Kronach

Dirndl haben Konjunktur

Interview  Die beiden Schwestern Anna Lena und Nora Jeske haben zurzeit sehr viel zu tun. Für das Freischießen müssen sie Unmengen an Trachtenmode schneidern.
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Nora und Anna Lena Jeske  Foto: privat
Nora und Anna Lena Jeske Foto: privat
Kronach — Derzeit arbeiten die beiden Schwestern Anna Lena Jeske und Nora Jeske - besser bekannt unter ihrem Label "schwe-stern" - fast rund um die Uhr. Sie peppen alte Dirndl auf, fertigen neue Schürzen, beseitigen Puffärmel und Rüschen und machen die Dirndl zu Designerstücken. Im großen Sommerinterview lassen die beiden kreativen Schwestern hinter die Kulissen blicken.

Alle Welt kauft Mode von der Stange. Wie kommt man denn als Geschwister auf die Idee, sich mit einer kleinen Manufaktur selbstständig zu machen - und dann noch in Kronach?
Nora Jeske: "Idealismus und Unternehmergeist. Anna hat in Österreich als Textil-Designerin gearbeitet und Kunden betreut, die Dirndlstoffe herstellen."
Anna Lena Jeske: "Nora ist gelernte Damenschneiderin und hat während ihrer Arbeit mit Dirndl-Schnitten rumexperimentiert. Nach Kontakt mit anderen Kreativen aus München haben wir dann beschlossen, uns mit unserer Manufaktur selbstständig zu machen."

Verlief immer alles so reibungslos oder seid ihr schon manchmal an einem Punkt gewesen, aufgeben zu wollen?
Anna Lena: "Wir haben sehr viel Zeit und Kraft in den Aufbau unserer Marke investiert. Wenn man sich dafür entscheidet, authentische Produkte von hoher Güte anzubieten, dauert es einige Jahre, bis man in der Lage ist, diese auf einem hohen Niveau zu produzieren und nebenbei noch den richtigen Markt dafür zu finden."
Nora: "Da waren einige Punkte dabei, an denen wir fast das Handtuch geschmissen hätten."

Wie habt ihr angefangen?
Nora: "Wir haben 2008 mit der eigenen Produktion von Taschen angefangen und zusammen mit anderen Designern das ,Pimp your Dirndl‘-Projekt auf die Beine gestellt. Darüber sind wir dazu gekommen, Dirndl aufzumotzen, Schürzen zu bedrucken. So kam eins zum anderen."
Anna Lena: "Dann haben wir irgendwann selber angefangen Schürzen zu nähen und ganze Dirndl zu entwerfen. Bis wir dann jedes Jahr neue Schnitte und eine Dirndl-Kollektion entwickelt haben."

Was würdet ihr anderen Start-up-Unternehmern raten - was sollte man bloß nicht machen?
Anna Lena: "Man sollte in der Modebranche - als Label, Designer, Produzent - nicht denken, dass man kurzfristig erfolgreich wird. Man braucht viele Jahre Erfahrung, bis das Geschäft gut läuft und man die passende Produktpalette und einen festen Kundenstamm aufgebaut hat."
Nora: "Immer durchhalten und an sein Produkt glauben! Viel Freizeit hat man da übrigens nicht."

Dirndl erleben gerade einen echten Boom. Wie könnt Ihr das erklä-ren?
Anna Lena: "Wir erleben gerade, dass man sich wieder versucht, an Traditionen zu orientieren. Offensichtlich sucht man in unserer schnelllebigen Zeit wieder mehr Rückhalt und Verbundenheit mit der Heimat und den Wurzeln."

Was ist ein schönes Dirndl für Euch?
Nora: "Schlicht, klar und edel muss es sein - unsere Kundinnen wissen, was wir damit meinen. Unsere Schnitte haben wir in den vergangenen Jahren immer weiterentwickelt. Es sind die individuellen Details, wie die Ausschnitttiefe oder die durchgehende Länge unserer Modelle, die ein echtes "schwe-stern"-Dirndl schön und zum Einzelstück machen."
Wie darf ein Dirndl gar nicht sein?
Anna Lena und Nora: "Billig Aussehen ..."
Anna Lena: "So wie die ganz kurzen Dirndl mit Pettycoat, die höchstens bis zur Mitte der Oberschenkel gehen."
Nora: "Auch die schulterfreien Blusen und Puffärmel-Blusen mit tausend Rüschen sind für uns ein No-go!"

