Kronach

Erinnerungsfetzen zum Verkauf

Kronach — Am Wochenende fand in der Kühnlenz-Passage in Kronach ein Mädchenflohmarkt statt. Unsere Praktikantin Franziska Knobloch war auch mit einem Stand vertreten und berichtet,...
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Kronach — Am Wochenende fand in der Kühnlenz-Passage in Kronach ein Mädchenflohmarkt statt. Unsere Praktikantin Franziska Knobloch war auch mit einem Stand vertreten und berichtet, wie es ihr ergangen ist.
Mit dem Wintermantel habe ich lange gezögert. Der hellbeige Tweetstoff mit dem eleganten wie praktischen Kapuzen-Kragen hat mich lange vor Wind und Schnee geschützt, mich in unzähligen Nächten auf dem Nach-Hause-Weg warm gehalten. Ich hatte ihn zu Familienfeiern an, wenn ich mit meinen Mädels ausging, lernte in ihm meinen Freund kennen. Zusammen mit anderen Sachen habe ich ihn nun aussortiert. Den Mantel, nicht den Freund.

Fehlkäufe und Ausrangiertes

Auf dem Mädchenflohmarkt landen entbehrliche Klamotten. Solche, die noch zu gut sind, um sie wegzuwerfen; aber eben nicht mehr in den Schrank passen, nicht mehr zum Kleidungsstil, nicht mehr zur Person. Sie hängen zuhauf an den Kleiderstangen, liegen in Kisten und auf Tischen bereit zum Verkauf.
Und mit ihnen zusammen - unsichtbar, aber untrennbar verwoben: Erinnerungsfetzen. Sie sind in Ärmel eingenäht, kleben an Absätzen, baumeln an Ketten. Sie machen aus Klamotten Lieblingsteile. Sie geben abgetragenen Turnschuhen den Wert von Prada-Pumps, lassen einen einfachen Wintermantel wie einen Nerz erscheinen.
Und doch kommt dieser persönliche Wert erst zum Vorschein, wenn es schon fast zu spät ist: Wenn sie zum Verkauf an der Kleiderstange hängen. Dann, wenn die Kleidungsstücke von anderen begutachtet und anprobiert werden. Wenn sie mit kritischen Blicken und Kommentaren das beurteilen, was einem einst so lieb und teuer war. Und dann mit einem bedauernden Lächeln ablehnen, wenn man 40 Euro verlangt.
Bei anderen Teilen bin ich nachgiebiger, lasse mit mir handeln, verschenke das eine oder andere Paar Ohrringe sogar. Hier kann ich rational denken: Ich habe keine Lust, all die Teile wieder mit nach Hause zu schleppen. Außerdem will ich Geld verdienen - für neue Sachen. Also weg mit dem alten Kram. Die Satin-Bluse für vier Euro - bitte sehr. Die Klunkerkette für zwei Euro - viel Spaß damit. Aber den Wintermantel für unter 40 Euro? Nicht mit mir.
Vormittags hat der anhaltende Strom der Schnäppchenjägerinnen die Klamottenberge schrumpfen lassen. Am Nachmittag tröpfeln nur noch vereinzelt Besucher in die Passage. Sie lassen sich von Stand zu Stand treiben. Statt hektisch gekauft, wird nun gemütlich geschaut. Der Mantel hängt noch immer. Das macht mich nervös. Denn am anderen Ende der Halle habe ich Schuhe entdeckt, die ich unbedingt haben muss. Die Verkäuferin hat mit sich handeln lassen, sie gibt sie nun für 20 Euro her, verlangt keine 40 Euro mehr dafür. Ich hole meinen Geldbeutel.
An meinem Stand steht ein Mädchen in meinem Mantel prüfend vor dem Spiegel. Ihre Mutter fragt mich nach dem Preis. 40 Euro sage ich, mein Blick fällt auf die Schuhe. Bevor sie zu einem bedauernden Lächeln ansetzen kann, schreie ich: 20. Die Tochter nickt. Jetzt kann sie neue Erinnerungsfetzen einnähen. In den Mantel, den ihr ihre Mutter auf dem Mädchenflohmarkt gekauft hat. Ich finde, das ist eine gute Fortsetzung. fk



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