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Bayreuth
Landwirtschaft 

Es geht nur noch um Schlagzeilen

Die Wahlen in den fast 1000 oberfränkischen BBV-Ortsverbänden sind vorbei. Wir sprachen mit Direktor Wilhelm Böhmer über das Image der Bauern, negative Schlagzeilen und die Forderungen an Politik und Verbraucher.
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Aktuell gibt es noch etwa 10 000 Bauernhöfe in Oberfranken - Tendenz weiter fallend. Fotos: Stephan Herbert Fuchs
Aktuell gibt es noch etwa 10 000 Bauernhöfe in Oberfranken - Tendenz weiter fallend. Fotos: Stephan Herbert Fuchs
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Der Strukturwandel in der Landwirtschaft setzt sich fort. Aktuell gibt es noch rund 10 000 Bauernhöfe in Oberfranken, die meisten in den Landkreisen Bayreuth und Bamberg, die wenigsten in den Landkreisen Kronach und Wunsiedel.
Gleichzeitig engagieren sich die Landwirte ungewöhnlich stark in "ihrem" Bauernverband. Fast 1000 Ortsverbände gibt es in Oberfranken, in jedem einzelnen wurde zweimal gewählt, einmal die Ortsbäuerin, einmal der Ortsobmann. Und nahezu sämtliche Positionen konnten wieder mit ehrenamtlichen Kräften besetzt werden.
Wie das möglich ist, warum das Image der Bauern leidet und was sie von Politik und Handel fordern, erläutert Wilhelm Böhmer, der Direktor des Bauernverbandes in Ober- und Unterfranken, in einem Interview mit unserer Zeitung.
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Wie ist das hohe Engagement für den Bauernverband zu erklären in Zeiten, in denen es woanders immer schwieriger wird, ehrenamtlichen Nachwuchs zu finden?
Wilhelm Böhmer: Wir haben tatsächlich die Situation, dass es bei den aktuell knapp 1000 Ortsverbänden in Oberfranken relativ wenige Zusammenlegungen gab. Ich glaube, dass unsere Mitglieder vor Ort ihre Strukturen so lange wie irgendwie möglich aufrechterhalten wollen und sich dafür auch einsetzen. Wir stellen großes Interesse fest, selbst kleinste Ortsverbände mit 20 oder weniger Mitgliedern zu erhalten. Dies ist auch in unserem Sinne. Denn für den Berufsstand ist es wichtig, dass es Ansprechpartner gibt, die sich kümmern, wenn es um Flächennutzungspläne, Bebauungspläne oder um ähnliche Fragen geht.

Wie rasant verläuft der Strukturwandel derzeit in Oberfranken? Wieviele Betriebe gibt es aktuell, wie viele davon werden im Haupt, beziehungsweise Nebenerwerb geführt?
Der Strukturwandel hat sich in den zurückliegenden Jahren nicht geändert, er lag stets so bei einem bis zweieinhalb Prozent. Das hat mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu tun, aber auch mit dem technischen Fortschritt. Das ist zwar nicht schön, aber ein seit langem zu beobachtender Trend. Manchmal hängt es aber auch mit neuen Vorschriften zusammen, wenn Berufskollegen aufgeben. Bestimmte gesetzliche Maßnahmen können da einen Schub auslösen. Besonders betroffen sind davon natürlich die kleinen Strukturen, immerhin haben wir rund 6000 Nebenerwerbsbetriebe in Oberfranken.

Früher galt der Landwirt als der Ernährer der Bevölkerung. Heute nehmen Teile der Gesellschaft den Bauern nur noch als den Umweltverschmutzer, Luftverpester oder Tierquäler wahr. Wie konnte es soweit kommen?
Ganz besonders in der Nachkriegszeit, aber auch lange in Zeiten des Kalten Krieges spielte die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln eine große Rolle. Es war das agrarpolitische Ziel, diese zu garantieren. Heute ist die gesamte Gesellschaft global geworden. Es ist selbstverständlich, auch Lebensmittel aus dem Ausland zu beziehen. Dazu kommt, dass immer weniger Menschen ein realistisches Bild von der Landwirtschaft haben.

Auch die eigene Zunft gerät immer wieder in die Kritik der Bauern. Was werfen sie der Presse, oder besser gesagt, Teilen der Medien konkret vor?
Die Gesellschaft hat sich verändert. Früher wollten die Menschen in der Zeitung vor allem das lesen, was um sie herum passiert, etwa in den Vereinen. Heute sind viele Menschen komplett vernetzt, da geht es oft nur noch um Schlagzeilen. Und die liefern häufig Interessensverbände aus dem Natur- und Tierschutz, die meinen, sie müssten irgendetwas aufgreifen, was nicht selten auf Kosten der Bauern, also der Tierhalter und Naturnutzer, geht. Und das findet sich dann in den Medien wieder. Diese Schlagzeilen zurechtzurücken ist für uns nicht immer einfach.

Nennen Sie uns bitte drei Forderungen an die Politik.
Erstens die Sicherung und den Erhalt der Land- und Forstwirtschaft, zweitens Sachlichkeit statt Populismus, drittens den Schutz des Eigentums.

Und drei Forderungen an den Lebensmitteleinzelhandel ...
Da geht es um Leben und Leben lassen, keinen ständigen Preisdruck bei Ein- und Verkauf sowie Schluss mit unsinnigen Zusatzforderungen wie Nachhaltigkeitserklärungen und Vorschriften, was die Produktionsbedingungen angeht.

Machen wir weiter: Drei Appelle an den Verbraucher.
Er sollte bewusst regionale Nahrungsmittel kaufen, nicht immer nur auf den Preis sehen und in seinen Ansprüchen an die Landwirtschaft auch realistisch sein.

Welchen konkreten Tipp geben Sie dem Verbraucher, der Landwirte vor Ort unterstützen möchte?
Er sollte regional einkaufen. Er sollte aber auch die Landwirtschaft vor Ort leben lassen und nicht gleich dagegen angehen, wenn sonntags mal gedroschen werden muss, wenn ein Weg mal verschmutzt oder eine Maschine mal etwas lauter ist.

Das Gespräch führte Stephan Herbert Fuchs.
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