Hallstadt

Einst zogen Henker in großem Tross nach Bamberg

Die Scharfrichter-Experten tagen: Ab dem heutigen Freitag kommen rund 40 Historiker und Hobbyhistoriker aus Deutschland, Holland, Luxemburg, Österreich und ...
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Helmut Belthle
Helmut Belthle
Die Scharfrichter-Experten tagen: Ab dem heutigen Freitag kommen rund 40 Historiker und Hobbyhistoriker aus Deutschland, Holland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz in Bamberg zusammen, um sich über neue Forschungsergebnisse auszutauschen. Wir haben mit Organisator Helmut Belthle gesprochen, der aus Ludwigsburg anreist.

Herr Belthle, wie darf man sich diese Expertenrunde vorstellen?
Wir sind eine lose Gruppe, bestehend aus 30 bis 50 Personen aus ganz Europa, die sich für das Thema "Scharfrichter" interessieren. Eine ganze Reihe von uns stammt tatsächlich von ehemaligen Scharfrichtergeschlechtern ab. Das Reizvolle an dem Thema ist der genealogische Aspekt, das heißt, die Suche nach gemeinsamen Vorfahren und nach Verbindungen zwischen den einzelnen Familien. Ich selbst bin Beamter im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Stuttgart, 61 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder. Meine Vorfahren waren Scharfrichter in Tübingen, Leonberg, Weil der Stadt und Bensheim. Sie stammen ursprünglich aus dem bayerisch-schwäbischen Raum (Augsburg).

Das 13. Treffen der Scharfrichter-Experten findet in Bamberg statt. Warum?
Wir treffen uns jährlich in einer anderen Stadt. Die Wahl fiel in diesem Jahr auf Bamberg, wo es in der Zeit der Hexenprozesse von 1595 bis 1637 fast 1000 Hinrichtungen gegeben hat. Hier existiert sogar noch ein Scharfrichterhaus - Magazinstraße 3 a. Die Stadt ist auch interessant wegen ihrer heute nicht mehr existierenden "Immunitäten", das heißt unterschiedlichen Rechtszuständigkeiten.

Wer waren die Henker, die in Bamberg ihrem blutigen Handwerk nachgegangen sind?
Für die Vielzahl der Hinrichtungen in der Zeit der Hexenprozesse engagierten die Fürstbischöfe - neben dem in Bamberg ansässigen Scharfrichter - zeitweise auch professionelle Scharfrichter von auswärts. Sie brauchten diese Folter-Fachleute und holten sie aus weiter entfernten Städten, beispielsweise Augsburg, Kronach oder Meiningen. In großem Tross zogen damals die Henker in die Stadt. Wenn sie vielleicht auch nicht bei allen Bürgern Angst und Schrecken verbreiteten, so flößten sie durch ihr selbstbewusstes Auftreten zumindest große Ehrfurcht ein. Unter den Scharfrichtern waren also die wenigsten Bamberger: Die galten nämlich als für diese Arbeit zu weich. Auch fürchteten sie sich vor möglichen Repressalien ihrer Mitmenschen und Nachbarn.

Über welche Themen tauschen sich die Scharfrichter-Experten bei ihren Treffen aus?
Die Themen sind breit gefächert. Immer besteht aber ein Bezug zu den Schwerpunkten Rechtsgeschichte und Strafrechtsgeschichte. Wichtig ist uns auch die Genealogie, die es zum Beispiel ermöglicht, von Nachnamen auf die Abstammung aus Scharfrichterfamilien zu schließen. Wollen Sie ein paar typische Henker-Namen hören? Zenker, Hoffmann, Zeberlein, Brummer nannten sich zum Beispiel die Bamberger Scharfrichter. Doch die richtig großen Sippen Süddeutschlands waren die Vollmar, Deibler, Deigendesch - das kommt von Degen in der Tasche - und Bickel oder Pickel, um nur wenige zu erwähnen.

Wie sind denn die Menschen nach der Hoch-Zeit der Scharfrichter mit dem Stigma eines solchen Namens umgegangen?
Genau diese Frage ist eines unserer Kernthemen. Wir haben herausgefunden, dass Schafrichter-Familien in Norddeutschland weitaus besser in die "normale" bürgerliche Gesellschaft integriert waren als jene im Süden Deutschlands, wo die Handwerkszünfte die Stigmatisierung beförderten. Einer der Vorträge bei unserem Treffen in Bamberg befasst sich mit dem Bildhauer und Scharfrichternachkommen Johann Friedrich Vollmar (1752-1818) und der Frage, wie dieser die "Unehre des Scharfrichters" überwinden konnte.

Was werden Sie selbst in Bamberg vortragen?
Mein Referat befasst sich mit der Geschichte der Bamberger Hexenprozesse. Der Titel lautet wie die Inschrift am Bamberger Malefizhaus, das an der Stadtmauer (heute Franz-Ludwig-Straße) stand: "Das Haus wird ein Exempel werden, dass Alle, die vorübergehen, sich entsetzen."

Werden die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht?
Ja, teilweise. Wir publizieren immer wieder in Fachzeitschriften wie beispielsweise "Genealogie" oder berichten in Form von Zeitungsbeiträgen. Größere Aufsätze habe ich schon über die Scharfrichter von Ulm, Ladenburg, Rothenburg ob der Tauber, Sulz am Neckar und Tübingen geschrieben und zum Teil auch publiziert. Ich habe mir vorgenommen, all das, was wir über die Bamberger Scharfrichter wissen, zusammenzutragen und zu gegebener Zeit einen Aufsatz zu schreiben.

Die Fragen stellte
Gertrud Glössner-Möschk
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