Was sind die Trends für die kommende Saison?
Nora: "Der Trend geht bei uns auch immer mehr zum Dirndlkleid, das man auch ohne Schürze tragen kann, vielleicht auch mit Gürtel oder Schürzenband. Eines unserer Top-Modelle, das ,Fräulein Folklore‘, haben wir bereits zweimal nach Wien als Abendkleid verkauft. Hier sehen wir für uns weiteres Potenzial."

Ihr macht aber nicht nur Dirndl, sondern was noch?
Anna Lena: "Unser Geschäft hat neben der Manufaktur, in der wir unter anderem Walk jacken, Taschen, Leder-Filz-Accessoires, Hüte, Haarschmuck, Schmuck, Brautkleider, Trachtenwesten für Herren auf Maß herstellen, noch einen anderen Bereich: Wir bieten für andere Firmen Produkt-Marken- und Textildesign sowie Schnitt- und Produktionsberatung an."
Nora: "Die jahrelange harte Arbeit hat eben sehr viel Erfahrung gebracht."

Was ist derzeit euer Lieblingsprodukt?
Anna Lena und Nora: "In der Dirndlhauptsaison natürlich Dirndl!"

Hat sich Euere Mode in den vergangenen Jahren verändert - und wie?
Anna Lena: "Natürlich ändert sich immer alles ein bisschen. Wir verbessern und sammeln ständig Erfahrung und laufen als Designer auch mit offenen Augen durch die Welt und sind immer auf der Suche nach Inspirationen."
Nora: "Stillstand bedeutet den Tod eines jeden Modeunternehmens - das wird es bei uns nicht geben. Aber wir sind unserer klaren Linie, ganz nach dem Motto ,weniger ist mehr‘ (Zitat von Mies van der Rohe) mit einem Touch handgemachter Individualität treu geblieben, und dafür schätzen uns auch unsere lieben Kunden."

Wer hat die Ideen?
Anna Lena und Nora: "Es ist immer ein Zusammenspiel von zwei kreativen Köpfen."

Näht Ihr alles selbst - und verkauft ihr alles selbst. Oder wo gibt es euere Mode?
Nora: "Unsere Dirndl nähen wir tatsächlich hauptsächlich selber. Einige Produkte aus unserem Sortiment lassen wir von kleinen Betrieben aus der Region herstellen wie beispielsweise unsere Ledertaschen von einem Feintäschner aus unmittelbarer Nähe. Allein ist das nicht mehr zu schaffen. Seit ein paar Monaten haben wir eine ,dritte Schwester‘, die uns tatkräftig beim Nähen unterstützt."
Anna Lena: "Ein kleineres Sortiment gibt es noch bei ein paar Partnern wie in Coburg, aber unser Hauptgeschäft befindet sich in Kronach. So können wir unseren exklusiven Service direkt passend zu unseren Produkten anbieten."

Wer entwirft die Stoffe? Und worauf kommt es bei den Stoffen an?
Anna Lena: "Wir legen Wert auf die Herkunft unserer Materialien. Unsere Dirndlstoffe sind aus Tirol. Unsere Druckmuster entwerfen und drucken wir selbst auf die Stoffe, oder bemalen sie."

Was zeichnet Eure eigene Kollektion aus?
Nora: "Klare Linien. Handgefertigt. Hochwertige Materialien aus Deutschland und Österreich. Handgefertigte Einzelstücke."

Wer kauft die "schwe-stern"-Mode?
Anna Lena: "Wir haben keine bestimmte Altersklasse - ob Jung oder Alt - alle, die das Besondere suchen, auf die Herkunft von Materialien achten und unsere Beratung und den Service schätzen, kommen zu uns."

Was wollt Ihr noch erreichen?
Anna Lena und Nora: "Weiter expandieren und unsere Produktpalette erweitern."

An welchem Produkt arbeitet ihr derzeit?
Nora: "An vielen Dirndlkleidern für das Kronacher Freischießen. Wir arbeiten im Moment jeden Tag zwölf Stunden. Eigentlich zu viele ..."

Macht Ihr auch Männer- und Kindermode - oder wollt ihr vielleicht auch Männer- und Kindermode machen. Und warum - oder warum nicht?
Nora: "Wir fertigen auf Anfrage und auf Maß Trachtenwesten für Männer, bemalen Kindershirts, oder Kinderschürzen.”

Was bedeutet das Schützenfest in Kronach für Euch?
Anna Lena: "Das ist der Höhepunkt unserer Dirndlsaison. Darauf folgen noch ein paar Aufträge fürs Oktoberfest und danach haben wir uns ein paar Tage Erholung verdient."
Die Fragen stellte Sonja Adam.
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