Limbach
Kultur 

Friedhöfe sind mehr als Ruhestätten

Der gesellschaftliche Wandel macht vor den Begräbnisorten nicht halt. Sie ermöglichen die Begegnung und den Austausch der Menschen, und das sollte heutzutage niemand unterschätzen.
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Die eigene Lebensgeschichte aktiv aufarbeiten: Werner Scharpf hat in den vergangenen Tagen eines der drei Gräber seiner Vorfahren auf dem Eberner Friedhof aufgelöst. Bei den Arbeiten hatten sich einige Menschen zu ihm als Gesprächspartner gesellt - an einem Ort der Begegnung.
Die eigene Lebensgeschichte aktiv aufarbeiten: Werner Scharpf hat in den vergangenen Tagen eines der drei Gräber seiner Vorfahren auf dem Eberner Friedhof aufgelöst. Bei den Arbeiten hatten sich einige Menschen zu ihm als Gesprächspartner gesellt - an einem Ort der Begegnung.
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Johanna Eckert

Totenstille liegt über dem letzten Flecken Erde. Allein die Vögel zwitschern an diesem sonnigen Frühlingstag über die ruhenden Seelen und ihre Grabsteine im Steigerwald hinweg. Da liegt der Metzgermeister neben dem Landwirt, der Ehrenbürger neben dem Dorflehrer. Am Ende sind alle gleich? Nur vielleicht, wäre die treffende Antwort.
Denn die Dekoration und Ausgestaltung der Grabstellen der Verstorbenen sind mittlerweile bis ins Detail individuell wählbar. Obgleich von den zuständigen Friedhofsträgern, meist die Kommunen, in Satzungen die Grundregeln vorgeschrieben sind. "Es ist gut, dass es das gibt. Denn diese Ordnung wirkt ja auch beruhigend", empfindet Tanja Kremer, die als Sterbebegleiterin in Zeil arbeitet.
Im Landkreis Haßberge gibt es mehr als 100 Friedhöfe. 41 von ihnen haben im vergangenen Jahr beim Friedhofs-Check mitgemacht, den der Kreisverband für Gartenbau und Landespflege Haßberge anstellte. Bei den Verantwortlichen Guntram Ulsamer und seinem Team steht der Gottesacker auch in diesem Jahr wieder auf der Agenda. "Wir haben gespürt, dass das Thema noch nicht ausgereift ist. Es gibt noch genug Handlungsbedarf", erklärt der Gartenbau-Fachmann auf Anfrage unserer Zeitung. Es sei "ein riesen Thema, das alle betrifft", sagt Ulsamer.
In Sand trifft das mit dem Friedhof und dem Grab aber erst dann die Leute, wenn der Herzschlag bereits für immer verstummt ist. "Die Gräber dürfen erst vergeben werden, wenn jemand verstorben ist", erklärt Michael Back von der Friedhofsverwaltung der Gemeinde, "wir vergeben keine Gräber zu Lebzeiten. Der Hintergrund", so Back weiter, sei der Wandel der Bestattungsformen. "Vielleicht braucht man ja das Grab dann nicht mehr, weil man lieber eine Urnenbestattung oder etwas anderes wünscht."
So ist es übrigens bei immer mehr Bürgern. "Die Tendenz geht zur Urne", berichtet Michael Back, wobei das Verhältnis zwischen Urnen- und Sargbestattung in seinem Gemeindegebiet mittlerweile eins zu eins ist. Dieser Wandel macht etwas mit den Friedhöfen. "Die Urnenbestattungen führen dazu, dass am Friedhof mehr Platz frei wird. Die Möglichkeiten zur Gestaltung der freien Plätze ist groß", so Guntram Ulsamer. Er favorisiert eine sinnvolle Gestaltung zugunsten der Aufenthaltsqualität. Die Menschen sollen sich auf dem Friedhof begegnen und austauschen können. Seitdem es keine Gastwirtschaften mehr auf den Dörfern gibt, ist der Bedarf solcher Treffpunkte groß.


In den eigenen Garten

Die Angst, dass die Würde mahnend den Zeigefinger hebt, wenn sich die Hinterbliebenen auf dem Friedhof über Gott und die Welt unterhalten, existiert. Aber nicht bei Werner Scharpf aus Ebern. Bis vor wenigen Tagen hatte er auf dem Eberner Totenacker noch drei Grabstätten zu pflegen. Das Grab seiner Urururgroßmutter, die 1827 geboren wurde, hat er nun aufgelöst und Grabstein sowie Sockel in Eigenregie entfernt. Der Friedhof war für wenige Tage mit schwerem Gerät sein Arbeitsplatz. "Es kam einer vorbei, der hat mir noch ein Bier gebracht. Dann saßen wir da hinten auf der Bank und haben uns unterhalten", erzählt Scharpf.
Der Grabstein steht jetzt übrigens daheim in seinem Garten. "Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte", betitelt er seinen Einsatz auf dem Friedhof.
Die Gemeinde Sand ist mit ihrem Gräberensemble aus altem Teil und Wald-Friedhof beim landkreisweiten Wettbewerb im vergangenen Jahr auf dem dritten Platz gelandet. "Die Auswahl ist subjektiv", empfindet Michael Back von der Friedhofsverwaltung und weiß aber: "Wir haben einen schönen Friedhof." Auch Besucher, die in Sand über den Friedhof laufen, bestätigen die Besonderheit des Gottesackers immer wieder. Die Sander Bevölkerung selbst ist auch zufrieden - solange sie nichts tun muss. "Ich sag's mal so: Wenn wir Bescheide verschicken, Grabsteinprüfungen ausführen oder den Bürgern sagen, dass sie etwas machen müssen, monieren natürlich schon welche", schildert Michael Back.


Kosten

Für eine Urnenbestattung zahlen die Hinterbliebenen bis zu 700 Euro an die Gemeinde Sand, für eine Erdbestattung bis zu 1490 Euro. Die Kosten für den Bestatter und den Grabstein sind dabei exklusive. "Sterben ist nicht billig", merkt Michael Back an. "Sterben wird auch teurer", sieht es Werner Scharpf ähnlich. Seine Lösung? Den Gräbern ein kleineres Ausmaß geben und über den Friedhofsboden durchweg Rasen säen. "Das ist nicht so viel Aufwand", meint er.


Regeln sind nötig

Wer einen Friedhof besucht, hat es nicht nur mit Pflege, Würde, Stille und Andenken zu tun. Es gibt auch Regeln, die dabei einzuhalten sind. "Nur tagsüber geöffnet" steht beispielsweise in der Friedhofssatzung der Gemeinde Sand. Niemand soll dort herumlungern oder die Nacht verbringen. "Natürlich soll das auch Vandalismus unterbinden", ergänzt Michael Back.
Doch Regeln sind da, um wohl von einigen gebrochen zu werden. Wie Ebern hat auch Sand auf dem Friedhof ein Müllproblem. "Viele Leute haben hier ihren Hausmüll entsorgt", berichtet Back, "die Container werden mittlerweile versperrt." Auch in Ebern existiert die große Blechkiste für den Müll nicht mehr. Friedhofsmüll hingegen kann weiter abgelagert werden. "Der Friedhof ist eben eine Einstellungssache", spitzt es Back zu.














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