Bamberg

Fai obbochd: Gerhard C. Krischker ist 70

Rudolf Görtler Manches hat sich in die lokale Folklore eingefressen, ist im lyrischen Gedächtnis zumindest der Generation der sagen wir mal bis 1970 Geboren...
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Gerhard C. Krischker  Foto: B. Herbst
Gerhard C. Krischker Foto: B. Herbst
Rudolf Görtler

Manches hat sich in die lokale Folklore eingefressen, ist im lyrischen Gedächtnis zumindest der Generation der sagen wir mal bis 1970 Geborenen hängengeblieben. Verse wie in "noochruf auf main radiägummi": du hosdi / aufgäriim / füä maina feelä" oder in "wänni", das die Herzensergießungen eines nach Bamberg heimkehrenden Reisenden schildert und sogleich ironisch desavouiert: "nochädd griichi so a gfüül / däs öäschd widdä fägeed / wänni äs öäschda / blööda bäkannda gsichd siich".
Oder auch Drastischeres. Stammtisch-Lakonie, wie sie auch im Mahrs-Bräu, im Spezial, im Keesmann, im Greifenklau zu hören war (und hoffentlich noch ist!). Kaum zu glauben, aber wahr, dass derlei in den siebziger Jahren Anstoß erregte: Als Gerhard C. Krischker damals sinngemäß dichtete, dass der Bamberger auf seinen Keller gehe, "bis er schbeit", erntete er empörte Leserbriefe. Es war eben eine andere Zeit damals, die "schwarze Front" aus CSU und dem sprichwörtlich gewordenen "Domberg" stand noch, und Störenfriede waren gar nicht gern gesehen.
Das hat sich gründlich geändert, was auch den Gedichtla "des Krischker" zu verdanken ist. Das heißt: Vielleicht hatte diese Zeit klarer Fronten auch etwas für sich im Vergleich zum heutigen schmierigen Mainstream, wo alle irgendwie grün und liberal sind und oft große Heuchler.


Ein untypischer 68er

Und es wird in diesen Tagen wieder viel über die ominösen 68er palavert, ihre Karrieren, ihre Neurosen, ihre Wandlungen. Voilà, hier haben wir einen. Einen, der nicht in einer weltoffenen Großstadt groß wurde, sondern im engen und beengten Bamberg, dem er immer mit Liebe, zuweilen mit Unverständnis, sicher auch manchmal mit Hass begegnete und immer verbunden blieb.
Ein Urbamberger, Abitur am Franz-Ludwig-Gymnasium, Studium der Germanistik und anderem in Erlangen, Promotion, ab 1976 Lektor im Schulbuchverlag C. C. Buchner. So weit, so normal. Doch ab den frühen Siebzigern tauchten in Bamberger Buchläden und Wirtschaften hektographierte Heftchen auf mit Dialektgedichten. Ein ganz neuer Ton war das, geschult an Brecht, frech, aufmüpfig, Literatur fürs Volk. Die alte idyllisierende und manchmal tümelnde Mundartlyrik à la Hans Morper, nichts gegen ihn, nach links gewendet, Widersprüche nicht zukleisternd, sondern aufdeckend, scharf wie Kren aus dem Gärtnerland.
Ein ganz neuer Ton, der zumal die lyrische Saite einer jungen, kritischen Generation zum Klingen brachte. Krischker wurde populär, brachte es zu einer Art informellem Bamberger Stadtdichter, wurde ausgezeichnet u. a. mit dem Wolfram-von-Eschenbach-Preis und dem E.T.A.-Hoffmann-Preis der Stadt Bamberg, einer Poetikprofessur an der Bamberger Universität auch. Für die Grünen saß er einige Jahre lang im Stadtrat, doch das geriet dem eher anarchischen Poeten zu mühselig und bürokratisch. Immerhin kondensierte er seine Erfahrungen in dem Bändchen "schlechdä schdoddrod is doiä". Zusammen mit seinem Freund, dem leider allzu früh verstorbenen Collibri-Buchhändler Rudi Sopper, kompilierte er schöne Bamberg-Lesebücher. Sein 1993 gegründeter Kleebaum Verlag, benannt nach der Kleebaumsgasse, in der sich der Krischker ein schönes Domizil geschaffen hat, widmet sich in bibliophilen Bändchen (halb)vergessenen fränkischen Preziosen von Oskar Panizza, Karlheinz Deschner, Leonhard Frank und vielen anderen, so gut wie immer Repräsentanten eines "anderen", kritischen Franken. Literarische Ansichtskarten und Porträtkarten gehören zum Portfolio des kleinen Verlags, der zwar einen Internetauftritt hat, dessen Inhaber jedoch sich konsequent Computer und Mobiltelefon verweigert.
Seit Krischker im Ruhestand ist, hat er sich zurückgezogen. Die Mundartlyrik sei ein erledigter Fall, meint er, "es ist alles gsochd". Gelegentlich sieht man den heute 70 Jahre alt gewordenen früheren Dylanologen in einem seiner geliebten Bamberger Lokale. Vom Betrieb hält sich "der Krischker" fern, seinen Verlag pflegt er als ein ambitioniertes Hobby. Die Redaktion wünscht beiden, Verlag und Autor, zum Runden alles Gute. Und schärft dem Krischker mit Zappa ein: Die Mundart ist nicht tot. Sie riecht nur etwas komisch.

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