Ebern

Ein Eberner, der den Dreh raus hatte

Mit dem Rotor erfand Ernst W. Hoffmeister einen Dauerbrenner auf den Vergnügungsparks der Welt
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Achterbahnen mit zig-fachen Loopings, Flugsimulatoren mit ausgefeilter Computertechnik und Hully-Gullys, bei denen schon dem Zuschauer schwindelig wird. Immer rasanter, aufwändiger und teurer werden die Fahrgeschäfte, mit denen das Schaustellergewerbe die Nerven kitzelt. Nur so lassen sich heute die Massen anziehen.
Der Rotor tanzt, oder besser dreht da aus der Reihe. Er widersteht dem neuzeitlichen Geschwindigkeitsrausch, der dem Gleichgewichtssinn Schnippchen schlägt und Todesängste zum lauthals kreischenden Vergnügen macht. Trotzdem ist der Rotor zum Evergreen geworden - womöglich sogar gerade deswegen.
Vom Hamburger Dom lässt er sich seit Jahrzehnten nicht mehr wegdenken, ebenso wenig von der Wiesn in München oder von der Cannstatter Wasen. Unbeirrt dreht der Rotor seine Erfolgsrunden auf dem europäischen Festland, in Großbritannien wie auch in Übersee. Der Zuspruch reißt nicht ab.
"In den letzten fünf, sechs Jahren hat der Rotor sogar eine große Renaissance erlebt", sagt Manfred Pluschies. Er ist Mitglied der Hamburger Schausteller-Familie, die seit 1970 erfolgreich mit dem Rotor durch die Bundesrepublik reist. Zwei dieser Geräte befinden sich im Besitz des Familien-Unternehmens, eines davon haben die Pluschies vor Jahren allerdings eingemottet und nutzen es vorwiegend als Ersatzteillager. Mit dem anderen sind die Schausteller gefragte Gäste auf den großen Volksfestplätzen. Demnächst soll der Rotor wieder einmal eine modernere Fassade erhalten.
Begonnen hat alles in einer Werkstatt am nördlichen Ortsrand von Ebern in unmittelbarer Nähe von Bahngleis und Kugelfischerwerk. Dort fertigte die Firma "Yucca" Schindeln aus Holz. Nebenbei jedoch bastelte Ernst W. Hoffmeister, ein gelernter Werkzeugmacher, an einer Idee, die laut Schausteller-Fachorgan "Kirmesrevue" (9/1996) "eine neue Ära im deutschen Karussellbau einleiten sollte".
Der Ingenieur hatte sich eine Maschine ausgedacht, die mit Hilfe von Fliehkraft und Reibungswiderstand die Erdanziehungskraft überwinden und den Menschen Spaß bringen sollte - in der kärglichen Nachkriegszeit ein unerhörter, fast revolutionärer Gedanke.
Im Grunde folgte Hoffmeister - wenn's auch kompliziert klingt - einem einfachen physikalischen Prinzip, mit dem deutsche Wissenschaftler bereits vor dem Ersten Weltkrieg experimentiert hatten. Trotzdem war der Rotor eine geniale Idee, gelang es Hoffmeister doch erstmals, die Erdschwerkraft zu "überlisten": Wird eine bestimmte Geschwindigkeit erreicht, so beginnen Körper in der Luft zu schweben.
Für sein Projekt benötigte Hoffmeister eine Trommel mit heb- und senkbarer Bodenplatte. Den Prototyp fertigte er in der Eberner Schindelfabrik aus Holz. Als Knackpunkt erwies sich zunächst jedoch ein Drehgelenk, das ihm im Kugelfischerwerk mangels passender Werkzeuge niemand fertigen konnte.

