Lichtenfels
Voyeurismus 

Gaffern soll es an den Kragen gehen

Von genervten Polizisten und geschockten Eltern: Der Gesetzgeber packt ein Problem an, die Sensationsgier im Medienzeitalter.
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Wer Filme oder Fotos von Opfern macht oder Rettungshelfer bei der Arbeit behindert, dem droht womöglich bald eine Haftstrafe.  Foto: Josef Hofbauer
Wer Filme oder Fotos von Opfern macht oder Rettungshelfer bei der Arbeit behindert, dem droht womöglich bald eine Haftstrafe. Foto: Josef Hofbauer
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Kreis Lichtenfels — Schluss mit Unfallgafferei. Gaffern soll es bald an den Kragen gehen. Gesetzlich. Verantwortliche in der Polizeigewerkschaft wollen das, der Bundesrat beschloss kürzlich eine Gesetzesinitiative dazu und auch im Landkreis Lichtenfels wird dieses Vorhaben begrüßt. Denn auch hier kommt es immer wieder zu unsäglichen Zuständen. Gerade im Handyzeitalter. Der Fränkische Tag hat vier Personen im Landkreis befragt, die berufsbedingt mit Unfallgaffern zu tun haben.
Timm Vogler ist Kreisbrandrat. Was er zu erzählen weiß, trifft den fürchterlichsten Kern der Sache. "Wir haben ein ganz schlimmes Erlebnis bei einem tödlichen Unfall gehabt", erzählt Vogler zu einem nicht weit zurückliegenden Vorfall. Da hätten Eltern vom Tode ihres Kindes aus sozialen Netzwerken erfahren; mit furchtbaren Bildern und ohne Chance, dass ihnen der Tod des Kindes angemessen und mit psychologischer oder seelsorgerischer Unterstützung beigebracht werden konnte. "Durch die Handygeschichte hat das zugenommen", befindet Vogler zum technischen Fortschritt und ist sich sicher: "Die Leute sind dreister geworden."
Möglichkeiten, sich als Feuerwehr zur Wehr zu setzen, gibt es. Laut Artikel 25 des Bayerischen Feuerwehrgesetzes kann für Gaffer ein Platzverweis ausgesprochen werden, der im Umkreis von 300 Metern gültig ist. Doch darüber hinaus findet Vogler es "sehr gut, dass der Gesetzgeber die gesetzlichen Grundlagen dazu verschärft", bei Rettung im Wege stehenden und blockierenden Voyeuren das Handwerk zu legen.


Kreide gegen Auto geworfen

Wo das Unfallbeglotzen auf die Unfallfolgen trifft, bewegt sich auch Alfons Hrubesch, ehemaliger Polizist, aktueller Vorsitzender der Kreisverkehrswacht. Doch er beginnt mit einem "Nein". Keinem besonders versöhnlichen Nein. Dass das Gaffen zugenommen habe, verneint er. Denn: "Das Problem hat schon immer bestanden." Aus 40 Dienstjahren weiß er, dass an Unfallstellen immer wieder das Problem aufgetaucht ist. "Manchmal haben wir hundertmal gesagt, dass weitergefahren werden soll, und anstatt dass sie das taten, mussten wir immer schimpfen", so Hrubesch. Aus seiner hinter ihm liegenden Dienstzeit könne er mit Gewissheit sagen, dass es mal so gewesen ist, dass durch Gaffer eine Rettung verspätet geschah. Ein Kollege habe auch mal entnervt eine Kreide gegen ein Auto geworfen, damit dieses endlich vom Unfallort verschwände. "Die Polizei kann einen Platzverweis aussprechen, denn Zeichen und Weisungen eines Polizisten nicht beachten, ist eine Ordnungswidrigkeit nach der Straßenverkehrsordnung".
"Tatsächlich wurden Rettungsmaßnahmen schon erschwert, weil Leute mit Handys schon vor wollten an die Schaustelle", erinnert sich Polizeihauptkommissar Jürgen Hagel, Dienstgruppenleiter in der Polizeiinspektion Lichtenfels. Auch er sieht ein Unfallverhalten im Wandel der Zeit. Aber dieses trete doch eher auf überörtlichen Straßen auf, auf Nebenstraßen kämen Gaffer seltener vor. Dafür sei ihm "zu Ohren gekommen, dass bei Bränden sich viele (Gaffer) in die erste Reihe stellen". Auch Hagel "begrüßt sie sehr wohl", diese angedachte Verschärfungsinitiative.


Fotos und Filme vom Unfall

Klaus Rübensaal
ist Leiter des BRK-Rettungsdienstes im Landkreis. Aus einer Dienstbesprechung mit Rettungsdienstpersonal bringt er die Information ein, dass Gaffer immer wieder an Notfallstellen verweilen. Jedoch seien kaum Fälle bekannt, bei denen es zu erheblichen Behinderungen des Rettungsdienstpersonals kam. Auffällig jedoch sei, "dass umstehende Personen häufig mit ihren Handys vom Unfallgeschehen Fotos oder gar Filme machen". Und: "Diesbezüglich konnte eine erhebliche Zunahme in den letzten Jahren festgestellt werden." Als Beispiele führt er einen Bahnunfall in Burgkunstadt oder einen kürzlichen Notfall auf dem Bahnhofsgelände in Lichtenfels an. Ob Strafandrohungen und verschärfte Gesetze hier Abhilfe schaffen könnten, bliebe nach Rübensaal aber abzuwarten.
Vorstellungen zur Abhilfe des Übels gibt es genug. Gerade in Bezug auf Bild- und Videoaufnahmen, die in sozialen Netzwerken verbreitet oder an Fernsehsender sowie Zeitungen weitergegeben würden. Dies soll mit bis zu zwei Jahren Gefängnis oder Geldstrafe geahndet werden. Nach dem Willen des Bundesrates soll strafrechtlicher Schutz auch auf Bilder Verstorbener ausgeweitet werden.

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