Herzogenaurach

Ein Radio für Ehrenbürger Weiler

Weihnachten 1947. Der Heilige Abend fällt auf einen Mittwoch. Es ist tatsächlich so gekommen, wie man am Ende des Krieges prophezeit hatte, nämlich: "Der Krieg war schlimm - der Friede wird fürchterlich!"
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Fritz Maier war später Krippenbauer, hier mit dem Schießhaus.  Fotos: Archiv - Gäbelein
Fritz Maier war später Krippenbauer, hier mit dem Schießhaus. Fotos: Archiv - Gäbelein
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Klaus-Peter Gäbelein

Die Regale in den wenigen Lebensmittelläden in Herzogenaurach waren leer, es gab kaum etwas zu kaufen, längst war man zum Selbstversorger geworden und der Schwarzmarkt blühte. Wohl dem, der in einem eigenen Garten Gemüse und Kartoffeln anbauen konnte, der genügend Brennmaterial vorrätig hatte und glücklich schätzten sich diejenigen, die sogar noch Arbeit in der Stadt gefunden hatten.


Rohstoffe fehlten

Die Schuhindustrie lag darnieder, in der Sportschuhindustrie ging schon seit Kriegsbeginn fast nichts. Es fehlte an Rohstoffen, am Kapital und an Abnehmern. Das nackte Überleben war angesagt, der Schwarzmarkt blühte.
Die US-Besatzer überwachten seit ihrem Einmarsch am 16. April 1945 das Wenige, das produziert wurde. So geschah es auch in der Firma Weiler in der Würzburger Straße. Ein Jahr vor Kriegsbeginn hatten sich die Brüder Weiler, aus Nürnberg stammend, an der Aurach niedergelassen. Weiler war der erste Betrieb, der nach dem Krieg Metall verarbeiten durfte, denn die Sieger hatten immer noch Angst, dass die "Krauts" (crowds - Krautfresser, das amerikanische Schimpfwort für die besiegten Deutschen), dass die Deutschen gleich wieder Waffen produzieren würden. Und dann gab es in der Stadt lediglich noch den Versuch, die ehemaligen Schuhfabriken in Gang zu bringen. Doch das scheiterte größtenteils an den fehlenden Rohstoffen.
Die NS Machthaber hatten in den Kriegsjahren die Produktion von "Panzerschreck-Waffen" mit kleinen Torpedos angeordnet, kein Wunder also, wenn die Firma Weiler, "als Rüstungsbetrieb eingestuft", in den Nachkriegsjahren strengstens überwacht wurde. Und so wurden dann unter anderem Kartoffelpressen produziert, statt für die Waffenproduktion waren sie für die Klößproduktion gedacht.
Man produzierte Fahrradständer, auch wenn dafür der Markt fehlte und selbige nicht unbedingt gebraucht wurden - und man stanzte Nudelsiebe aus ehemaligen Stahlhelmen.


Als "Stift" begonnen

In dieser Krisenzeit versuchte Vater Maier - im ehemaligen Kommunbrauhaus an der Schütt wohnend - für eines seiner zehn Kinder einen Arbeitsplatz zu ergattern. Am 6. Oktober durfte der kleine Fritz, gerade der Schule entwachsen, eine Lehrstelle als "Stift" in der Firma Weiler mit der Arbeit beginnen.
"Nicht unten in der Firma, wo die allgemeinen einfachen Dinge hergestellt wurden, nein, oben im 1. Stock, bei den "Besseren", wo eine handvoll von Experten an der Herstellung von Weiler Radiogeräten tüftelte", so teilte Fritz später voller Stolz mit. Und hier "oben" durfte Fritz dabei sein, während "unten" provisorische Feueranzünder hergestellt wurden, wo man Spezialschalter in die Glühbirnen einbaute, weil von dort der Strom für das Bügeleisen abgezapft wurde, denn es war eben die Zeit, in der das Improvisieren angesagt war.
Friedrich Weiler, der in seinem aufstrebenden Unternehmen später Hunderte in der Metallbranche beschäftigte, war nun einmal ein "Radiofreak", wie man heute sagen würde.
Kein Wunder, dass seinen Hauptverantwortlichen im 1. Stock des Betriebs in der Würzburger Straße, dort wo heute Geschäftshäuser und ein Altenwohnheim stehen, etwas einfallen musste. Im Dezember 1947 , als die wirtschaftliche Not am größten war, wurde das erste "Weiler Radio" in Herzogenaurach fertiggestellt. Gerade zu Weihnachten war es, als man den Lehrbuben Fritz Maier beauftragte, das Gerät beim Chef abzugeben.
Und Fritz Maier erinnerte sich an diesen "großen Tag" als wenn er gestern gewesen wäre: "Ich musste das Gerät hinübertragen zum Chef. Er wohnte in der Ansbacher Straße. Ich habe geklingelt und dann hat Frau Weiler die Tür geöffnet. Als ich das Radiogerät überreichen wollte, hat Frau Weiler ihren Mann gerufen. "Komm doch mal raus...!" Und alles andere lief dann ab wie im Traum!


Belohung: ein Flanellhemd

Der kleine Lehrbub Fritz Maier erhielt als Dankeschön von Friedrich Weiler ein rot-blau kariertes Hemd, ein Hemd, das zu jener Zeit etwas Besonderes war, weil es keine Flanellhemden im freien Verkauf gegeben hat.
Und das Schicksal wollte es, dass Fritz Maier noch ein zweites beige kariertes Flanellhemd erhalten hat, denn alle Weiler Mitarbeiter bekamen ein solches vom Chef als Weihnachtsgeschenk. Fritz Maier schwärmte bis zu seinem Tod immer von seinem "Cowboy-Hemd" und natürlich vom Weiler Radio, das allerdings nur in geringen Stückzahlen produziert worden war. "Vielleicht 200 bis 300 Stück", so Fritz Maier und er ergänzt: "Die Holzgehäuse hat der Kunner Möhrenschlager g'macht. Es gab sie in Limba lackiert oder in Mahagoni, - die waren nicht so glänzend. Radio München und Radio Nürnberg hat man damit rei'bracht und manchmal aa Radio Stuttgart, aber des hat manchmal ganz schö' pfiff'n", soweit Fritz Maier.
Doch schon nach der Währungsreform (1948) kam das Aus für das Radio der Metallfabrik Weiler. Die großen Firmen wie Grundig, Saaba oder Loewe Opta hatten längst die Marktlücken entdeckt.


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