"Spionage verboten!"
Erika Zucker, die bei der Stadtverwaltung Hoffmeisters Gewerbeanmeldung registrierte, berichtet, dass Peter Schmitt alias Peter "Fufzig" diese Aufgabe übernahm. Der Mechaniker, ein Eberner Original, muss seinen Auftrag sehr wichtig genommen haben. Tagelang hing an der Tür das Schild "Spionage verboten!".
Lange hatte Hoffmeister zu tüfteln, ehe er Lager und Antrieb ausgefeilt, die optimale Drehgeschwindigkeit und vor allem den richtigen Belag für die Innenwand der Trommel gefunden hatte. Der Reibungswiderstand, den der geschäftstüchtige Ingenieur schließlich mit einem Gemisch aus Textil und Gummi erzeugte, war maßgeblich dafür, dass die Fahrgäste nicht allzu schnell umhergeschleudert werden mussten und trotzdem wie vom Magneten angezogen an der Wand kleben blieben.
Ältere Eberner erinnern sich vage an den weltmännischen Herrn Oberingenieur, der aus der Kleinstadt im Baunachgrund zu großen Taten aufbrach. Fortan sollte er nicht mehr in der beengten Wohnung in der Eberner Badgasse 17 (heute Haus-Nr. 11) zu Hause sein, sondern auf den Volksfestplätzen. Bald schon logierte Hoffmeister feudal in einem zum Wohnwagen ausgebauten Eisenbahnwaggon.
Des Erfinders Helfer in den Haßbergen hatten gewiss nicht geahnt, welche Dimensionen der Rotor tatsächlich einmal erreichen würde: Ein Zylinder von 3,60 Metern Durchmesser bildete das Zentrum eines 15 Meter (!) hohen Bauwerkes mit zirkuszelt-artigem Dach, das Hoffmeister bei Mannesmann aus Stahl fertigen ließ.
Umso erstaunter waren später Oktoberfestbesucher aus der unterfränkischen Kleinstadt, wenn sie den Rotor erblickten. Er erreichte immerhin die Höhe eines vierstöckigen Hauses und musste mit seinen großflächigen Malereien und bunten Glühbirnen noch imposanter auf die Leute vom Land wirken.
Altbürgermeister Rolf Feulner weiß noch von Erzählungen aus seiner Kindheit, wonach Hoffmeister Fahrgäste aus Ebern, sofern sie sich als solche zu erkennen gaben, gratis an dem Vergnügen teilhaben ließ.
Konnten im Rotor selbst maximal 30 Menschen auf einmal mitfahren, so bot sich auf einer spiralförmig gebauten Galerie mehreren hundert zahlenden Besuchern zugleich Gelegenheit, das Spektakel zu betrachten. Eine Kombination aus Fahr- und Schaugeschäft also, dem Hoffmeister eine riesige, bemalte Fassade vorblendete. Der Auf- und Abbau soll Wochen in Anspruch genommen haben.

