großen Erfahrung sah sich der Universitätsprofessor aus München nur zu einem Gutachten in der Lage, in dem, wie er es formulierte, "viele Unsicherheiten verbleiben".
Grund: W. war nicht zu einer sogenannten Exploration, also persönlichen psychiatrischen Untersuchung bereit gewesen, die üblicherweise die Grundlage eines umfassenden Gutachtens darstellt. Nedopil stützte seine Begutachtung daher auf Akten, die ihm vorlagen, und persönliche Eindrücke von W., die er an mehr als 20 Prozesstagen gesammelt hat.


Ausgeprägte Selbstüberzeugung

Der Sachverständige charakterisierte den Angeklagten als einen Mann, der zielstrebig, überdurchschnittlich intelligent, fleißig und auch von sich selbst überzeugt sei. W.s Selbstüberzeugung geht nach Nedopils Eindruck "manchmal etwas weit".
Er relativierte diese Feststellung allerdings auch gleich wieder: Viele Ärzte hätten eine ausgeprägte Selbstüberzeugung und bräuchten diesen Wesenszug wohl auch, um den an sie gestellten schwierigen Anforderungen gewachsen zu sein.
Als widersprüchlich erlebte der Gutachter W.s Selbstdarstellung in Bezug auf seine Patienten: Einerseits vermittle er im Verfahren das Bild eines fürsorglichen Arztes, andererseits habe er Patientenakten zu Hause aufbewahrt und damit mehrfach gegen den Grundsatz verstoßen, dass Krankenakten für die Betroffenen jederzeit zugänglich sein müssten. "Auffällig" fand Nedopil, dass W. diese Praxis für sich rechtfertige, als ob es nichts Ungewöhnliches wäre.
Um Patientendaten und mehr ging es gestern auch bei einem zweiten Sachverständigen. Mit Thomas Hösl kam ein Sachverständiger für Systeme und Anwendungen der Informationsverarbeitung bei forensischen Ermittlungen sowie Datenrecherchen zu Wort. Er hatte im Auftrag der Staatsanwaltschaft die Daten gesichtet und dokumentiert, die Heinz W. im Klinikum und daheim auf Rechnern und externen Festplatten gespeichert hatte.


Daten leicht auffindbar

Laut Hösl fanden sich Daten der Patientinnen, die mutmaßliche Opfer des Angeklagten geworden sind, ausschließlich auf Speichermedien, die die Polizei im Wohnhaus von W. sichergestellt hatte. Diese Daten seien leicht auffindbar gewesen. Im Gegensatz zum pornografischen Material, das sei versteckt gewesen. Der Inhalt der pornografischen Daten und das Surfverhalten des Angeklagten im Internet wurden vom Gericht wiederum unter Ausschluss der Öffentlichkeit beleuchtet.
Was der Sachverständige in öffentlicher Sitzung sagte, ist, dass W. überdurchschnittlich gute PC-Kenntnisse besitze und viel an seinen Computern gearbeitet habe. Auch das mache deren Auswertung deutlich. Auf die entsprechende Frage von Vorsitzendem Richter Manfred Schmidt sagte Hösl, er gehe davon aus, dass der Angeklagte Ordner und Dateien verstecken hätte können, wenn er es gewollt hätte.
Die Verhandlung geht am 12. April (9 Uhr) weiter.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren