Bamberg

Eine zweite Chance bieten

jugendhilfe  Abgerutscht in der Pubertät? Der "Verein für Jugendhilfe" unterstützt junge Menschen in Schwierigkeiten dabei, dass sie später keine gesellschaftlichen Außenseiter werden. Heute feiert der Verein seinen Umzug in die Magazinstraße.
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Seit über zwanzig Jahren engagiert sich Jana Krenz im "Verein für Jugendhilfe".  Foto: Matthias Hoch
Seit über zwanzig Jahren engagiert sich Jana Krenz im "Verein für Jugendhilfe". Foto: Matthias Hoch

von unserer Mitarbeiterin judith huber

Bamberg — Laura ist 18 und Martin 20, beide sehen jünger aus. Etwas unsicher sitzen die zwei, die eigentlich anders heißen, in der Magazinstraße 2d und blicken zu Sozialpädagogin Jana Krenz, die zwischen ihnen Platz genommen hat.
Die Erfahrungen, von denen die jungen Menschen berichten, sind sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen, dass ihr Leben schon früh aus geordneten Bahnen geworfen wurde. Und dass dann irgendwann ein Wendepunkt kam, von dem an ihr Weg in die Zukunft wieder bergauf führen sollte. Zusammen an einen Tisch gebracht hat sie der "Verein für Jugendhilfe Bamberg", der jungen Menschen in Schwierigkeiten neue Perspektiven eröffnet.

Neue Räumlichkeiten für Verein

Zusammen mit Vertretern aus Politik und Justiz feiert der Verein heute die offizielle Einweihung seiner neuen Räumlichkeiten. Ein Ortswechsel, von dem Laura profitiert hat. Seit einigen Wochen ist in Bamberg Nord ihr Zuhause. Nach dem Umzug konnte der Verein seine begleitete Wohngemeinschaft auf sechs Plätze aufstocken und die junge Frau ein Zimmer ergattern.
Jeder der Bewohner ist aus freien Stücken eingezogen und sie alle kamen mit der Hoffnung, dadurch einen Schritt Richtung Eigenständigkeit und Erwachsenwerden machen zu können. "Eigentlich sind wir eine ganz normale WG", meint Laura. Anders als bei anderen Wohngemeinschaften ist jedoch, dass Laura bei ihrem Einzug mit ihrer "Patin" vom Verein Wochen- und Monatsziele festgelegt hat.
Menschen zwischen 18 und 25 Jahren, die bei Arbeitssuche und Lebensplanung Unterstützung benötigen, können seit 2009 im Rahmen des Wohnprojektes "Start" beim "Verein für Jugendhilfe" unterkommen. Dort steht man ihnen mit pädagogischer Betreuung und praktischer Hilfe zur Seite. Erklärtes Ziel ist, dass die Bewohner nach spätestens einem Jahr eine eigene Wohnung, Lehr- oder Arbeitsstelle haben und in der Lage sind, ihren Alltag eigenständig zu organisieren.
Das gestaltet sich bei manchen nicht so leicht. Oft kommen die Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen und müssen erst die Grundlagen der Haushaltsführung erlernen. Bei Laura geht es vor allem darum, sich durch die Bewerbungsflut um einen Ausbildungsplatz zu kämpfen. "Ich brauchte jemanden, der mich da bei der Hand nimmt und mir auch einen Tritt in den Hintern gibt. " Laura war 16, als sie von zu Hause rausgeschmissen wurde, berichtet sie. "Seitdem hab ich mich mit kleinen Jobs durchgeschlagen." Dann kam der Punkt, an dem sie beschlossen hat, etwas ändern zu wollen.

Neue Sichtweisen

Schon jetzt hat sie das Gefühl, voran gekommen zu sein, sie fühlt sich wohl. "Mit der Praktikantin, mit der ich arbeite, hat sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt". In der WG seien sie ein eingeschweißtes Team, auch wenn es mal krache. In der fünfjährigen Geschichte von "Start" kann der Verein eine Erfolgsquote von 75 Prozent vorweisen. Auch Laura ist optimistisch, dass bald die erhoffte Zusage kommt. Sie weiß auch schon genau, was sie will: Ihre Traumausbildung wäre die zur Malerin und Lackiererin.
Hilfe bei der Ausbildungssuche brauchte er nicht: Martin ist bereits Maler und Lackierer. Der Zwanzigjährige war auf eine andere Art von Unterstützung angewiesen und landete auch nicht freiwillig beim "Verein für Jugendhilfe". Schlägerei unter Alkoholeinfluss, Anzeige wegen Körperverletzung, Jugendgericht - das waren seine Stationen, dann musste er ein "Anti-Aggressions-Training" absolvieren. Sechs Monate lang, drei Stunden die Woche inklusive Trainingsswochenenden in der Gruppe. "Es war hart, aber ich sehe jetzt vieles anders", erzählt er.
110 straffällig gewordene Jugendliche kamen im letzten Jahr meist auf richterliche Weisung zu Jana Krenz und ihren Kollegen. Statt mit Jugendarrest bestraft zu werden, sollen die jungen Menschen ein besseres Sozialverhalten lernen. In Martins Kurs wurden ihm mit Übungen und Gesprächen neue Herangehensweisen nahe gebracht, für den Umgang mit anderen, für gewaltfreie Konfliktlösung. Ein wichtiger Schritt des Lernprozesses ist dabei, dass die Teilnehmer Verantwortung für ihr Tun übernehmen. "Die Wattehülle aus Rechtfertigungen und Entschuldigungen, in die sich jeder automatisch einpackt, muss weg", fordert Jana Krenz.

Neuer Start

Indem der "Verein für Jugendhilfe" diese sozialpädagogischen Betreuungsmaßnahmen durchführt, erhöht er bei vielen dieser Menschen die Chance, dass es bei Jugendsünden bleibt. Und ist damit ein wichtiges Organ für die Umsetzung des Jugendstrafrechts. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass der erzieherische Ansatz an erster Stelle steht, so informierte Richter Martin Waschner anlässlich eines Vortrages im Amtsgericht Bamberg.
In der Pubertät sei die Beeinflussbarkeit durch das Umfeld und die Tendenz zum impulsiven Handeln besonders stark. Schwierige familiäre Umstände und unzureichende Förderung können zu gravierenden sozialen Entwicklungsdefiziten führen. Das nachhaltige Umdenken der Jugendlichen zu erreichen sollte deshalb Priorität bei der Beurteilung haben, so der Richter.
Sigrid Dörner ist erste Vorsitzende des Vereins und sie ist glücklich, dass die Zusammenarbeit so gut klappt: mit der Stadt, dem Gericht, dem Jugendamt. Und ist dankbar für das unermüdliche Engagement ihrer Mitarbeiter, Helfer und Unterstützer, die dafür sorgen, dass der Verein weiterhin Jugendlichen die Chance zur Besserung bieten kann.
Teuer bezahlt hat Martin auch so, im wörtlichen Sinne. Er freut sich darauf, wenn die Schulden abbezahlt sind und er endlich all das hinter sich lassen kann. Laura hofft darauf, möglichst bald mit einer Ausbildung beginnen und ihrem Leben Halt geben zu können.
Und nebenbei möglichst auch der strikten Geschlechtertrennung in ihrem Traumberuf ein Ende zu setzen. "Bis jetzt hat mich nämlich noch kein Betrieb nehmen können - weil deren Kapazitäten nicht auf weibliche Mitarbeiter ausgerichtet sind. Es fehlt etwa an getrennten Toiletten."​
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