Triumphale Premiere
Die Premiere auf dem Oktoberfest in München im Jahr 1949 wurde als Sensation gefeiert. Das Gefühl der Schwerelosigkeit faszinierte die Fahrgäste, und auch das Publikum, das nach jeder Fahrt eine Runde im sechsgeschossigen Zuschauerraum aufrücken musste, war begeistert.
Nicht zu Unrecht warb Hoffmeister mit dem Slogan "Zuschauen allein das größte Vergnügen". Nach Halt suchende Menschen, Mutige, die akrobatisch den physikalischen Kräften trotzten, und Frauen, die sich bemühten, ihre Röcke zwischen den Beinen festzuklemmen, garantierten den Lacherfolg.
Mit allerlei Werbe-Gags wusste Ernst W. Hoffmeister seine Erfindung zu vermarkten. Zum Ergötzen der Medien inszenierte er zum Beispiel eine rotierende Hochzeitsgesellschaft samt Kapelle und Festtagstafel, ließ bei Skatrunden Tische und Karten an der Rotorwand kleben, Artisten mit Wassereimern panschen und stellte seine Erfindung selbst für ernsthafte physikalische und medizinische Versuche zur Verfügung. Diese PR-Aktionen verschafften dem Rotor sensationelle Umsätze und internationales Aufsehen.
Wegen der Größe und des Gewichts seines Original-Rotors konnte Hoffmeister pro Saison nur wenige der großen Volksfestplätze ansteuern. Doch die Nachfrage war immens. Zudem hatte der Erfinder rasch gegen Plagiate im Ausland zu kämpfen.
Erfolgreich schob er Lizenz-Anforderungen in Deutschland den Riegel vor ("Nur Selbstbetrieb") und sicherte sich Patentansprüche in vielen Ländern der Erde.
Ab 1951 ließ er seinen Rotor, dessen Nachfolge-Modelle kleiner ausfielen und damit für das Reisegeschäft besser geeignet waren, bei einer renommierten englischen Karussellbau-Firma herstellen. Der Zuschauerbereich schrumpfte; der Platz für die Fahrgäste im Zylinder wuchs gleichzeitig an.
Ab 1951 drehten Hoffmeister-Rotoren auf der britischen Insel ihre Kreise, und 1952 vermeldete der Ingenieur, der inzwischen längst ein vermögender Mann geworden war, er habe den Patentschutz "in den wichtigsten Kulturstaaten der Welt" gesichert.
Damals waren seine Rotor-Anlagen bereits in Vergnügungsparks und auf Ausstellungen von Skandinavien bis Südafrika, von den Vereinigten Staaten bis Australien vertreten. Wo Hoffmeister nicht selbst als Inhaber firmierte, suchte er zumindest an Lizenzen zu verdienen. In den Vereinigten Staaten erinnerte US-Patent 2586333 an "Ernst W. Hoffmeister of Hamburg, Germany" und in München war die Hoffmeister GmbH angesiedelt, die seine Exklusivrechte in der Bundesrepublik wahrte und das Rotor-Geschäft hier zu Lande lenkte.
Den Erfinder selbst zog es nach Übersee. 30 000 Pfund Sterling investierte er in einen riesigen Rotor, mit dem 1953 nach Kanada ging. Er gründete eine Firma namens "Rotors (Canada) limited". Die Premiere bei der kanadischen Nationalausstellung muss ähnlich triumphal gewesen sein, wie vier Jahre zuvor der Start in München. Ernst W. Hoffmeister blieb in Kanada, von wo aus er als Teilhaber eines großen Vergnügungskonzerns seine Idee offenbar besonders gut vermarkten konnte.
1962 zählte der Hoffmeister-Rotor zu den Attraktionen auf der Weltausstellung in Seattle, Washington. Die Spur Hoffmeisters verliert sich dann. Ende der 60er Jahre scheint der Erfinder in seiner neuen Heimat gestorben zu sein.
Damals war sein monumentaler Original-Rotor, dessen Fassade ein Sturm auf dem Hamburger Dom demoliert hatte, längst verschrottet worden. Eine kleiner dimensionierte, gut reisetaugliche Version hatte es der Hoffmeister GmbH jedoch ermöglicht, auch auf kleineren Volksfesten mit kürzerer Dauer Station zu machen. Die Rotor-Begeisterung erreichte dadurch in der Bundesrepublik ein noch breiter gestreutes Publikum.
Doch Hoffmeisters Tochter Lilian, die in erster Ehe Knobel, später Kohlmeier hieß und in der Modebranche tätig war, hatte nichts vom Schausteller-Blut ihres Vaters geerbt. Sie verkaufte 1969 sämtliche Vermarktungs- und Schutzrechte für den Rotor an die Hamburger Firma Pluschies.

Jahrzehnte überdauert
Während der Rotor im Ausland zahlreiche Variationen erlebte, halten die Pluschies auch nach mehr als 50 Jahren am Konzept des Original-Rotors von Hoffmeister fest.
Der Website der Pluschies ist es zu verdanken, dass sich im Internet unter der Stichwortkombination "Ebern" und "Rotor" neben dem Windrad auf dem Bretzenstein, dem Flugsportclub, einem bei FTE automotive gefertigten Motorteil und der Facharbeit eines Absolventen am Friedrich-Rückert-Gymnasium auch das Andenken an Ernst W. Hoffmeister findet, der von Ebern ausgezogen war, um mit seiner Erfindung den Erdball zu erobern.
Er hatte den Dreh raus, sich selbst reich und die Welt zumindest ein klein wenig fröhlicher zu machen.


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