Kulmbach
Asylpolitik 

Ein vernachlässigter Krisenherd?

In einem spannenden Vortrag zeigte Andreas Wilde von der Universität Bamberg auf, warum Afghanistan kein sicheres Herkunftsland ist.
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Viele Flüchtlinge aus Afghanistan machten sich vor allem über die Balkanroute auf den Weg in Richtung Deutschland.  Foto: Archiv/Balzas Mohai,dpa
Viele Flüchtlinge aus Afghanistan machten sich vor allem über die Balkanroute auf den Weg in Richtung Deutschland. Foto: Archiv/Balzas Mohai,dpa
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Weltweit befinden sich Millionen Menschen auf der Flucht, auch in Afghanistan entfliehen Männer, Frauen und Kinder dem Krieg, dem Elend und der Not. Immer wieder hört man von Fällen, in denen afghanische Asylbewerber abgeschoben werden sollen, auch drei junge Afghanen in Kulmbach sind akut hiervon betroffen (die BR berichtete).
Doch wie sicher ist Afghanistan als Herkunftsland? Welche Zukunft steht solchen jungen Menschen bevor? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Andreas Wilde von der Universität Bamberg bei einem Vortrag im Landratsamt.
"Afghanistan ist ein zerrissenes Land, in dem es keine funktionierenden staatlichen Strukturen gibt", sagte Wilde, der viel Zeit am Hindukusch verbracht hat. Mit in der Kolonialzeit künstlich gezogenen Grenzen sei Afghanistan stets eine Pufferzone gewesen. Heute wirke das Land "auf den ersten Blick wie ein Relikt aus vergangener Zeit." Die Winter im Gebirge seien hart, die Landwirtschaft präge das Bild, Industrie gebe es faktisch nicht, so der Referent.
Wie viele Afghanen es gibt, könne nur geschätzt werden. "Sie sind aufgrund der ethnischen Heterogenität vielsprachig, zu fast 100 Prozent muslimisch, die Großfamilie spielt die zentrale Rolle in ihrem Leben."


Familie bietet Schutz

Sie biete Schutz und Geborgenheit, das sei in einem Land, in dem es keinen Arbeitsmarkt und kein Versicherungswesen gebe, enorm wichtig. "Entscheidungen werden oft von den Älteren getroffen." Eine Erziehung wie in westlichen Industriegesellschaften gebe es nicht, Kinder lernten durch Nachahmen und müssten neben der Schule häufig auch arbeiten.
"Mit dem Abzug eines Großteils der amerikanischen Truppen aus Afghanistan nach Beendigung des UNO-Mandats 2014 sind auch noch diese Arbeitsplätze weggefallen", sagte Andreas Wilde. Und das sei nur eines der Probleme. "Im ganzen Land flammen immer wieder Konflikte auf, quasi seit Ende der 70er Jahre herrscht Bürgerkrieg." Die Regierung sei vollkommen zerstritten und bereite den Nährboden für Extremisten, zumal die Taliban nicht am Übergangsprozess beteiligt worden seien. "Sie betreiben vielmehr aktuell einen Parallelstaat, indem sie in jedem Bezirk eigene Gouverneure einsetzen, die auch noch Steuerabgaben eintreiben. Die Taliban sind sehr einflussreich, und häufig stehen ganze Familien und Clans hinter diesen Truppen", erklärte Wilde.
Die Kämpfer des IS würden auch die Bezirkshauptstädte belagern und bombardieren, der Krieg, den bislang Guerillas in den Bergen führten, breite sich immer mehr aus. Die Bevölkerung leide, denn Milizen würden rauben und morden. Hinzu kämen Landkonflikte, Dürreperioden, ethnische Spannungen.


Im Iran nicht gewollt

Die meisten afghanischen Flüchtlinge leben laut Redner derzeit im Iran oder in Pakistan. "Aber allein 2016 wurden etwa 600 000 Afghanen zurückgeschickt, weil die Iraner sie nicht haben wollen." Und hier sieht der Afghanistan-Experte eine Gefahr: "Wenn jetzt noch einmal aus Europa große Zahlen abgeschoben werden, könnte die Situation in Afghanistan ganz schnell kippen."


IS als einzige Perspektive?

Die einzige Perspektive, die die jungen Leute nämlich in Afghanistan hätten, seien der IS oder die Taliban als Arbeitgeber, zumal die Familie als soziales Netz wegfalle. Dazu komme, dass sie durch die Rückführung gefrustet und empfänglich für entsprechende Propaganda seien. "Viele junge Männer werden in Afghanistan auch für den Krieg in Syrien rekrutiert und an der Seite von Assad verheizt."
Schon vor 2015 seien etwa 150 000 Menschen afghanischer Abstammung in Deutschland integriert worden. "Viele sprechen Deutsch und gehen einer Erwerbstätigkeit nach."
Wilde sprach von einer "momentan aussichtslosen Situation" und von fehlendem internationalen Interesse. Die Afghanen seien gefangen zwischen Gesellschaft und Tradition, Korruption, Fanatismus und dem Drang, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Familie bedeutet alles, sich selbst zu verwirklichen aber sei absoluter Luxus.
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