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Lichtenfels

Dunkelste Kapitel in der Geschichte der DDR beleuchtet

Diesmal war alles anders. Denn hier erzählte niemand von Dingen aus weit zurückliegenden Jahrhunderten. Streng genommen ist Geschichte für Eberhard Eichhorn...
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In Eberhard Eichhorn fand das CHW nicht nur einen Zeitzeugen, sondern auch einen leidenschaftlichen Erzähler.  Foto: Markus Häggberg
In Eberhard Eichhorn fand das CHW nicht nur einen Zeitzeugen, sondern auch einen leidenschaftlichen Erzähler. Foto: Markus Häggberg
Diesmal war alles anders. Denn hier erzählte niemand von Dingen aus weit zurückliegenden Jahrhunderten. Streng genommen ist Geschichte für Eberhard Eichhorn nämlich noch nicht einmal vergangen. Seine Wurzeln liegen in der Zwangsumsiedlung, seine Aufgabe ist die Aufarbeitung, seine Zukunft eben das. Am Donnerstag beleuchtete er auf Einladung des Geschichtsvereins Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) dunkelste Kapitel der DDR.
Ein Staat siedelt seine Bewohner um - gegen ihren Willen, mit Zwang, mit zwei Stunden Zeit die Koffer zu packen und ohne jedweden Ersatz für das Verlorene. Als "Aktion Ungeziefer" hat dieses Kapitel aus dem Jahr 1952 einen Namen erhalten. Eberhard Eichhorn war noch ein Kind, als ihm und seiner Familie dies im unweit von Coburg gelegenen Ummerstadt widerfuhr. Entsprechend lebhaft sein Vortrag. Diese Lebhaftigkeit fiel auch dem Gastgeber auf: Gerhard Schmidt, Leiter der Lichtenfelser CHW-Gruppe, lernte Eichhorns joviale und lebhafte Art des Erzählens auf einer Tagung kennen. Und schätzen. Einladung folgte.


"Totgeschwiegener Terror"

Grob umrissen ging es darum: Um Grenzsicherung und Abschottung zur Bundesrepublik zu betreiben, siedelte das DDR-Regime Menschen aus grenznaher Lage um, die für "politisch nicht zuverlässig" gehalten wurde. Wer dazu zählte und weshalb, wurde über Spitzelei in Erfahrung gebracht. Verdächtigungen genügten. Diese "Säuberungen" betrafen weit über 8000 Menschen, blieben aber ein "totgeschwiegener Terror".
Ein halbes Jahr Arbeit steckte Eichhorn in seinen Vortrag, Behörden, Ämter und sonstige zuständige Einrichtungen für Einblicke in Stasi-Aktionen aufsuchend. Doch was die Anschaulichkeit und Lebhaftigkeit des Vortrags bereicherte, war, dass Eichhorn trotz aller bitteren Erfahrungen keine Schwarz-Weiß-Malerei in seinem Geschichtsbild betrieb. Es gab auch den guten Russen, den einfachen Soldaten, der mit den Kindern in der sowjetischen Besatzungszone Fußball oder Verstecken spielte, mit Bürgern Witze riss und jovial war. Doch nach und nach sollt sich gänzlich einschwärzen, was in der Gründungszeit der DDR für gewisse Zeit noch Grauzone war; die Grenze wurde undurchlässiger und gefährlicher, die Wachmannschaften politisch überzeugter und strenger.
All das bettete Eichhorn in das Große und Ganze all dessen ein, was politisch auf der großen Bühne, aber hinter den Vorhängen deutschlandpolitisch geplant wurde.
Es war eine ministerielle handschriftliche Notiz, die in zynischer Formulierung von Menschen als Ungeziefer sprach. Thüringens damaliger Innenminister und kommissarischer Ministerpräsident, Willy Gebhardt, hinterließ sie an den damaligen Vize-Landesvorsitzenden und Landessekretär der SED in Thüringen, Otto Funke: "Otto, diese Zahlen hat mir eben Gen. König durchgegeben. Das wäre das Ergebnis der Kommissionsarbeit zur Beseitigung des Ungeziefers."
Eindrucksvoll bebildert, zeigte Eichhorns Vortrag auch, wie die Polizei in der DDR dabei "behilflich" war, Menschen und ihr Habe zu verfrachten. Und es gab auch die allgemeine und in Eichhorns Familie vorherrschende Angst, in die Sowjetunion verschleppt zu werden. Ein Schicksal, das vielen tausend, vorwiegend Männern, in der DDR widerfahren sei. Mit tödlichem Ausgang. "Wir hätten geschlossen Selbstmord begangen, wenn wir über die Oder gebracht worden wären", so Eichhorn. Am Ende des Vortrags entfaltete sich noch ein angeregter Austausch zwischen Referent und Zuhörern. Für Eichhorn stehen noch zwei Dinge zu erwarten: weitere Forschung am Thema und ein Folgevortrag.

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